Direkt zum Inhalt

Grams' Sprechstunde: Willkommen bei »Wissenschaft live«

Die STIKO empfiehlt, zunächst nur Kinder und Jugendliche mit besonderem Risiko gegen Covid-19 zu impfen. Das hat unsere Kolumnistin Natalie Grams erst geärgert und irritiert. Doch dann hat sie innegehalten und noch mal nachgedacht.
Frisch geimpftes Mädchen beim Arzt

Die Pandemie lässt sich gerade zunehmend leichter ertragen, bei sinkender Inzidenz und steigenden Impfquoten plus Sommerlaune. Allerdings sind auch viele Menschen noch nicht geimpft, und zwar ganz einfach deshalb, weil noch immer nicht genug Impfstoff für alle da ist. Ungeimpft sind viele Erwachsene, leider auch solche, die ein Vakzin eigentlich priorisiert erhalten müssten.

Und ungeimpft sind ebenso die meisten Kinder und Jugendlichen, was ich in meiner Kolumne ja neulich, leicht ironisch, aufgegriffen habe: »Jetzt wollen sie auch noch die Kinder impfen!« Ich wollte damit der undifferenzierten, ohne jeden Beleg daherkommenden Panikmache einer Szene entgegentreten, die schon einen »Impfzwang« von Kindern mit »genetischen, ungeprüften Impfstoffen« an die Wand gemalt hat. Ich habe dem ein paar rationale und nachvollziehbare Überlegungen entgegengesetzt (so genannte »Argumente«, Sie wissen schon). Außerdem habe ich klargemacht, dass ich meine Kinder am liebsten noch heute impfen lassen würde – sofern eine entsprechende Empfehlung der STIKO vorliegt und sinnvoll priorisiert wird. Sofern!

Nun liegt die Covid-Impfempfehlung der STIKO für die Altersgruppe von 12 bis 17 Jahren vor. Und sie beinhaltet nur eine Empfehlung für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen und besondere Risikogruppen. Damit ist die Empfehlung anders ausgefallen, als ich erwartet habe – und es mir, ehrlich gesagt, auch gewünscht hatte.

Ich war irritiert. Denn ich war auch sicher, dass Impfungen für Jugendliche ganz generell sehr wichtig wären, um die Pandemie zu bewältigen.

Wenn ich irritiert bin, halte ich erst mal inne und denke nach. Ich habe mir (noch mal) bewusst gemacht, dass Wissenschaft kein Wunschkonzert ist und dass Fortschritt in der Wissenschaft nur möglich wird, wenn wir ständige Veränderungen und Erweiterungen erarbeiten. An der Stelle ein kleiner Seitenhieb: Das ist ja einer der wesentlichen Unterschiede zu pseudomedizinischen Methoden, die auf starren Dogmen gründen. Dort setzt man ja, statt zu evaluieren und damit neue Erkenntnisse zu gewinnen, auf störrische Unveränderlichkeit über ehrwürdig lange Zeiten und hält das dann irgendwie für ein Qualitätsmerkmal.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Die STIKO hat konkrete Argumente für ihre Entscheidung geliefert und geht mit Blick auf die Altersgruppe der 12- bis 15- sowie der 17-Jährigen sehr differenziert vor. Eine ausdrückliche Empfehlung gibt's nur für die Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit Vorerkrankungen und besonderem Risiko, nach einer Infektion einen schweren Covid-Verlauf zu haben. Zum Glück ist so ein Verlauf bei Kindern und Jugendlichen seltener: Infektionen verlaufen meist mild oder sogar völlig ohne Symptome.

