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Freistetters Formelwelt: In den Untiefen der Fake-Mathematik

Mathematische Texte sind schwer zu schreiben, zu lesen und zu verstehen. Und nicht immer sieht man auf den ersten Blick, ob man es überhaupt mit echter Mathematik zu tun hat.
Ein Haufen Publikationen

Ich habe in meiner wissenschaftlichen Karriere ein paar Dutzend Fachartikel publiziert, die meisten davon zu Astronomie, ein paar auch mit deutlich mathematischer Ausrichtung. Einen Artikel aus der reinen Mathematik habe ich aber nie publiziert. Kürzlich hat mir jedoch ein nettes Online-Projekt ohne großen Aufwand zu so einem Artikel verholfen.

Es heißt »Mathgen« und erstellt automatisiert Texte, die nach professioneller Mathematik aussehen – allerdings kompletter Quatsch sind. Der Algorithmus bastelt Sätze und Formeln nach simplen Regeln zusammen und füllt den Artikel nach dem Zufallsprinzip mit typischen Phrasen, die man auch in echten Texten finden kann.

»Mein« Artikel trägt den überraschenden wie viel versprechenden Titel »On Existence« und auf Seite 2 findet sich gleich die erste Formel:

Nonsense-Formel

Das sieht definitiv wie Mathematik aus. Ohne entsprechendes Vorwissen könnte man glauben, man hätte es hier mit einem sehr komplizierten Thema zu tun. Und ich will nicht einmal ausschließen, dass dieser Wirrwarr aus Symbolen in einem bestimmten Kontext nicht vielleicht doch irgendwie sinnvoll sein könnte. In diesem Fall ist er es aber definitiv nicht. Und wer Ahnung von Mathematik hat, sieht auf den ersten Blick, dass der automatisch erstellte Artikel absolut nichts mit echter Wissenschaft zu tun hat.

Warum sollte man sich dann überhaupt mit solchen Fake-Texten beschäftigen? Nun, erstens macht es einfach Spaß zu sehen, was der Algorithmus alles produziert. Es ist überraschend, wie oft man darin auf Sätze und Phrasen trifft, die genau so auch in echter Forschungsliteratur stehen könnten (was nicht unbedingt für die sprachliche Qualität vieler Fachartikel spricht). Und zweitens kann man mit solchen Texten die seriösen von den unseriösen Journalen unterscheiden. Am wissenschaftlichen Publikationssystem lässt sich viel kritisieren, doch zumindest wird dort durch den Peer-Review-Prozess einigermaßen sichergestellt, dass nur seriös durchgeführte Forschung veröffentlicht wird. Die eingereichten Artikel werden vor der Publikation von Expertinnen und Experten so gut wie möglich geprüft; Fehler müssen ausgebessert werden; wenn das nicht möglich ist, wird die Arbeit abgelehnt.

Alles nur des Geldes wegen

Es gibt aber jede Menge »Raubverlage«, die bloß vorgeben, seriöse wissenschaftliche Fachzeitschriften herauszugeben. Deren Geschäftsmodell besteht darin, gegen eine Gebühr einfach alles zu veröffentlichen, was sie zugesendet bekommen. In der Wissenschaft weiß man darüber natürlich Bescheid, und niemand tut seiner Karriere etwas Gutes, wenn er dort publiziert. Wenn es hingegen nur darum geht, die Öffentlichkeit abseits der wissenschaftlichen Community durch scheinbare Forschung zu beeindrucken, kann man sich mit solchen Raubverlagen schnell eine auf den ersten Blick eindrucksvolle Publikationsliste zulegen. Ob ein Journal die eingereichten Artikel prüft oder nicht, kann man mit Fake-Texten wie jenen von Mathgen leicht herausfinden. Da reicht selbst ein kurzer Blick auf den Artikel, um festzustellen, dass es sich um Unsinn handelt. Wird der Text trotzdem akzeptiert, kann man getrost davon ausgehen, dass der Verlag bloß am Geld interessiert ist.

Doch es kann auch Spaß machen, echte von falscher Wissenschaft zu unterscheiden. Im Online-Spiel »arXiv vs snarXiv« muss man anhand der Titel von Artikeln herausfinden, ob man es mit einer echten Forschungsarbeit aus der theoretischen Physik zu tun hat (die in der realen Datenbank »arXiv« veröffentlicht wurde) oder mit einem Quatsch-Titel, der von einem Algorithmus produziert wurde. Wenn man dort zum Beispiel zwischen »Spin-charge Separation for the SU(3) Gauge Theory« und »On the Thermodynamics/QCD3 Correspondence« wählen muss, wird es spannend …

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