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Freistetters Formelwelt: Der geläuterte Querdenker

Was tut man eigentlich, wenn man »einen Stiefel rechnet«? Der Namensgeber der mathematischen Verirrung predigte einst den Weltuntergang. Später lernte er dann richtig rechnen.
Ein Priester predigt zu mittelalterlichen Landsknechten in einem Feldlager.

Der deutsche Mathematiker Michael Stiefel, der sich eigentlich »Stifel« schrieb, hatte ein aufregendes Leben. Anfangs war er Theologe und Priester – und das mitten in der Zeit der Reformation, als er sich auf die Seite von Martin Luther schlug. Aber auch mathematisch war das 16. Jahrhundert recht turbulent.

Viele Begriffe und Symbole, die wir heute selbstverständlich benutzen, haben ihren Ursprung in den Arbeiten der damaligen Zeit. Ein Beispiel sind die Potenzen. Mit ein wenig Schulmathematik stellt eine Formel wie diese keine große Herausforderung mehr dar:

Wir wissen, dass hier eine Potenzrechnung durchgeführt wird, bei der man a als die »Basis« der Exponentation bezeichnet und r beziehungsweise s als den jeweiligen »Exponenten«. Das Wort Exponent übrigens wurde erst durch Michael Stifel in die Mathematik eingeführt – und zwar in seinem 1544 erschienenen Hauptwerk »Arithmetica integra«. Darin fasste er all das zusammen, was damals in Arithmetik und Algebra bekannt war, mit jeder Menge erläuternder Rechenbeispiele.

Es war ein extrem populäres Buch, und deswegen trug es auch zur Verbreitung der darin verwendeten mathematischen Notation bei. Zum Beispiel der Symbole »+« und »–«, die Stifel zwar nicht erfunden, aber benutzt hat – genauso wie das Wurzelzeichen oder die Konvention, bei der Multiplikation zweier Zahlen das Multiplikationszeichen dazwischen einfach wegzulassen. Und mit seinen Regeln und Begriffen zur Potenzrechnung half Stifel bei der späteren Entwicklung des logarithmischen Rechnens.

Die legendärsten mathematischen Kniffe, die übelsten Stolpersteine der Physikgeschichte und allerhand Formeln, denen kaum einer ansieht, welche Bedeutung in ihnen schlummert: Das sind die Bewohner von Freistetters Formelwelt.
Alle Folgen seiner wöchentlichen Kolumne, die immer sonntags erscheint, finden Sie hier.

In Beschreibungen zu Arbeit und Leben von Michael Stifel kann man sehr oft lesen, der Ausdruck »einen Stiefel rechnen« – also irgendeinen Quatsch rechnen – würde auf ihn zurückgehen. Angesichts seiner einflussreichen mathematischen Arbeit erscheint das erst einmal ein wenig seltsam.

Die gescheiterte Apokalypse

Es geht dabei aber um eine ganz andere Geschichte: Stifel war schon mehr als 50 Jahre alt, als er sich für ein Studium der Mathematik an der Universität Wittenberg einschrieb und ein paar Jahre danach die »Arithmetica integra« veröffentlichte. Davor betrachtete er die Zahlen eher aus theologischer Sicht und mit dem Blick eines Autodidakten. Stifel war fasziniert von der Symbolik der Zahlen und führte »Wortrechnungen« durch: Den Namen des 1521 verstorbenen Papstes Leo X. etwa schrieb Stifel als »LEO DECIMVS«. Lässt man E, O und S weg, dann kann man die restlichen römischen Buchstaben auch als Zahlen auffassen.

Was Stifel tat; und mit ein wenig kreativer Rechnerei kam er darauf, dass der Name des Papstes der Zahl 666 entspricht. Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn ein junger Reformator wie Stifel seine Abneigung gegenüber dem verhassten Papst auf diese Weise ausdrückt und ihn als den Antichristen bezeichnet. Stifel hörte hier aber nicht auf, sondern stellte ähnliche Rechnungen an, die ihn zur Überzeugung brachten, dass die Welt am 19. Oktober 1533 untergehen wird – und zwar um 8 Uhr morgens.

Selbst Luther konnte ihn nicht von dieser fixen Idee abbringen, die Stifel seiner Gemeinde im wittenbergischen Lochau eindringlich predigte. Mit Erfolg: Die Bauern ließen die Arbeit liegen, Menschen verschenkten ihren Besitz, gingen zur Beichte und warteten auf die Apokalypse. Die natürlich nicht stattfand, was die Gemeinde enttäuschte und Stifel einen Aufenthalt im Gefängnis einbrachte.

Ob diese Episode tatsächlich der Ursprung der Redewendung »einen Stiefel rechnen« ist, lässt sich nicht zweifelsfrei belegen. Fest steht jedoch, dass Michael Stifel die Weltuntergangsprognosen von da an sein ließ und sich mit echter Mathematik beschäftigte. Mit Erfolg, wie seine Werke und ihr bis heute andauernder Einfluss zeigen. Manchmal kriegt eben auch ein überzeugter Verschwörungstheoretiker noch die Kurve.

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