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Gigantische Satelliten: Ein Fiebertraum namens orbitales Rechenzentrum

KI-Rechenzentren im Weltall – das könnte machbar sein. Aber zu welchem Preis? Und welches Motiv steckt eigentlich dahinter? Ein Kommentar von Thomas Siebel.
Ansicht der Erde aus dem Weltraum mit einem Sonnenaufgang am Horizont. Die Erdoberfläche zeigt Kontinente und Wolkenformationen, während der Himmel mit Sternen übersät ist. Der Mond ist im Hintergrund sichtbar. Das Bild vermittelt ein Gefühl von Weite und Ruhe. Schlüsselwörter: Erde, Weltraum, Sonnenaufgang, Mond, Sterne.
Im Weltall scheint immer die Sonne. Gute Bedingungen, um dort unsere energiehungrigen Rechenzentren unterzubringen. Oder nicht?

Am frühen Morgen fasst mir die Stimme einer künstlichen Intelligenz soeben das aktuelle Weltgeschehen zusammen, da taucht am Himmel ein rechteckiges Objekt auf. Es ist kleiner als der Mond und doch größer als alles, was die Menschheit je ins Weltall gebracht hat. Der seltsame neue Himmelskörper ist ein Rechenzentrum, das um die Erde kreist. Es besteht aus mehreren Containern voll mit Recheneinheiten und Speichern, die von einer quadratkilometergroßen Fläche aus Solarpaneelen umgeben sind. 

So zumindest lautet die Vision von Starcloud. Im November 2025 hat das vom Chip-Giganten NVIDIA unterstützte Start-up das Wettrennen um das erste orbitale KI-Rechenzentrum eröffnet, indem es einen Satelliten mit einem Hochleistungschip in die Umlaufbahn schickte. Doch weitere Akteure in diesem Rennen stehen schon in den Startlöchern: Google möchte seine KI künftig ebenso im Weltall trainieren wie Amazon und nun auch Elon Musk, der zu ebendiesem Zweck das Raumfahrtunternehmen SpaceX mit seiner KI-Schmiede xAI fusionierte. Außerdem planen auch chinesische Firmen eine solche extraterrestrische Infrastruktur. Doch worum handelt es sich dabei wirklich: um handfeste Pläne für ein neues Zeitalter der künstlichen Intelligenz? Oder doch eher um ein gut kommuniziertes Ablenkungsmanöver?

Große KI-Modelle im Weltraum trainieren – die Idee klingt bestechend, denn sie löst ein zentrales Problem dieser Technologie: den schier unstillbaren Hunger nach immer mehr Energie. Rechenzentren werden in den USA bis 2030 die Hälfte des im Vergleich zu heute hinzukommenden Energiebedarfs verschlingen, mehr als 20 neue Gaskraftwerke wären dafür nötig. Immer mehr Kommunen stemmen sich dort gegen den Neubau von Anlagen, die so groß wie Fußballstadien sind, die Stromnetze vielerorts ans Limit bringen und mit enormen Wassermengen gekühlt werden müssen.

Doch das Zeitalter der künstlichen Intelligenz ist unersättlich: Immer größere KI-Modelle benötigen immer mehr Rechenzentren und immer mehr Ressourcen.

Und der Weltraum liefert ein verlockendes Angebot. Hier gibt es Platz, hier stören keine missmutigen Gemeindevorsteher und hier herrschen Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt. Vor allem aber gibt es dort eines: reichlich Sonnenlicht. Ein Rechenzentrum, das in einem sonnensynchronen Orbit kreist, könnte seine KI-Chips rund um die Uhr mit Strom von der Sonne versorgen. Keine schlechte Alternative zu irdischen Rechenzentren, die größtenteils mit fossilen Energien befeuert werden.

Doch so gut sich diese Idee auch verkaufen lässt – sie hat gleich mehrere Haken: Die Kühlung von Rechenzentren lebt davon, dass sie den enormen Wärmeausstoß der Chips an die Luft abgibt. Im Weltall gibt es aber keine Luft, und damit auch keine Kühlung per Konvektion. Stattdessen muss die Wärme über Oberflächen in den Weltraum abgestrahlt werden, die mit der Fläche der Solarpaneele locker mithalten dürften.

Zudem stehen die Chips unter ständigem Beschuss. Geladene Partikel aus dem Sonnenwind und der kosmischen Hintergrundstrahlung schädigen die Halbleiter und erzeugen Rechenfehler. Zwar wurden robustere Chips speziell für den Einsatz in der harschen Umgebung des Weltalls entwickelt, diese sind jedoch nicht annähernd so leistungsfähig, wie es moderne KI-Rechenzentren erfordern.

Dennoch: Wenn man es denn unbedingt möchte, lassen sich die technischen Probleme in den Griff bekommen, ebenso wie die heute noch erbärmliche Geschwindigkeit – die Datenrate liegt bei etwa einem Tausendstel verglichen mit Glasfaserleitungen –, mit der Daten zwischen dem Weltraum und der Erde unterwegs sind. Aber zu welchem Preis?

Für eine orbitale KI-Infrastruktur müssten Unmengen an Equipment ins All gebracht werden. Elon Musk spricht von stündlichen Raketenstarts, die je Flug 200 Tonnen Material für ein Netzwerk aus Tausenden von KI-Satelliten transportieren. Ob KI-Rechenzentren in zwei Jahren günstiger im Weltraum als auf der Erde zu betreiben sind, wie es Musk prophezeit – der sein Unternehmen Berichten zufolge noch 2026 an die Börse bringen will –, oder erst, wenn die Kosten von Raketenstarts auf unter 200 Dollar je transportiertem Kilogramm sinken – ein Zehntel der heute günstigsten Transportkosten –, ist irrelevant. Jede Rakete verfeuert beim Start Hunderte Tonnen Brennstoff, der aus fossilen Energieträgern besteht oder aus solchen erzeugt wurde. Jedes aus dem Weltall zur Erde zurückfallende Raumfahrzeug belastet die Stratosphäre – oder es sorgt für noch mehr Weltraumschrott. Wie umweltfreundlich ist dann eine Rechnerinfrastruktur, die sich komplett aus Sonnenenergie speist?

Bei all den Widrigkeiten liegt der Verdacht nahe, dass die Unternehmer mit ihren Weltraumfantasien viel mehr von einem anderen Thema ablenken wollen, das drohend über ihnen schwebt. Und das heißt: KI-Blase. Ob sich die Milliardenausgaben für die KI-Rechenzentren jemals refinanzieren, ist offen. Gleichzeitig schreit das Verlangen nach immer besseren KI-Modellen auch nach immer mehr Rechenleistung – für die zusehends Energie und Land fehlt. Was könnte in diesem Schlamassel eine bessere Geschichte liefern als zwei miteinander vereinte Lieblingsmotive von Investoren der letzten Jahre: KI und Raumfahrt?

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