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Angemerkt!: Gehirnmanipulation, gewollt und ungewollt

Antidepressiva versprechen Hilfe bei schweren Gemütsstörungen - und sind zugleich im Verruf, schwere psychische Nebenwirkungen auszulösen. Ein Balanceakt, bei dem Ärzte, Forscher, Patienten und Pharmakonzerne allzu leicht abstürzen können, wenn der Blick auf Wesentliches verloren geht.
Eine Maus im VerhaltenstestLaden...
Zunächst das Wichtigste – ein paar Fakten: Antidepressiva halfen schon vielen Patienten über die niederdrückenden Folgen ihrer Erkrankung hinweg. Dabei gehören die so genannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) zu den wirksamsten Waffen im Kampf der Ärzte gegen die dunkle Gemütskrankheit. Viele Menschen verdanken den Medikamenten unbestritten ein unbeschwerteres Leben. Und einige Patienten verdanken ihnen überhaupt ihr Leben: Unbehandelt führen schwere Depressionen in 10 bis 15 Prozent aller Fälle zum Tod durch Suizid.

Schon möglich, meinen Kritiker – aber manche Selbsttötung könnte durch die Gabe von Antidepressiva überhaupt erst ausgelöst werden. Ebenfalls ein Fakt?

Ein paar Untersuchungen widmeten sich bereits diesem Zusammenhang. Die angeblich suizidfördernden Nebenwirkungen von SSRI, welche zu den mit am häufigsten eingesetzten Antidepressiva überhaupt gehören, treten bei Erwachsenen nicht auf. Bei Kindern und Jugendlichen aber, die insbesondere in den USA schon früh mit Antidepressiva behandelt werden, förderten Studien im Frühjahr Besorgniserregendes zu Tage: Sowohl Jon Jureidini von der Frauen- und Kinderklinik im australischen North Adelaide und seine Kollegen [1] als auch Forscher um Craig Whittington vom University College London [2] berichteten, dass manche SSRIs bei jungen Patienten vermehrt Suizidgedanken aufwarfen.

Tatsächliche Selbsttötungen, immerhin, kamen nicht vermehrt vor – weitere Studien sind allerdings dringend notwendig, denn die Zusammenhänge sind längst noch nicht umfassend verstanden. Mark Ansorge und seine Kollegen von der Columbia-Universität stießen nun in diese Wissenlücke: Sie untersuchten an jungen Mäusen, was in Kindheit und Jugend verschriebene SSRIs für die spätere Entwicklung des Gehirnstoffwechsels bedeuten könnte [3]. Das Ergebnis wird wohl erneut für Aufsehen sorgen.

Obwohl es eigentlich so sehr nicht verwundern sollte: Greift man, wie die Forscher, durch SSRI-Antidepressiva wie Fluoxetin in den gerade erst heranwachsenden Serotonin-Stoffwechsel eines jungen Nagergehirns ein, dann reagiert der wachsende Mausorganismus darauf mit einer Anpassungsstrategie. Er könnte etwa die Anzahl der gehirneigenen Serotonin-Transporter im späteren erwachsenen Gehirn herabschrauben – eine der möglichen Erklärungen dafür, dass die Mäuse im Versuch von Ansorge Verhaltensauffälligkeiten entwickelten, die denen einer durch Serotoninmangel verursachten Maus-Depression ziemlich nahe kommen. Eine durch Antidepressiva geschaffene Gemütsstörung ist die Folge.

Naheliegende Schlussfolgerung der Studie: Bei Kindern mit Depressionen sollte über die Gabe von Antidepressiva wie Fluoxetin lieber zweimal nachgedacht werden. Und zweitens: Weitere sorgfältige klinische Tests und Langzeitstudien sind dringend angezeigt.

Noch mehr Sorgfalt und Forschungsarbeit bleiben demnach das Gebot der Stunde. In Deutschland wird ohnehin empfohlen, Jugendliche nicht mit Antidepressiva zu behandeln. Und die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA wies, aufgeschreckt durch jüngste Ergebnisse, vor zwei Wochen Hersteller von SSRI-Präparaten an, ihre Beipackzettel mit Hinweisen auf das erhöhte Risiko suizidaler Gedanken bei Jugendlichen zu versehen. Ein Gebot der Vorsicht, im gelegentlich allzu leichtfertigen Umgang mit Antidepressiva.

Und die Produktion und Veröffentlichung neuer Fakten? Da fällt im steten Wettkampf der Interessen von Patient, Gesundheitssystem und Pharmaindustrie natürlich besonders auf, wenn Konzerne unangenehme Wahrheiten zu teuer entwickelten Produkten verschweigen – wie jüngst der britische Hersteller GlaxoSmithKline, den erst der Staatsanwalt dazu zwang, unliebsame Studien zum Antidepressivum Paxil unter dem Tisch hervorzukramen. Vielleicht sollte man zusätzlich auch darauf achten, nicht zu schnell über ein noch unverstandenes Gebiet hinauszuschießen. Zu achten ist dabei allerdings nicht nur darauf, was bei Betroffenen ein Zuviel an vermeintlicher Hilfe anrichten kann – sondern auch ein Zuwenig.
27.10.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27.10.2004

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