Vorsicht, Denkfalle! : Selbst Influencer haben Mundgeruch

Social Media sind der Wahnsinn. Jeder kann ständig alles (mit-)teilen – fantastisch! Und noch mit den schönsten Detailaufnahmen des eigenen Lebens garnieren. Doch leider hat man auf Insta, Facebook, X und TikTok gefühlt immer öfter nur noch die Wahl zwischen Hype oder Hass. Zwischen Fontänen aus Herzchen und Likes auf der einen Seite oder erbitterter Ablehnung und Häme auf der anderen. Warum ist das so?
Soziale Medien mit ihren minimalinvasiven Momentaufnahmen sind prädestiniert für einen psychologischen Trugschluss, den Fachleute als Filter-Illusion bezeichnen. Wir bekommen bloß winzige, gefärbte Ausschnitte aus dem Leben anderer mit und generalisieren sie meist voreilig.
Das Wort »Filter« ist dabei doppeldeutig. Es bezeichnet einerseits unsere eigene mentale Voreinstellung, die uns häufig nur das sehen lässt, was wir sehen wollen – etwa so mühelos erfolgreiche und schöne Menschen, wie wir selbst gerne wären. Andererseits sind auch jene »Filter« gemeint, durch die die beeindruckenden Ausschnitte gejagt werden, damit wir das triste Grau drumherum nicht sehen.
Soziale Medien drücken auf die Laune
Laut einer Vielzahl empirischer Forschungsarbeiten, die die Sozialwissenschaftlerin Atrayee Saha von der Jawaharlal Nehru University in Indien Anfang 2026 sichtete, drücken soziale Medien auf die Laune und das Selbstbewusstsein junger Leute. Diese konsumieren im Schnitt nicht nur mehr Inhalte als ältere Erwachsene, es fällt ihnen oft auch schwerer, die damit verbundene Fehlwahrnehmung zu bedenken. Die Jüngeren sind halt noch so begeisterungsfähig, könnte man es positiv wenden. Paradoxerweise verstärkt gerade das die Illusion: »Alle anderen sind toll, nur ich nicht!«
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
- Der action effect
Not täte die Einsicht: Womit wir uns da vergleichen, ist ja gar kein objektiver Maßstab für »das Leben der anderen«. Wir sehen bloß lauter inszenierte »Highlights«. Das traumhafte Urlaubspanorama, die coole Tanzeinlage, die romantische Liebeserklärung, der Stunt, die Muskelberge, die Push-up-Hintern, das Gechille am weißen Strand … Dabei hat auch die strahlendste Haut Pickel, der schärfste Body ist mal schlaff, und selbst im Paradies ist die Party mal zu Ende. In Zeiten von Deepfakes überhaupt noch etwas im Netz für bare Münze zu nehmen, grenzt an Selbstbetrug. Wären wir nur nicht so leicht zu beeindrucken!
Der Durst nach Erfolgsinsignien
In einem Artikel zur Frage, wie tief das soziale Statusstreben in uns wurzelt, kommen Psychologen um Cameron Anderson von der University of California in Berkeley zu dem Schluss: »Wohlbefinden, Selbstvertrauen und Gesundheit von Menschen hängen davon ab, welchen Status andere ihnen zuweisen.« Deshalb reagieren wir hochsensibel auf Insignien des Erfolgs, die andere aussenden. Vereinfacht gesagt: Wer »oben« und wer »unten« ist – nicht bloß ökonomisch, sondern auch was Wissen, Kompetenz, Schönheit oder Durchsetzungskraft betrifft –, spielt eine irrsinnig große Rolle. Wir dürsten regelrecht nach solchen Zeichen.
Laut dem Philosophen Hanno Sauer von der Universität Utrecht ist »Klassismus«, also das Einsortieren von Menschen in soziale Hierarchien, ein evolutionär ererbtes Muster. So sehr wir von Gleichheit träumen, es ging schon immer und wird wohl immer darum gehen, wer mehr hermacht oder kann als andere. Und die mächtigsten Sortiermaschinen in dieser Hinsicht sind – die sozialen Medien.
Wir wollen bewundern und vergessen meist, dass die Bewunderten genauso Mundgeruch, Falten, Pech und Pannen haben wie wir. Man sieht’s nur nicht im Reel.
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