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Vorsicht, Denkfalle!: Entweder-oder? Von wegen!

Oft scheitert unser Denken an falschen Gegensätzen: Weil A offenkundig falsch ist, meinen wir, B müsse zutreffen. Unser Kolumnist rät, nicht auf diese Illusion hereinzufallen.
Eine Person steht an einer Weggabelung auf einer asphaltierten Straße, die sich in zwei Richtungen teilt. Die Umgebung ist eine weite, grüne Landschaft unter einem klaren Himmel. Die Szene symbolisiert eine Entscheidungssituation oder einen Scheideweg.
Hopp oder top, schwarz oder weiß, links oder rechts: Wer so denkt, lebt an der Wirklichkeit vorbei.
Irren tun immer die anderen. Man braucht etwas nur oft genug zu hören, um es zu glauben. Und wer sein Gegenüber imitiert, wirkt sympathisch. Der Psychologe und Bestsellerautor Steve Ayan stellt in seiner Kolumne »Vorsicht, Denkfalle!« die wichtigsten Effekte und Verzerrungen der menschlichen Psyche vor.

»Entweder machen wir das richtig oder wir lassen es ganz.« Ein kraftstrotzender, aber irgendwie sinnloser Satz, den schon Eltern auf ihre Kinder loslassen. Wenn ich ihn höre, denke ich: Warum? Fangt doch einfach mal an und guckt, wie es läuft! Wozu dieses starre »Ganz oder gar nicht«? Weil es so überzeugt und entschieden klingt? Oder weil es ach so schön wäre, wenn es nur A oder B, schwarz oder weiß, hü oder hott in der Welt gäbe?

Ich möchte Sie mit einer im Alltag überaus verbreiteten Denkfalle bekannt machen, die Psychologen Illusion der Alternativlosigkeit oder falsche Dichotomie nennen. Altbundeskanzlerin Angela Merkel ist die ungekrönte Königin in dieser Disziplin. Sie prägte den politischen Sprachgebrauch mit dem Satz »Das ist alternativlos«. 2010 kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff »alternativlos« sogar zum Unwort des Jahres.

Mannigfaltige Alternativlosigkeit

Andere beliebte Varianten der falschen Dichotomie lauten: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.« Doch warum sollte man andern nicht in einzelnen Punkten zustimmen und in anderen widersprechen? Oder: »Wenn du mich liebtest, würdest du das nicht von mir verlangen.« Ehrlich wahr – jemanden lieben und ihm trotzdem etwas abverlangen, gibt’s nicht?

Im Umkreis der Wissenschaft besonders beliebt: »Wenn die Theorie stimmt, muss sie alles erklären – sonst ist das Kokolores.« Aber darf eine Erklärung nicht nur mehr oder weniger gut auf verschiedene Fälle anwendbar sein? – Was bliebe uns, wenn wir nur das glaubten, was sich immer bestätigt und keine Ausnahmen kennt?

Formal folgen solche Argumente oft einem logischen Muster: dem disjunktiven Syllogismus. Klingt kompliziert, meint aber etwas Simples. Nämlich den Gedanken, dass wir aus der Ablehnung der einen, falschen Variante auf die Richtigkeit der andern schließen. Vorausgesetzt, eine von zwei gegebenen Alternativen muss zutreffen, es gibt also gar keine weiteren Möglichkeiten. Aber genau diese Prämisse ist der Casus knacksus – denn sie trifft mitnichten immer zu. Wir fantasieren sie uns nur oft dazu.

Das Zusammenspiel zweier menschlicher Neigungen

Wahrscheinlich, so die Philosophin Taeda Tomic von der Universität im schwedischen Uppsala, gründet die Illusion der Alternativlosigkeit auf der Kombination zweier allzu menschlicher Neigungen: erstens auf kognitiver Faulheit. Wir wollen uns nicht die Mühe machen, die Welt als ein riesiges Kuddelmuddel schier unendlicher Optionen zu betrachten. Stattdessen imaginieren wir uns lieber ein überschaubares Set einander ausschließender Alternativen zusammen. Und zweitens auf dem Bedürfnis, andere argumentativ einzulullen. So kommt es, dass in Debatten unentwegt suggeriert wird, es gebe nur dieses oder jenes und nichts dazwischen.

Hü oder hott! Solche Zuspitzungen wirken griffig und eingängig. Und wenn hü doof ist, muss es eben hott sein. Und zwar alternativlos.

Der Philosoph Rüdiger Safranski schrieb einmal, Wirklichkeit sei das, »was übrig bleibt, wenn der Reichtum der Möglichkeiten durch das Nadelöhr der Entscheidung gezogen wird«. Wenn wir das Universum des Denkbaren durchs Nadelöhr der Bifurkation, also in ein zweigeteiltes Entweder-oder, zwängen, berauben wir uns in vielen Fällen ungeahnter Möglichkeiten.

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  • Quellen

Tomić, T., False dilemma. A systematic exposition 10.1007/s10503–013–9292–0, 2013

Safranski, R., Wie viel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare, 1993

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