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Springers Einwürfe: Gleichheit und Gerechtigkeit

»Gleiches Recht für alle« ist ein schönes Motto – doch funktioniert es in einer Welt mit ungleich verteilten Chancen?
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Vor dem Gesetz sind alle gleich, heißt es. Aber ist das auch gerecht? Der französische Schriftsteller Anatole France schrieb 1919 ironisch von »der majestätischen Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen«. Die Lebenschancen sind nun einmal ungleich verteilt. Und der gern zitierte Satz in der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 behauptet ja nicht, alle Menschen seien gleich, sondern er lautet: Sie seien »gleich erschaffen worden«. Wie sie sich dann durchs Leben schlagen, ist ganz eine andere Geschichte.

Eine systematische Untersuchung der Frage, wie ein Interessenausgleich zwischen finanziell verschieden ausgestatteten Individuen glücken kann, hat kürzlich ein Team um den Ökonomen Oliver P. Hauser von der britischen University of Exeter angestellt; zu der Gruppe zählte auch ein Doyen der evolutionären Spieltheorie, der gebürtige Österreicher Martin A. Nowak von der Harvard University.

Wie kann sich im spieltheoretischen Simulationsmodell Kooperation etablieren? Normalerweise unterstellt man, alle Akteure seien von Haus aus einander ebenbürtig; jeder sei gleichermaßen auf den eigenen Vorteil bedacht und agiere im Prinzip sehr ähnlich. So ein Modellmensch neigt anfangs nicht dazu, etwas zum Nutzen der Gruppe zu tun – außer der Gemeinsinn wird belohnt, etwa indem sich ein anderer Mitspieler bei wiederholten Begegnungen nun seinerseits kooperativ verhält, wodurch beide mehr gewinnen als einer allein.

Auf diese Weise kann eine Gesellschaft von Egoisten allmählich dazu übergehen, im wohlverstandenen Eigeninteresse zusammenzuarbeiten. So wird die Kooperation unter gewissen Umständen »evolutionär stabil«. Die fiktiven Teilnehmer am Gesellschaftsspiel gewöhnen sich an, einen Beitrag zum Gemeineigentum zu leisten.

Hauser und sein Team wollten nun wissen, ob so etwas auch funktionieren kann, wenn die Individuen von vornherein verschieden sind – und zwar in dreierlei Hinsicht. Man stattete die Modellpersonen mit unterschiedlichem »Einkommen« aus sowie mit schwankender Bereitschaft, etwas davon dem Gemeinwohl zuliebe als »Spende« abzugeben. Außerdem variierte die »Zuwendung«, die dem Einzelnen dafür aus dem Gemeingut zuteilwurde. Unter welchen Bedingungen entsteht dabei stabile Kooperation?

Ein Ergebnis lautet: Extreme Einkommensungleichheit – einer hat fast alles, die anderen nahezu nichts – macht Kooperation unmöglich. Interessanter ist, dass sich soziale Unterschiede kompensieren lassen, wenn die besser ausgestatteten Spieler zugleich spendabler sind. Das gilt freilich auch umgekehrt: Die Zusammenarbeit gelingt nur, solange die großzügig spendenden Teilnehmer über ausreichendes Einkommen verfügen; sonst verarmen sie rapide.

Tatsächlich entspräche eine idealtypische soziale Marktwirtschaft diesem Prinzip. Zwar herrscht unter uns beträchtliche Ungleichheit, aber dafür wird den Wohlhabenderen durch soziale Umverteilung eine »Spende« abgenötigt; sie verhindert, dass immer mehr Ärmere mangels Zuwendung nicht mehr kooperieren können. Andererseits darf die Umverteilung nicht dazu führen, dass die Bessergestellten verarmen und bald nichts mehr hergeben können.

Wie die Forscher betonen, ist das Spiel mit der Ungleichheit eine riskante Angelegenheit. Kooperation funktioniert nur bei einer ganz bestimmten Kombination der Parameter Einkommen, Spende und Zuwendung. Im wirklichen Leben finden es Wohlhabende oft ungerecht, dass ihnen ein erklecklicher Batzen für das gemeine Wohl abgeknöpft wird. Dann mag sie Hausers Modellspiel daran erinnern, dass sie den Preis für eine Gesellschaft zahlen, in der Ungleichheit herrscht.

Dezember 2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Dezember 2019

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