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Grams' Sprechstunde: Die Impfung für Kinder schützt Leben – und das Leben!

Die Ärztin Natalie Grams Nobmann sieht viele gute Gründe für eine Covid-Kinderimpfung. Zunächst schützt sie natürlich Leben und ist daher gerade für Risiko- und vorerkrankte Kinder wichtig. Aber: Leben ist mehr als Nicht-tot-Sein. Dem müssen wir nach zwei Jahren Pandemie endlich wieder Rechnung tragen.
Schulkind mit Schutzmaske

Ich mache es heute mal persönlich. Meine drei Kinder stecken seit Anfang der Pandemie zurück, um ihren Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten. Viele Kinder in unserem Freundeskreis tun das ebenfalls. Eingeschränkte Sozialkontakte, weniger Sport im Verein, weniger Party, weniger Musikunterricht, kein Singen mehr im Chor, keine großen Wochenendausflüge in den Freizeitpark und vieles mehr. Die meisten haben sich nie (laut) beklagt. Sie sind (oft) vernünftig und achten bestmöglich auf den Schutz von sich und anderen. Jeden Tag leben sie inmitten der Pandemie.

Nun gibt es eine zugelassene Kinderimpfung. Wir haben damit eine weitere Möglichkeit Kinder – zumindest die über Fünfjährigen – besser vor Covid-19 zu schützen. Und schon gibt es auch Kritik an der Impfung dieser Altersgruppe: Gern wird vorgebracht, dass wir auf dem Weg aus der Pandemie hin zu höheren Impfquoten nicht die Kinder in Verantwortung nehmen dürften. Ohnehin sei für die Jüngeren selbst der Impfschutz gar nicht so sehr vonnöten.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Aber muss man das so sehen? Fakt ist doch: Die Erwachsenen hier zu Lande haben es eben bisher nicht geschafft, sich in ausreichender Zahl wirksam impfen zu lassen, um damit auch die Jüngeren zu schützen – und so sind wir eben auch nicht dahin gekommen, dass Kinder selbst keinen Impfschutz brauchen. Können wir da die Kinder also isoliert betrachten?

Klar ist, dass Kinder an Covid-19 meistens nicht sehr schwer erkranken. Natürlich mussten aber auch junge Menschen im Krankenhaus oder sogar auf einer Intensivstation behandelt werden, und es gab auch Todesfälle. Meist handelte es sich hierbei um Kinder, die bereits an schweren Vorerkrankungen litten. Eine Impfung würde diese Kinder schützen: Vor der Krankheit, ihren möglichen Folgen, vor dem Tod.

Zudem birgt die Erkrankung mit Covid-19 weitere Risiken wie PIMS, das »Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome«. Die seltene, aber schwere entzündlichen Überreaktion des Immunsystems kann auch bei einem asymptomatischen Verlauf und bei Kindern ohne Vorerkrankung zu einer intensivmedizinischen Behandlung führen. PIMS ist statistisch selten und mag vielen abstrakt und weit weg scheinen – aber muss man das Risiko – das ja auch eine ganze Familie, die das Kind durch diese Zeit begleiten muss, betrifft – eingehen, wenn man es durch eine Impfung bestenfalls vermeiden kann? Und: Wir wissen auch noch nicht, wie groß das Problem von Long-Covid bei Kindern ist. Viele Forschende warnen davor, es kleinzureden. Ich persönlich möchte auch diese Risiken für (meine) Kinder so klein wie eben möglich halten.

Bremst das Impfen der Kinder die Verbreitung des Virus?

Es gibt erste Modellrechnungen dazu, ob und inwieweit geimpfte Kinder dazu beitragen können, die Ausbreitung des Virus in der Gesellschaft zu stoppen und sie weisen eher darauf hin, dass der Effekt bei den unter Zwölfjährigen nicht so groß ist, da die Gruppe sehr klein ist. Ohnehin sehe ich das nicht als Auftrag der Kinder, meiner oder gleich aller, die Pandemie zu »beenden«. Jedenfalls nicht gesamtgesellschaftlich. Anders sieht es wohl für Familien aus: Wir – mit drei Kindern – haben pro Tag weit mehr als 60 Kontakte mit anderen – wegen der Schule. Und während wir als Erwachsene uns freiwillig einschränken und im Homeoffice arbeiten und Abstand halten können, haben die Jüngeren mit Schul- und Präsenzpflicht keine Wahl. Zumal nicht in der jetzigen Situation, in der weitere, auch prophylaktische Schulschließungen von der neuen Regierung mehr oder weniger ausgeschlossen wurden.

