Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch fleischfressende Bakterien

So mancher von Ihnen hat vermutlich schon von den hirnfressenden Amöben gehört, die vor allem in nordamerikanischen Gewässern oder sogar in mit Leitungswasser gefüllten Nasenduschen auf ihre Opfer lauern. Die Mikroben mit dem wissenschaftlichen Namen Naegleria fowleri haben in vergangenen Jahren immer wieder Schlagzeilen gemacht und sind – trotz ihrer bislang seltenen Auftritte – zum gefürchteten Killer avanciert. Während die medialen Scheinwerfer auf sie gerichtet waren, trieb ein anderer Winzling weniger öffentlichkeitswirksam sein Unwesen: das »fleischfressende« Bakterium Streptococcus pyogenes. Es löst zum Teil schwere Weichteilinfektionen aus, die sich blitzschnell auf den gesamten Körper ausbreiten und so in ein Streptokokken-induziertes toxisches Schock-Syndrom (STSS) münden können. Wer nicht rasch medizinisch versorgt wird, hat fast keine Chance, solche Infekte zu überstehen.
Dass die Bakterien weniger gefürchtet sind, liegt sicherlich nicht daran, dass der Krankheitsverlauf nicht so bedrohlich ist wie der, den die Amöben auslösen. Denn macht sich S. pyogenes in den Weichteilen breit, kann es bereits kurze Zeit später großräumig Zellen zerstören. Dabei entstehen zum Teil große, gasgefüllte Blasen in den betroffenen Körperteilen. Mitunter platzt die Haut auf und legt absterbendes Gewebe frei. Wenn man sich Fotos von solcher nekrotisierender Fasziitis ansieht, kann einem ganz schön mulmig zumute werden. Mir fiel es beim Durchblättern der Studien teils schwer, mir vorzustellen, wie der Patient oder die Patientin zur Zeit der Aufnahme noch am Leben sein konnte.
Zu welchen Gräueln der Keim imstande ist, lässt etwa eine Fallbeschreibung aus dem Jahr 2024 erahnen. Sie erzählt von einer kurz zuvor noch gesunden 67-jährigen Frau, die nur 100 Minuten, nachdem sie eigenständig ins Krankenhaus marschiert war, an einem septischen Schock verstarb. Ihre Erkrankung hatte bloß zwei Tage vorher begonnen, und zwar mit anfangs unspezifischen Beschwerden. Zuerst bemerkte sie Schüttelfrost, am Folgetag hatte sie Fieber und Durchfall. Erst an ihrem letzten Tag entwickelte sie starke Schmerzen am linken Bein. Sie zogen sich bis in ihren Bauchraum und brachten die Frau dazu, sich medizinische Hilfe zu suchen.
Unscheinbarer Infektionsherd erweist sich als stiller Killer
Die Ärztinnen und Ärzte verloren keine Zeit. Als Erstes sahen sie sich das schmerzende Bein der Patientin an und fanden dort keine offensichtlichen Wunden oder sichtbaren Entzündungsherde. Sie nahmen Blutproben, checkten die Vitalwerte (die zu dem Zeitpunkt noch im grünen Bereich waren) und fertigten Computertomografiescans vom Körper der Frau an. Doch nur 70 Minuten nach ihrer Aufnahme verschlechterte sich der Zustand der Patientin. Sie verlor das Bewusstsein, ihr Blutdruck stürzte ab und sie litt unter akutem Sauerstoffmangel. Obwohl das Notfallteam sie künstlich beatmete und ihr Breitbandantibiotika verabreichte, erlag sie dem Infekt wenig später.
Dass S. pyogenes für ihren Tod verantwortlich war, bestätigte der Bakteriennachweis in ihrem Blut. Der bei ihr gefundene Stamm war besonders aggressiv: Die Symptome setzten sehr plötzlich ein und der Keim verheerte ihren Körper in kurzer Zeit, indem er ihre roten Blutkörperchen und Blutgefäße zerstörte. Die Autopsie der Patientin zeigte Bakterienüberreste in fast allen Kapillaren und im Rückenmark. Der Pathologe fand am Bein der Verstorbenen nur ein kleines Hautbläschen. Im Gewebe darunter versteckte sich die typische zerstörerische Weichteilinfektion, die nekrotisierende Fasziitis.
Ob das Bakterium über eine Wunde eindrang, ist unklar. In knapp der Hälfte der STSS-Fälle lässt sich keine solche Eintrittspforte nachweisen. Manchmal können die Keime bereits im Körper schlummern und ein kleiner Stups – etwa ein Bluterguss oder eine Muskelzerrung – reicht schon aus, um eine gefährliche Kettenreaktion in Gang zu setzen. In solchen Fällen verzögert sich mangels der typischen Anzeichen eines Wundinfekts häufig die Diagnose. Den Ärzten und Ärztinnen bleibt dann noch weniger Zeit, die Erkrankung zu bekämpfen. Die Sterberate kann so Studien zufolge auf über 70 Prozent ansteigen.
Eingewachsene Nägel als Anfang vom Ende
Es ist sogar möglich, dass S. pyogenes an einer Stelle unter die Haut gelangt und dann an einer anderen eine Weichteilinfektion auslöst. Dieses Pech hatte 2007 eine 39-jährige Frau in den USA, die kurz vor ihrem Aufenthalt auf der Intensivstation an mehreren eingewachsenen Nägeln gelitten hatte. Wenn sich diese schmerzhaft entzünden und eitern, liegt das in etwa drei von zehn Fällen an einem Streptokokkenbefall. Bei der Patientin war Streptococcus pyogenes in den Wunden um die Nägel nachgewiesen worden, und ihr Arzt hatte ihr eine Antibiotikacreme und Antibiotikatabletten zum Einnehmen verordnet. Ihre Nagelbettentzündung ging daraufhin schnell zurück.
