Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Klimaanlage

Der Heidelberger Sommer macht mir immer häufiger zu schaffen – an schwülheißen Tagen genieße ich es deshalb besonders, im klimatisierten Büro zu sitzen. Die dort herrschenden 22 bis 25 Grad sind allemal angenehmer und auch gesünder, als bei über 30 Grad in der Wohnung zu schwitzen. Zumindest solange die Kühlanlage keine gefährlichen Keime in die Umgebungsluft bläst. Dass Derartiges durchaus vorkommen kann, zeigt ein Krankheitsausbruch in der Schweiz.
Im August 2026 gelangten in der Basler Innenstadt infektiöse Keime aus einem Kühlturm in die Umgebungsluft. Das führte im Umfeld der Anlage zu einer kleinen Epidemie, die mindestens 28 Menschen in Mitleidenschaft zog. 26 Betroffene mussten im Krankenhaus behandelt werden, sieben sogar auf der Intensivstation. Und eine Person verstarb Anfang August 2026, nachdem sie eine schwere Lungenentzündung entwickelt hatte. Der Auslöser der Krankheitsserie: Bakterien der Gattung Legionella.
Die von ihnen verursachte Legionärskrankheit kann schon innerhalb von 24 Stunden nach Ansteckung als fiebriger Atemwegsinfekt ausbrechen. Erkrankte klagen über grippale Symptome wie Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen sowie trockenen Husten. Von dieser milderen Variante, dem sogenannten Pontiac-Fieber, erholen sich die meisten Patienten innerhalb weniger Tage. Kritisch wird es, wenn sie eine Lungenentzündung entwickeln. Eine solche Legionellen-Pneumonie beginnt im Schnitt fünf bis sechs Tage später. Selbst mit gezielter Antibiotikatherapie sterben 5 bis 10 Prozent der Betroffenen.
Legionärsfieber trifft Männer etwa dreimal häufiger als Frauen, und die Krankheit bricht gehäuft bei Menschen über 50 aus. Wer Diabetes oder Herz-Lungen-Erkrankungen hat, raucht oder immunsupprimiert ist, hat ein höheres Risiko für einen lebensgefährlichen Verlauf. Der in Basel Verstorbene war ein 69-jähriger Mann mit mehreren Vorerkrankungen – damit war er ein klassischer Hochrisikopatient. Prinzipiell können sich jedoch Personen jeden Alters anstecken und schwer erkranken.
Gefahr im Duschkopf
Legionellen dürften vielen ein Begriff sein, schließlich zählen sie zu den Keimen, die auch im Haushalt zu Problemen führen können. Die Bakterien wachsen nämlich liebend gern in Wasserleitungen und unzureichend erhitzten Wasserspeichern. Sie sind der Grund für die Empfehlung, den Durchlauferhitzer oder Warmwasserspeicher ganzjährig auf mindestens 60 Grad Celsius einzustellen. Was womöglich weniger bekannt ist, ist, dass man sich durchaus auch über andere Quellen als die Duschbrause mit Legionellose anstecken kann.
Das zeigte schon der erste bekannte Ausbruch der Krankheit, der ihr ihren Namen gab. 1976 trafen sich im US-amerikanischen Philadelphia mehr als 2000 Kriegsveteranen der American Legion. Viele von ihnen waren schon im fortgeschrittenen Alter und nicht gerade kerngesund. Nachdem sie vier Tage in einem Hotel verbracht hatten und wieder heimgekehrt waren, beklagten einige von ihnen Anzeichen eines Infekts – sie fühlten sich krank, bekamen Fieber, Brustschmerzen und Husten. Innerhalb einer Woche nach Ende des Treffens waren 130 der Teilnehmenden im Krankenhaus und 25 tot.
Die US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) begann bald mit Nachforschungen zur Ursache der mysteriösen Legionärskrankheit. Es dauerte nicht lange, bis sie das Hotel in Philadelphia ins Visier nahmen. Den Übeltäter fanden sie aber erst nach mehreren Monaten, und zwar im Kühlturm der Hotelklimaanlage. Im darin zirkulierenden Wasser hatten sich Bakterien der damals neu entdeckten Art Legionella pneumophila vermehrt. Über die Lüftung wurden sie zusammen mit winzigen Wassertröpfchen ins Hotel geblasen.
