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Hirschhausens Hirnschmalz: Going Gaga

Eckart von HirschhausenLaden...

Eine Patientin geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Ich machte ein Praktikum auf einer Aufnahmestation der Psychiatrie unweit meines Elternhauses. Gerade 20 Jahre alt und am Anfang meiner medizinischen Ausbildung, staunte ich jeden Tag, wie dünn das Eis ist, auf dem unser Bewusstsein wandelt.

Die Patientin, Mitte 30, kam akut psychotisch zu uns. Sie hörte Dinge, die andere nicht hörten. Und, was uns wiederum verstörte: offenbar mit Werbeunterbrechungen! Denn sie sang ständig Jingles vor sich hin, diese kleinen, dämlichen Melodien, die genau dafür komponiert werden, lange im Kopf hängen zu bleiben. Den meisten von uns gelingt es, diese fiesen musikalischen Phrasen in irgendeinen Keller unseres Bewusstseins zu verbannen. Doch der Patientin spukten sie immer wieder durchs Hirn – und ließen sich auch nicht vertreiben, indem sie die Melodien laut sang und summte.

Psychotest

Mein schlimmster Ohrwurm:

  1. A) An der Nordseeküste
  2. B) Beethovens Neunte
  3. C) Highway to Hell
  4. D) Hölle, Hölle, Hölle

Zum Glück sprach die Frau gut auf die medikamentöse Therapie an und konnte unsere Station bald verlassen. Aber wenn ich heute an sie denke, höre ich sie immer noch trällern: "Schneee­kopp­pe!" Für alle, die diese Werbemelodie nicht kennen – seien Sie froh! Was wohl jeder kennt, ist die Miniaturausgabe solcher Kontrollverluste­: der Ohrwurm. Ohne psychiatrische Erkrankungen banalisieren zu wollen, es gibt durchaus Parallelen. Ständig Modern Talkings "Cheri, Cheri Lady" im Ohr zu haben, kann einen auch an den Rand des Wahnsinns treiben. Und erst die Bilder, die dazu intrusiv in das Gedächtnis dringen ... Also was tun?

Psychologen aus den USA haben sich nun des Themas angenommen: "Going Gaga: Investigating­, Creating, and Manipulating the Song Stuck in My Head" lautet der Titel ihrer Studie. Denn so, wie man einen Sprung in der Schüssel haben kann, kann auch die Schallplatte im Kopf einen Sprung haben. Selbst bei Songs, die man als MP3 gehört hat! Entgegen der landläufigen Meinung, dass nur die übelsten Kompositionen uns derart lästig werden, zeigte die Untersuchung: Gerade Lieder, die uns auf Anhieb gefallen, kehren häufig­ in den nächsten 24 Stunden als musikalischer Zombie zurück. Den Forschern gelang es sogar, im Labor Ohrwürmer zu erzeugen und den Pro­ banden einzusetzen. Wo sind die Ethikkommissionen, wenn man sie braucht?

Die Erkenntnis der Psychologen: Intrusive Musikfetzen aus dem Bewusstsein heraus­ zuhalten, kostet Konzentration. Ohrwürmer suchen uns bevorzugt dann heim, wenn wir uns geistig wenig anstrengen. Jedoch auch, wenn man kognitiv total überlastet ist – so wie die Patientin. Bei den Studenten reichte dazu ein Sudoku­. Am besten schützt man sich also gegen Ohrwürmer­, indem man einer Tätigkeit nachgeht, die herausfordert, aber nicht überfordert.

Ich kann einige weitere Strategien empfehlen: Dudelradio und vor allem Werbung ausschalten. Fahrstuhlmusik vermeiden, besser die Treppe nehmen. Von vornherein nur solche Melodien in den Kopf lassen, an denen man auch bei unfrei­ williger Wiederholung noch Spaß hat. In diesem Sinn: Freude, schöner Götterfunken!

4/2013

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 4/2013

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  • Quellen
Hyman, I. E. et al.: Going Gaga: Investigating, Creating, and Manipulating the Song Stuck in My Head. In: Applied Cognitive Psycho­logy 10.1002/acp.2897, 2013

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