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Grams' Sprechstunde: Sich besser fühlen - oder wirklich gesund werden

Ist ja schön und gut, wenn Medizin und Naturheilkunde versöhnt werden - aber ist es wirklich nötig? Überhaupt: Um was streiten die beiden denn?
NaturheilkundeLaden...

Neulich teilte ein recht prominenter Arzt auf seiner Facebook-Seite mit, dass er mit einer schweren Grippe eine Naturheilkundeambulanz aufgesucht hätte. Es war, vermutete er dann später selbst, vielleicht doch nur ein grippaler Infekt, jedenfalls aber sei dort mit Akupunkturnadeln im Gesicht etwas ins »Fließen« gekommen. Und überhaupt empfahl er die genossene Rundumbehandlung – mit normalen Medikamenten, einigen Phytotherapeutika und einer Lungenfunktionsprüfung – wärmstens. Es klang, als habe er sich danach viel besser gefühlt. Ein anderer Arzt, der zumindest einen sehr prominenten Bruder hat, macht derweil Furore auf den Bestsellerlisten, mit dem Weltfrieden, pardon, der Weltmedizin, dem Ausrufen der großen Versöhnung von alt und neu, exotisch und heimisch, Natur und Wissenschaft.

Beide Ärzte und manch andere haben eines gemeinsam: Sie zollen dem Zeitgeist damit Tribut, dass sie die so genannte Schul- mit der so genannten Alternativmedizin »versöhnen« wollen. Ja, sie präsentieren als »öffentliche Ärzte« dieses Nebeneinander als wünschenswert und predigen eine »Integration« als Alleinstellungsmerkmal. Ich fürchte allerdings, sie werden so die Gräben zwischen Medizinern und Alternativmedizingläubigen eher noch tiefer und breiter machen.

Denn endet es letztlich nicht in einer Verunglimpfung der Medizin, sich in dieser Weise öffentlich in der Rolle des Arztes zu präsentieren? Immerhin tut man hier ja vor großem Publikum so, als sei die Medizin irgendwie defizitär, als bräuchte sie eine (zwar wirkungslose, das wird ganz leise oder gar nicht gesagt) sich irgendwie gut anfühlende Alternative, quasi zum Ausgleich. Eine Alternative, die natürlich ganz megatoll, weltoffen-ganzheitlich und tolerant ist und was weiß ich nicht noch alles.

Man tut derlei natürlich als guter Selbstvermarkter, der weiß, was ankommt. Man ist auch Entertainer und promotet, was sich toll anfühlt, was trendy ist, was erheitert. Schlimm ist etwas anderes: Als Nebenwirkung erkauft man sich – ohne sich dessen offenbar wirklich bewusst zu sein – die Aufmerksamkeit des Publikums auf Kosten der täglich praktizierenden Kollegenschaft. Also den irgendwie nicht megatollen, weltoffen-ganzheitlichen, was-weiß-ich-wie-toleranten. Denen mit Defiziten.

Welche Defizite eigentlich? Es gibt ausgezeichnete Belege dafür, dass eine seriöse Body-Mind-Medizin Patienten zu mehr Gesundheit verhelfen kann. Hoffnung machen, positives Denken, Suggestionen und Beistand sind also mehr als nur erlaubt. Wer einigermaßen auf dem Laufenden in Sachen medizinischer Forschung ist, weiß, dass solche Aspekte auf wissenschaftlicher Basis mehr und mehr ihren Weg in die tägliche medizinische Praxis finden. Als Unterhalter – der vielleicht Arzt, aber eben kein Wissenschaftler ist – interessiert die wissenschaftlich entscheidende Frage nicht so sehr: Wo ist der Beweis für medizinische Wirksamkeit, die über Wohlfühleffekte hinausgeht?

Ist ein Konglomerat falscher Heilsversprechen wichtiger – oder überzogene Erlebnisberichte, Reisen zu den Schamanen der Welt, postfaktische und esoterische Irrtümer, die wie Kirmesattraktionen angepriesen werden? Dinge, die einer wohlverstandenen modernen Medizin eher im Weg stehen? Die Medizin bewahrt Bewährtes und braucht ebenso Fortschritt, auch den Fortschritt in der psychosomatischen Medizin. Sie braucht sicher keine Esoterik. Und auch keine Vermischung von Sinnvollem und nicht Sinnvollem, von Nützlichem und nicht Nützlichem. So ist zum Beispiel fraglich – soweit das aus der Ferne zu beurteilen ist –, ob die oben erwähnte Lungenfunktionsprüfung wirklich nötig war, während die Phytotherapeutika durchaus eine Wirkung gehabt haben können. Nur: Wer fragt danach überhaupt noch, wenn es doch vor allem ums Gefühl geht?

Auch eine Naturheilkundeambulanz darf und soll getragen sein von einer guten Mischung aus wissenschaftlicher Basis und Menschlichkeit. Und ein wohldosiert eingesetztes Placebo hat seine Berechtigung, selbst wenn es einmal als an sich unnötige Lungenfunktionsprüfung daherkommt. Das macht Eindruck, das beruhigt. Aber: Heilmittel oder Arznei sind weder Akupunktur noch Globuli, und sie dürfen bei einer Grippe nicht damit verwechselt werden. Natürlich kann man ehrlich damit umgehen und den Erkrankten – als wirklich mündigen Patienten – im Vorfeld darüber aufklären, dass außer der Suggestion des »Settings« der Akupunktur oder der Gabe der Zuckerpille keine anderen, schon gar keine spezifischen Wirkungen auftreten werden, dass aber auch diese Akte die Heilung unterstützen können. Alles andere ist eben nicht ein Umgang mit dem mündigen Patienten, sondern eher das Gegenteil: die ethisch fragwürdige Suggestion von »Medizin«, wo keine ist.

Das Ganzheitliche, Natürliche muss nicht mit der wissenschaftsbasierten Medizin versöhnt werden – es ist im allerbesten Fall Teil von ihr. Nie aber darf wirksam mit unwirksam »fusioniert« werden. Humbug bleibt Humbug, und unbewiesen bleibt unbewiesen, und wenn es dreimal toll klingt. Man erweist sonst auch all jenen Ärzten einen Bärendienst, die sich täglich um eine fundierte und ehrliche Behandlung ihrer Patienten bemühen und die wegen solcher Dampfplaudereien dann von ihren Patienten irgendwie als »unzureichend« angesehen werden. Sie gelten plötzlich als die ewigen Zweifler, gar Verweigerer, die ihren Patienten nicht die bunte weite Welt oder das große »Alles fließt« anbieten – gelten womöglich gar als Anbieter einer Medizin »zweiter Klasse«.

Dabei steht außer Frage, dass eine gute Erforschung von Body-and-Mind-Zusammenhängen, von Placeboeffekten, von Möglichkeiten mentaler Unterstützung und einem besseren Miteinander von Arzt und Patient auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt wichtig und zukunftsweisend ist. Doch wie kann man einerseits von einer besseren Medizin sprechen, wenn man genau den Aspekt ausblendet, den Patienten am allermeisten brauchen, um Vertrauen zu haben: Ehrlichkeit. Ich halte es an dieser Stelle mit Richard Feynman, der einmal so schön sagte: »Science – it's magic, but without the lies.« Und nein, Feynman war kein knochentrockener theoretischer Physiker – er war ein lebensfroher Mensch und der beste Bongospieler in der wissenschaftlichen Community. Body and Mind!

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