Zugleich entwickelte sie jedoch einen Ausschlag auf einer Seite ihrer Hüfte und am Brustkorb sowie an einem Oberschenkel. Sie kam mit etwa zweieuromünzgroßen, extrem schmerzhaften Schwellungen in den betroffenen Arealen ins Krankenhaus. Das Notfallteam vermutete schnell eine nekrotisierende Weichteilinfektion darunter und verordnete eine abklärende OP. Der Gewebeverfall war weiter fortgeschritten, als man von außen sehen konnte. Die Chirurginnen und Chirurgen mussten großflächig abgestorbenes Fett-, Muskel- und Fasziengewebe sowie Hautlappen aus den infizierten Bereichen herausschneiden. Die Frau sprach zwar gut auf die Antibiotika an, die sie per Infusion erhielt; dennoch mussten ihre Wunden mehrmals von nekrotischem Gewebe befreit werden. In einer weiteren Operation entfernte das OP-Team zudem einige befallene Blutgefäße. Bei all diesen Strapazen hatte die Patientin Glück, denn sie überlebte. Nach mehreren Wochen konnte sie das Krankenhaus mit noch funktionsfähigen Gliedern genesen verlassen.
Erfreulicherweise ist STSS beziehungsweise durch S. pyogenes verursachte nekrotisierende Fasziitis sehr selten. Meistens treten die Infekte sporadisch auf, also ohne klare Ansteckungskette von Mensch zu Mensch. Gelegentlich kommt es aber auch zu größeren Ausbrüchen. Ein solcher erfasste 2024 Japan, er betraf knapp 2000 Menschen und forderte Hunderte Todesopfer.
Streptococcus pyogenes lauert auch im Rachen
Das vielleicht Gruseligste an S. pyogenes ist, dass der Keim eigentlich weitverbreitet ist. Nur ein winziger Teil der von ihm verursachten Erkrankungen entfällt auf schwere Weichteilinfekte. Viel häufiger liegt er Rachenentzündungen zugrunde. Bei Erwachsenen ist das Bakterium für bis zu 15 Prozent, bei Kindern sogar bis zu 30 Prozent aller Anginaerkrankungen verantwortlich. Beim STSS-Ausbruch in Japan beobachtete man zeitgleich einen starken Anstieg an Racheninfekten mit Beteiligung von S. pyogenes. Auch Scharlach wird von diesen Bakterien ausgelöst. Vom Rachenraum aus können manche Stämme verletzte Haut befallen und dort eitrige Wundinfekte auslösen. In vielen Fällen heilen diese von selbst ab oder lassen sich einfach mit Cremes behandeln. Ganz selten breiten sie sich wie oben beschrieben auf weitere Körperareale aus und führen dort zu Problemen. Prinzipiell lauern die Keime also nahezu überall und sind zusammengenommen allein in Deutschland für Hunderttausende Erkrankungen pro Jahr verantwortlich.
Wie kann man sich vor den fiesen Erregern schützen? Impfungen stehen nicht zur Verfügung, deshalb ist Vorbeugung zentral. Wunden sollte man immer gründlich auswaschen und desinfizieren, um den auf der Haut lauernden Bakterien keine Chance zu geben. Offene Stellen sollten sauber oder bedeckt gehalten werden, bis sich ein Schorf bilden konnte. Bei Rachenbeschwerden im Umfeld sollte man besonders auf angemessene Hygiene achten. Die meisten Ansteckungen erfolgen über direkten Hautkontakt, entsprechend wichtig ist das gründliche Händewaschen. Und wenn eine Blessur außergewöhnlich stark schmerzt oder etwas auf absterbendes Gewebe hinweist – dunkle Verfärbungen um die Wunde, Austritt von übel riechender Flüssigkeit, Flüssigkeitsansammlungen und starke Schwellungen –, ist es Zeit, das Ganze sehr schnell ärztlich abklären zu lassen.
- Steckbrief: Nekrotisierende Fasziitis© substancep / stock.adobe.com (Ausschnitt)Blutzerstörende Kolonien | Lässt man S. pyogenes auf einem Wachstumsmedium gedeihen, das wie im Bild Blut enthält, kann man die blutzersetzenden Toxine des Bakteriums erkennen – sie zeigen sich als helle Stellen um die Bakterienkolonien auf der sonst blutrot gefüllten Petrischale.
Auslöser: Bakterien der Art Streptococcus pyogenes
Vorkommen: Die Keime sind weitverbreitet als menschliche Krankheitsauslöser.
Krankheitspotenzial: Nur selten tritt S. pyogenes in einer ausgeprägten Weichteilinfektion in Erscheinung. Viel häufiger findet man das Bakterium in unkompliziert behandelbaren eitrigen Wunden sowie in den Atemwegen von Personen mit Rachenentzündungen oder Scharlach.
Behandlung: Medikamentös mit Antibiotika, oft direkt per Infusion. Die meisten Streptokokken sprechen noch gut auf Penizilline und Breitbandantibiotika an. Zusätzlich sind häufig Operationen nötig, um abgestorbenes Gewebe zu entfernen und den Infektionsherd zu reinigen. Amputationen sind keine Seltenheit. Mit rascher Therapie überleben rund sieben von zehn Erkrankten.
Besonderheiten: Manche Bakterienstämme stellen Exotoxine her, die dem Körper schwer zusetzen können. Diese Proteine sind für besonders fulminante Krankheitsverläufe verantwortlich. Sie wirken als Superantigene (bringen das Immunsystem also zur gefährlichen Überreaktion), schaden der Plasmamembran von Blutgefäßen und zerstören mitunter Blut- und andere Zellen.
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