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Freistetters Formelwelt: Willkommen in der Matrix

Eine Matrix ist eine ganz besondere Anordnung von Zahlen – die dadurch mehr wird als die Summe ihrer Teile. Und dieses Exemplar ist sogar besonders nützlich. Ein deutscher Mathematiker erforschte sie vor über 100 Jahren.
Eine 3D-Darstellung eines abstrakten, würfelförmigen Objekts, das aus zahlreichen kleinen, violetten geometrischen Formen besteht. Diese Formen sind in einem Gittermuster angeordnet und scheinen in einem nebligen, lila Hintergrund zu schweben. Die Struktur vermittelt ein Gefühl von Tiefe und Komplexität.
Dieser Würfel aus Würfeln hat nicht direkt etwas mit einer Matrix zu tun, ist aber hübsch.

Eine Matrix ist ein seltsames Objekt. Eigentlich besteht sie nur aus Zahlen, aber wenn diese in einer bestimmten Weise angeordnet werden, ist das Ergebnis sehr viel mehr, als es die ursprünglichen Zahlen waren. Eine Matrix repräsentiert nicht nur die Zahlen selbst, sondern auch bestimmte Beziehungen zwischen ihnen. Dass es dafür zahlreiche Anwendungen in den Naturwissenschaften gibt, leuchtet sofort ein.

Wenn wir es mit Phänomenen im dreidimensionalen Raum zu tun haben, können sich bestimmte Parameter (zum Beispiel das Trägheitsmoment) unterschiedlich verhalten – je nachdem, um welche Richtung (oder Kombination von Richtungen) es geht. Will man das Verhalten vollständig beschreiben, muss man all diese Zahlen zu einer Matrix kombinieren. Selbstverständlich sind Matrizen aber auch in der reinen Mathematik von Bedeutung. Und eine Art von Matrix, die überall relevant ist, ist diese hier:

Man erkennt auf den ersten Blick, dass diese Matrix nicht mit beliebigen Werten gefüllt ist: Jede der Diagonalen, die von links oben nach rechts unten verläuft, enthält dieselben Einträge. Eine Matrix dieser Form (die natürlich auch größer oder kleiner als das obige Beispiel mit 5 × 5 Einträgen sein kann) nennt man »Toeplitz-Matrix«. Ihre Einträge aij hängen nur von der Differenz der Indizes i – j ab. Kennt man die erste Zeile und die erste Spalte so einer Matrix, ist sofort auch der gesamte Rest bekannt. Oder etwas anders ausgedrückt: Bei einer Toeplitz-Matrix hängt der Wert des Eintrags vom Abstand zwischen Zeile und Spalte ab.

Die legendärsten mathematischen Kniffe, die übelsten Stolpersteine der Physikgeschichte und allerhand Formeln, denen kaum einer ansieht, welche Bedeutung in ihnen schlummert: Das sind die Bewohner von Freistetters Formelwelt.
Alle Folgen seiner wöchentlichen Kolumne, die immer sonntags erscheint, finden Sie hier.

Das macht sie zu einem idealen Werkzeug für jede Menge naturwissenschaftliche Probleme, denn auch in der Realität kommt es immer vor, dass es nicht wichtig ist, wo sich etwas befindet oder wo etwas passiert, sondern darauf, wie weit zwei Objekte oder Ereignisse voneinander entfernt sind. Ebenso relevant sind Toeplitz-Matrizen in der Signalverarbeitung, etwa wenn Filter auf Signale angewandt werden sollen. Auch hier ist der relative Bezug zu den Umgebungswerten oft wichtiger als die absolute Position. Ein Beispiel wäre die Anwendung eines Weichzeichners auf ein Bild, bei dem der neue Farbwert der Pixel aus den Werten benachbarter Pixel berechnet wird. Mathematisch lässt sich das mit Toeplitz-Matrizen formulieren, und die entstehenden Gleichungssysteme sind dank ihrer speziellen Struktur besonders effizient lösbar.

Diese Art der Matrizen wurde zuerst im Jahr 1911 vom deutschen Mathematiker Otto Toeplitz erforscht. Er stammte aus einer jüdischen Familie und sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Mathematiklehrer. Toeplitz arbeitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Göttingen und danach in Kiel und Bonn. 1935 wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft zwangsweise pensioniert und 1939 musste er aus Deutschland fliehen; er starb aber schon ein Jahr nach seiner Emigration in Jerusalem. Sein wissenschaftliches Vermächtnis beschäftigt die Mathematik allerdings immer noch. Die nach ihm benannten Matrizen finden überall ihre Anwendung – und auch an der Toeplitz-Vermutung wird immer noch gearbeitet.

Dabei geht es allerdings nicht um Matrizen, sondern um Geometrie: Angenommen, man hat eine geschlossene Jordan-Kurve, also eine stetige Kurve, die sich selbst nicht schneidet: Enthält diese Kurve dann alle Eckpunkte eines Quadrates? Oder, etwas anschaulicher formuliert: Wenn man eine beliebige geschlossene Kurve zeichnet, die sich nicht selbst schneidet, lässt sich darin dann ein Quadrat so unterbringen, dass die Kurve alle vier Ecken davon berührt? Wenn die Kurve ein Kreis ist, ist die Antwort klar. Aber Toeplitz hatte 1911 vermutet, dass das in jedem Fall gilt. Bis heute konnte die Vermutung für diverse Spezialfälle bewiesen werden, ein allgemeiner Beweis fehlt allerdings immer noch.

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