Wenn man – wie ich – an der Präsenz der Kinder in der Schule auch aus pädagogischen und auch sozialen Gründen festhalten möchte, dann ist das Dilemma dieses: Dort, im Schulbetrieb, werden sich viele Kinder in den kommenden Wochen und Monaten anstecken, das ist leider angesichts der sehr hohen Inzidenzen gerade unter den Jüngeren absehbar. An tragfähigen Schutzkonzepten fehlt es ja – trotz unzähliger Sitzungen der Kultusministerkonferenz – beklagenswerterweise seit der ersten Welle bis heute. Ich kann mich mit einer Durchseuchung und den dabei in Kauf genommenen Risiken nicht abfinden.

Aber es gibt nun eben mit der Impfung eine andere Möglichkeit. Man könnte die Kinder schützen und nicht länger hängen lassen. Sie haben in dieser Pandemie ja wirklich genug für uns Erwachsene getan, während wir als Erwachsene es nicht hinbekommen haben, mit einer ausreichend hohen Impfquote für sie einzustehen. Das Risiko durch die Impfung selbst scheint gerade bei fünf- bis elfjährigen Kindern nicht sehr hoch zu sein – das lässt sich aus den Daten aus den USA ableiten, wo bereits Millionen Kinder geimpft wurden. Es gibt bisher keine schweren Nebenwirkungen, insbesondere bisher auch keine Häufung von Herzmuskelentzündungen. Viele Kinder sind jedoch erst einmal geimpft und die Entwicklung ist abzuwarten, klar.

Die Entscheidung bleibt jedem selbst überlassen. Darf man dabei einen Hauch emotional sein? Ich finde ja. Für mich sind – nach zwei Jahren Pandemie und ohne konsequente Schutzkonzepte für Kinder – auch diese Punkte impfentscheidend: Die Sorgen, dass jeder kleine Schnupfen der Kinder das erste Anzeichen einer Corona-Infektion sein könnte, das Unbehagen, die Kinder trotz der hohen Inzidenzen jeden Tag in die Schule schicken zu müssen, die Frage, wie lange wir als große Patchworkfamilie in Quarantäne müssten, wenn es einen oder eine von uns erwischt. Die Erschöpfung der letzten Wochen und Monate. Die Hoffnung auf ein bisschen Entspannung und Erholung über die Weihnachtsferien. Die Freude die Großeltern bald mit mehr Sicherheit wiedersehen zu können, vielleicht wieder gemeinsam feiern zu können.

Ich finde es falsch, ja zynisch, den Zweck einer Impfung allein darauf zu reduzieren, sie würde Todesfälle und schwere Krankheiten verhindern. Denn in Zeiten der Pandemie schützt sie noch viel mehr: Sie macht einen normalen sozialen Alltag mit all den Kleinigkeiten leichter, die das Leben so richtig lebenswert für Kinder machen. Sie erlaubt Unbeschwertheit, sie erleichtert die Bürde der Verantwortung, die die Jüngeren für verantwortungslose Erwachsene tragen müssen.

Klar sind das alles keine harten »Studienendpunkte«, wie sie für die Zulassung nötig sind, um zu zeigen, wie wirksam und sicher die Impfung ist. Vielleicht unterstützen die Punkte auch nicht direkt eine allgemeine Impfempfehlung (die STIKO hat gerade die Impfung vorerst für Fünf- bis Elfjährige mit verschiedenen Vorerkrankungen empfohlen). Für viele Familien treffen sie aber sicherlich einen Kern, der im Alltag in den vergangenen Monaten wichtiger und wichtiger geworden ist – mehr vielleicht, als so manchen Entscheidenden im Gesundheitswesen bewusst sein dürfte. Und letztlich zählt eben auch die psychische Gesundheit. Es wäre also an der Zeit, Kinder nicht länger als Mittel zum Zweck einer mehr oder weniger unausgesprochenen Durchseuchungsstrategie zu sehen. Kinder sollten so schnell wie möglich ohne Verantwortung für unseren Schutz einfach wieder Kind sein dürfen.

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