Legionellen lieben feine Tröpfchennebel
Das bescherte ihnen perfekte Infektionsbedingungen, denn Legionellen werden vorrangig über Aerosole übertragen. Diese erlauben es den Keimen, direkt in die Lunge einzudringen. Zwar dienen dem Organ bestimmte weiße Blutkörperchen, die Makrophagen, als eine Art Putztrupp. Sie nehmen die Bakterien auf, um sie zu verdauen – doch die Legionellen entkommen dem Abbau und vermehren sich im Inneren der Zellen. Der Vorgang resultiert nach einigen Tagen in den typischen Beschwerden der Legionärskrankheit.
Beim Duschen ist Legionella pneumophila deshalb gefährlich, weil der Erreger über den feinen Tröpfchennebel beim Einatmen in die Lunge gelangt. Selbiges gilt für Whirlpools, Brunnen, Quellen und andere Vorrichtungen, die Wasser in die Luft schleudern. Normales Baden in legionellenreichem Gewässer ist weitaus weniger kritisch, da die Keime hier kaum eingeatmet werden. Auch das Trinken von Flüssigkeit, in der sich Legionellen tummeln, führt selten zu Problemen. Solange man beim Schlucken nicht einatmet und einen Teil des Getränks in die Lunge saugt, ist man in der Regel sicher. Denn gegen den Magensaft haben die Bakterien keine Chance.
Nur industrielle Klimaanlagen betroffen
Und ebenfalls beruhigend: Dass Legionellen aus Kühlungen austreten, betrifft bloß eine bestimmte Art von Anlage. Es handelt sich um Klimasysteme mit offenen Kühltürmen für große gewerbliche Gebäude. Sie nutzen ein Netzwerk aus Rohren, über die kühles Wasser durch die Räume fließt. Entlang der Leitungen findet ein Wärmeaustausch statt: Die Raumtemperatur sinkt, die des Wassers steigt. Im Kühlturm wird die erwärmte Flüssigkeit dann fein zerstäubt und durch die entstehende Verdunstung abgekühlt. Ein Teil geht dabei in die Umgebungsluft über, ein anderer kondensiert und läuft wieder in den Wasserzyklus zurück. Ersterer Anteil verursacht die Probleme, wenn sich im Wasserkreislauf Legionella vermehren konnte. Diese Art von Kühlung hat nichts mit den gängigen Klimaanlagen in privat genutzten Wohnungen und Häusern zu tun. Wer in der glücklichen Lage ist, in klimatisierten Wohnräumen zu leben, muss sich also nicht vor Keimen aus dem Klimagerät fürchten.
Um sich im Haushalt vor etwaigem Legionellenbefall zu schützen, sollte man auf jeden Fall die Warmwassertemperatur im Blick behalten. Ab etwa 60 Grad Celsius sterben die Erreger ab, und unter 20 Grad Celsius vermehren sie sich kaum. Wer länger nicht zu Hause war, sollte die Wasserleitungen bei der Rückkehr ordentlich heiß durchspülen. Denn in der Zwischenzeit könnten sich die Bakterien im in den Leitungen stehenden Wasser vermehrt haben. Generell kommen sie nahezu überall in der Umwelt vor, in kleinen Mengen auch im Leitungswasser. Denn Trinkwasserqualität bedeutet zwar sehr sauber und ohne Filter trinkbar, aber nicht völlig keimfrei.
Übrigens: Auch in Deutschland gab es einen großen Legionellenausbruch, der auf eine Kühlanlage zurückging. Er ereignete sich im Jahr 2013 im nordrhein-westfälischen Warstein. Aus einem Kühlturm der lokalen Esser-Werke traten damals mit Legionella pneumophila belastete Aerosole aus und wurden mit dem Wind in den nahe gelegenen Ort getragen. Über sechs Wochen hinweg kam eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Menschen mit schweren Lungenentzündungen ins örtliche Krankenhaus. Mit 165 Verdachts- und bestätigten Fällen sowie drei Todesopfern war die Epidemie die größte in der Geschichte der Bundesrepublik.
Meist kommt die Krankheit aber in kleineren Clustern vor. Typischerweise erkranken entweder einzelne Menschen oder mehrere Mitglieder eines Haushalts. In Deutschland werden jährlich über 2000 Fälle gemeldet, in der Schweiz mehr als 500 und in Österreich zuletzt mehr als 400. Die Zahl der Neuerkrankungen ist in den vergangenen zehn Jahren stark angestiegen; in Österreich hat sie sich etwa seit 2016 nahezu verdreifacht. Da Legionellen Temperaturen von über 25 Grad lieben und vor allem in den Sommermonaten zu Problemen führen, dürfte ihr Vormarsch eine weitere unangenehme Folge der Klimaerhitzung sein.
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