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Grams' Sprechstunde: Gute Krebstherapie + schlechte Behandlung = schlechte Medizin

In der Onkologie werden Menschen versorgt, die oft in einem lebensbedrohlichen Zustand sind. Wo mehr als dort wäre es nötig, sich dem Menschen wirklich zuzuwenden? Eine Kolumne
Arzt hält die Hand einer PatientinLaden...

Meine Rolle im Medizinbetrieb und dem Drumherum scheint einigen ziemlich klar: Ich bin die, die gegen sanfte Alternativen zu böser Medizin ist. Diese Polarisierung ist Quatsch. Mein Kernanliegen ist es, Missstände klar zu benennen und Medizin für die Patientinnen und Patienten zu verbessern. Oftmals kritisiere ich deshalb unlautere Heilsversprechen oder unplausible Heilsverfahren, einseitig war die Kritik bislang aber nie.

Manches läuft in der so genannten »evidenzbasierten Medizin« derart schief, dass sie sich nicht pauschal verteidigen lässt. In der Krebsbehandlung zum Beispiel. Für meinen Podcast habe ich mit Betroffenen gesprochen, deren Angehörige an Krebs erkrankt waren. Die Patienten hatten dabei eine gute Therapie erhalten – ihre Behandlung hatte jedoch gleichzeitig teilweise die Grenze zur Unmenschlichkeit überschritten.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Als junge Ärztin habe ich für einige Zeit auf einer Palliativstation gearbeitet. Ein Todesfall durch Krebs in der Familie hat mich für das Thema zusätzlich sensibilisiert. Und die Zuschriften, die ich anlässlich des Podcasts erhalten habe, haben mich bestärkt, es erneut aufzugreifen.

In der Onkologie werden Menschen versorgt, die sich oft in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden. Wo mehr als dort wäre es nötig, nicht nur eine gute, individuell angepasste medizinische Therapie durchzuführen, sondern sich dem Menschen wirklich zuzuwenden, ihn im wörtlichen Sinne zu »behandeln«? Ihn in schwierigen Situationen nicht alleinzulassen?

In den mir zugeschickten Berichten sprechen Betroffene über schlimme Schicksale ihrer Angehörigen auf onkologischen Stationen. Die Ursachen sind vielleicht nachvollziehbar: Oft ist das medizinische Personal in Kliniken drastisch unterbesetzt und überfordert, die Coronapandemie hat die Umstände vielerorts verschlechtert. Das Problem gab es allerdings schon lange vor Corona. Die Onkologie ist ein Gebiet, auf dem viele Fachrichtungen ineinandergreifen, in dem sich die medizinische Behandlung spezialisiert, individualisiert und verkompliziert hat – der »menschliche Faktor« konnte damit aber nicht Schritt halten und fällt deswegen oft besonders schmerzlich ab.

Eine von vielen Betroffenen schrieb mir: »Das Personal des Krankenhauses hat einen todkranken Menschen über zwei Wochen leiden lassen. Wahrscheinlich war es noch nicht mal beabsichtigt, wahrscheinlich war es einfach Desinteresse. Sie haben ihn behandelt wie einen Aussätzigen, ihn gemieden, ihn nicht informiert, über ihn geredet statt mit ihm, sie haben einem hilflosen Mann nicht geholfen. Sie haben einen sterbenskranken Menschen behandelt wie den letzten Dreck. Ein derartiges Verhalten ist weder durch die Pandemie noch durch die kürzungsbedingten Missstände im Gesundheitssystem zu verzeihen.«

Ähnliches habe ich mit meinen Gästen im Podcast erörtert, manches selbst erlebt. Sicherlich gibt es Kliniken, die es wunderbar hinbekommen, mit einfühlsamen Ärztinnen, kompetenten Psychoonkologen, tollen Palliativmedizinerinnen. Sogar gute Klinikorganisatoren. Aber es gibt auch die krass andere Seite.

Wir dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass schlechte Behandlung auch mit fachlich korrekter Therapie schlechte Medizin ist. Sie ist nicht zu rechtfertigen, egal mit welcher Begründung.