Das Risiko eines schweren Verlaufs muss natürlich dem Risiko gegenübergestellt werden, dass ein Impfstoff womöglich Nebenwirkungen auslöst. Wie sieht es damit aus, bei Kindern und Jugendlichen? Recht klar ist das bei Erwachsenen, wo mittlerweile viele Millionen geimpft sind; hier haben sich die Impfstoffe als sicher und wirksam bewährt. Bei Kindern liegen allerdings noch nicht genügend Daten vor: Es gibt Zulassungsstudien mit nur rund 1100 jungen Impflingen – das reicht nicht mal aus, um selbst möglicherweise häufigere Nebenwirkungen sicher aufzudecken, wenn es sie gäbe. Man kann verstehen, dass es besser ist, hier erst abzuwarten und genauer hinzuschauen. Das gilt gerade für junge Kinder oder gar Babys, die anders als ältere Jugendliche noch kein völlig ausgereiftes Abwehrsystem wie die Erwachsenen haben.

Noch nicht ganz klar ist auch, wie sich diese Sache mit den Herzmuskelentzündungen in Israel bei jungen Männern am Ende entwickelt. Bisher zeichnet sich nicht ab, dass es hier einen kausalen Zusammenhang mit der Impfung gibt; ich kann aber auch dort verstehen, wenn man vorsichtig ist und weitere Untersuchungen abwartet. Immerhin sollen ja – wenn es denn einmal so weit ist – möglichst sehr viele junge Leute möglichst schnell geimpft werden.

Die STIKO sagt also nicht etwa »Kinder impfen ist gefährlich!«. Sie sagt: »Seien wir erst mal vorsichtig. Kinder haben an sich kein so großes Risiko für eine schwere Infektion. Und wenn wir mehr Daten haben, können wir vielleicht auch eine weitergehende Empfehlung aussprechen.« Ich kann damit nun – nach ein wenig Innehalten und weil sich alles gerade etwas entspannt – gut leben.

Neben dem individuellen Risiko der Impfung für Kinder hat die STIKO übrigens auch mathematische Berechnungen herangezogen, um abzuschätzen, was es für uns alle in der Pandemie bedeuten kann, wenn eine so große Gruppe wie die Kinder und Jugendlichen derzeit nicht geimpft wird. Sie kommen zum Schluss: Erst mal passiert nicht viel. Allerdings muss man Menschen mit einem hohen Risiko weiter impfen. Dann können sich ungeimpfte Erwachsene mit einem geringeren Risiko für einen schweren Verlauf zwar weiter infizieren – in dieser Situation will die STIKO aber eher nicht die Jüngeren als bloßes Mittel zum Zweck für den Schutz der Älteren einsetzen.

Ich habe über die Arbeit der STIKO übrigens mit dem Kinderarzt und langjährigen STIKO-Mitglied Martin Terhardt einen Podcast gemacht. Er erzählt sehr interessant über die Arbeit in diesem Gremium. Vielleicht hören Sie dort einmal rein!

Mein Innehalten und Nachdenken hat mir aber noch etwas anderes bewusst gemacht: dass ich auf halbem Weg dahin war, so etwas wie einer »individuellen Impfentscheidung pro« das Wort zu reden. Das ist aber ebenso wenig richtig wie die »individuelle Impfentscheidung kontra«. Die STIKO wird als unabhängiges Expertengremium Impfungen nach sorgfältiger Sichtung und Auswertung aller Daten empfehlen oder eben nicht. Daneben gibt es jedoch so manche, die ohne besondere Expertise, aber mit viel Bauchgefühl meinen, es besser zu wissen. Die impfen ihre Kinder dann nicht nach Empfehlung oder erst später oder nur nach persönlichem Gefallen. Und das wäre wieder ein Fall von eigenverantwortlicher Selbstüberschätzung. Sie droht, wenn wir einer der Wissenschaft verpflichteten Arbeit der STIKO nicht mehr vertrauen und ihre Empfehlungen als Maßstab nicht mehr ernst nehmen. Dann droht man auch in Beliebigkeit und Besserwissertum abzugleiten. Sei kein Impfgegner – aber sei auch kein Impfbefürworter ohne Augenmaß!

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte