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Misere der frühen Bildung: Deutschlands Kitas leisten wenig – dabei könnten sie es

In deutschen Kitas steckt viel Potenzial, das nicht genutzt wird. Irreführende Fachbegriffe und immer neue Programme kaschieren ein strukturelles Problem, kommentiert Bildungsexperte Gerhard Friedrich.
Ein Kind schaut neugierig über einen Holzzaun. Im Hintergrund sind unscharfe Bäume und ein weißes Schild zu sehen. Einige Seifenblasen schweben in der Luft. Die Szene vermittelt eine spielerische und neugierige Stimmung.
Was in der Kita geschieht und was sie leisten soll, ist oft unklar – Standards fehlen vielerorts. (Symbolbild)

»Ein bisschen Liebe, ein bisschen Lego – aber null Logo.« »Eine miserablere Qualität als die von deutschen Kindergärten ist kaum möglich.« So geißelte das Magazin »Stern« im Jahr 2003 in einem Leitartikel die frühkindliche Bildung in Deutschland.

Eine Generation später drängt sich eine unbequeme Frage auf: Was hat sich seitdem verbessert?

Die Befunde sind seit Langem bekannt und werden doch stets wieder neu zutage gefördert: Unterschiede in zentralen Bildungsbereichen wie Wortschatz, Zahlenverständnis oder Sozialverhalten zwischen einzelnen Kindern entstehen früh und bleiben meist für die Dauer ihres Lebens bestehen. Als Reaktion darauf werden immer neue Programme und immer umfangreichere Orientierungspläne für Fachkräfte und Träger aufgelegt – doch in der Praxis ändert sich wenig. Stattdessen wird der Bildungsauftrag der Kita zunehmend unklar formuliert.

Fachbegriffe, die den Blick verstellen

Begriffe wie »schulische Vorläuferfähigkeiten« (etwa Wortschatz und Mengenverständnis) oder »alltagsintegrierte Bildung« (Lernen in alltäglichen Situationen) prägen seit Jahren den fachlichen Diskurs. Sie wirken harmlos und plausibel. Gerade deshalb sind sie so wirksam – und vergrößern das Problem, indem sie es verschleiern.

Denn sie verzerren unseren Blick auf frühe Bildung, verschieben, wie wir sie verstehen. Wer von »schulischen Vorläuferfähigkeiten« spricht, denkt die Entwicklung vom Ende her, vom Maßstab der Schule. Was Kinder tun und denken, erscheint nicht für sich betrachtet als wichtig, sondern als etwas, was später einmal gebraucht wird. So wird aus früher Bildung Vorbereitung und aus der Kita ein Zulieferbetrieb.

Auch »alltagsintegrierte Bildung« klingt unverfänglich und legt nahe, dass Bildung nebenbei entsteht – etwa am Frühstückstisch oder beim Spielen. Auf dem Pausenhof integriert aber niemand Mathematik an der Tischtennisplatte.

Was in der Schule zu Recht undenkbar wäre, gilt für die Kita als fachlich angemessen und wird sprachlich legitimiert: Bildung ohne klare Verbindlichkeit, ohne gesonderte Aufmerksamkeit, ohne Anspruch auf systematische Entwicklung.

Die Beobachtungen, auf die sich diese Begriffe beziehen, etwa sprachliche und mathematische Lernprozesse im Alltag, sind nicht falsch. Aber die Wortwahl ist folgenreich. Sie zementiert ein Verständnis von früher Bildung, das fachlich nicht mehr haltbar ist, und verhindert so, dass wir der Misere der frühkindlichen Bildung endlich entkommen.

Über Schulen wird gestritten, über Kitas wird entschieden

Sprache beschreibt nicht nur Wirklichkeit. Sie formt sie. Ihre Wirkung schlägt sich in den Strukturen und Entscheidungen des Bildungssystems nieder. Auf verschiedenen Ebenen wird über Schulen gestritten, über Kitas wird entschieden. Die Folge sind unterschiedliche Zuständigkeiten, uneinheitliche Ausbildungswege, Programme ohne verbindliche Umsetzung und ein gesellschaftliches Verständnis, nach dem der Ernst des Lernens erst bei Schuleintritt beginnt.

Was Kinder in der Kita tun, verstehen wir als Spiel, oft im Sinne eines naiven Spielverständnisses, das Spiel und Bildung voneinander trennt und damit entwertet.

Ungleiche Bildungschancen werden verstärkt

Während frühe Bildung institutionell immer unverbindlicher wird, nimmt umgekehrt die private Förderung allenthalben zu. Musikunterricht, Sprachkurse und andere Angebote übernehmen Aufgaben, die zum Bildungsauftrag der Kita gehören. Bildung verschwindet also keineswegs, sie verlagert sich. So werden bestehende Ungleichheiten im Bildungserfolg noch verstärkt. Denn es sind vor allem die sozioökonomisch privilegierten Familien, die den entsprechenden Angeboten zuströmen, weil es ihnen aus finanziellen, organisatorischen und milieuspezifischen Gründen tendenziell leichter fällt, diese zu nutzen.

Was in der Frühpädagogik fehlt, ist nicht Wissen. Was fehlt, ist Verbindlichkeit: klare gemeinsame Standards, Ziele und Erwartungen. Was sollen Kinder in der Kita lernen? Wie entsteht frühe Bildung im Alltag? Was verstehen wir in den Einrichtungen unter »guter Qualität«?

Die Folge der fehlenden Verbindlichkeit ist seit Jahrzehnten ein Immermehr vom Gleichen: Programme, Evaluationen, Leuchtturmprojekte und aufwendige Zertifizierungen. Hinzu kommen immer neue Profilbildungen von Kitas, etwa als Sprachkitas, Bewegungskitas oder Kreativkitas, die das Bildungsprofil weiter ausdifferenzieren, ohne es zu klären.

Und diese erreichen die Praxis. Doch ob sie dort etwas verändern, bleibt fraglich. Veränderung entsteht dort, wo Teams gemeinsam an konkreten Situationen arbeiten, indem sie Beobachtungen aus dem Alltag der Kinder aufgreifen und gemeinsam weiterdenken.

Verbindlichkeit entsteht auf kommunaler Ebene

Entscheidend ist hier die kommunale Ebene. Dort, wo Träger, Fachberatung und Einrichtungen zusammenarbeiten, kann Verbindlichkeit entstehen. Weder reine Vorgaben von oben noch ein ausschließliches Entwickeln aus der Praxis heraus genügen dafür; der Ideen- und Informationsfluss muss zwischen Organisation und Umsetzung beidseits funktionieren.

Was zu tun ist, ist längst bekannt: Ressourcen müssen anders eingesetzt werden. Nicht für neue Verwaltungsstrukturen, sondern für die fachliche Arbeit in den Einrichtungen. Statt Steuerung aus der Distanz braucht es Verantwortung und Entscheidungskraft vor Ort. Gefragt ist eine starke kommunale Mitte, die Träger, Fachberatung und Kitas zusammenführt und gemeinsame Prioritäten setzt.

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