Dabei gibt es längst sinnvolle Leitfäden zu guter Kommunikation im Medizinbereich. Das Thema ist nichts Neues, und es gab Pläne, die notwendigen Kompetenzen im Medizinstudium viel stärker zu vermitteln. Konsequent umgesetzt wurde dieses Projekt nicht. Schade: Natürliche, persönlichkeitsbedingte Empathie ist nicht jedem gegeben. Es wäre gerade deshalb so wichtig, ihren Wert zu erkennen und zumindest in gewissem Grad den Menschen im Medizinberuf zu vermitteln.

Denn: Auch Hightechmethoden und moderne individuelle Krebstherapie werden zu schlechter Medizin, wenn schlechte Behandlung sie flankiert. Wenn Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs und Atemnot nicht rechtzeitig Sauerstoff gegeben wird, obwohl ihre O2-Sättigung längst schlecht ist. Wenn Zuspruch und Begleitung fehlen. Wenn schlimmste Diagnosen den Patienten und Patientinnen geradezu hingeworfen werden oder wenn man sie gar nur aufschnappt, bei einem zufällig mitgehörten Gespräch vom medizinischen Personal. Oder wenn, auch das, Krankenhausessen eher Fraß als sinnvolle Ernährung ist – gerade in einer Situation, in der viele Krebspatienten eh um jedes Gramm Körpergewicht kämpfen. Wenn fehlende Unterstützung bei der Körperpflege zu noch weniger gutem Lebensgefühl beiträgt. Wenn eine Therapie und belastende Untersuchung angekündigt, aber nicht erklärt, eine Medikation angesetzt, aber nicht begründet wird. Wenn Nebenwirkungen einfach abgetan werden.

Der Therapieerfolg steht in Frage, wenn Patientinnen und Patienten auf diese Weise verunsichert und auf sich selbst zurückgeworfen werden. Ich rede hier übrigens nicht dem »Positive Thinking« oder der »Krebspersönlichkeit« das Wort: Beide Konzepte sind nicht wissenschaftlich belegt, selbst wenn sie – leider auch von Ärztinnen und Ärzten – propagiert werden. Am Ende können sie dazu führen, dass den Betroffenen sogar noch eine »Schuld« an ihrer Erkrankung zugewiesen wird. Weil sie nicht positiv genug gedacht haben? Auch das ist schlechte, sehr schlechte Behandlung.

Dass der Faktor Vertrauen eine wichtige Rolle beim Therapieerfolg spielt, ist dagegen längst unbestreitbar und durch wissenschaftliche Evidenz gestützt. Zuwendung, sich von empathischem medizinischem Personal mit- und ernst genommen zu fühlen, im Idealfall durch gute Psychoonkologie gestützt zu werden: Dies vermittelt eine Grundkraft, die es nicht nur zum Überstehen der Krankheit, sondern ebenso zur Annahme der oft belastenden Therapie braucht. Und nein, das kann man nicht allein den Angehörigen überlassen, denn die sind ebenfalls betroffen und selbst oft damit überfordert, in die Rolle des Gebenden von Zuversicht und Hoffnung zu schlüpfen. Natürlich erst recht, wenn es um fachliche Erklärungen geht. Die wollen nämlich die meisten Patienten auch – nicht nur einen Umschlag mit Aufnahmen unter dem Arm und den Hinweis, man möge sich damit nächste Woche auf Zimmer 234 melden.

Es fällt schwer, eine Medizin zu verteidigen, die all dies nicht umsetzt. Dieser Mangel kann Menschen in der existenziellen Not der Scharlatanerie und vermeintlich sanften »Medizin« ausliefern. Dort wirbt man zwar mit Zuwendung, kann Heilsversprechen aber nicht einlösen, und die vermeintliche Hilfe erweist sich schnell als wirkungslos und schlimmstenfalls als fatal. Nur weil es Missstände in der Medizin gibt, werden Scheinalternativen wie Globuli nicht automatisch wirksam.

Mit tut das wirklich oft unmenschliche Alleingelassenwerden mit der puren Hightechmedizin für jeden einzelnen betroffenen Patienten, jede einzelne Patientin bitter leid. Wir sollten uns des Problems bewusst werden und aufhören, es zu tolerieren, auf persönlicher wie auf institutioneller Ebene. Fangen wir bei den schweren Erkrankungen wie Krebs an, und bleiben wir dann dabei nicht stehen.

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