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Grams' Sprechstunde: Eigenverantwortliche Selbstüberschätzung

Impfentscheidungen sind zu schwierig und schwer wiegend, um sie dem Bauchgefühl zu überlassen. Warum verzichten trotzdem viele auf jeden Expertenratschlag?
Ein Kleinkind wird geimpftLaden...

Neulich begegnete mir auf Twitter eine »nette« Ministory: »Also wir haben uns mit dem Leon hingesetzt und das Für und Wider des Impfens durchgesprochen. Die Entscheidung hat dann letztlich der Leon getroffen, es ist schließlich sein Körper, und er möchte lieber nicht geimpft werden.« »Wie alt ist denn Leon?« »Viereinhalb.«

Leon hat offensichtlich gerade eine »persönliche individuelle Impfentscheidung« getroffen, um ein gern gebrauchtes Schlagwort mal zu überspitzen. Und typischerweise geht es bei der Entscheidung nicht mehr um Fakten, sondern um Gefühle. Woher kommt das eigentlich, dass man dem Impfen, einer der erfolgreichsten Maßnahmen der Medizin, aus einem Bauchgefühl heraus eine Absage erteilt?

So ganz neu ist das nicht. Das »Reichsimpfgesetz« trat 1874 in Kraft, und die Impfdebatten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen erstaunliche Parallelen zum heutigen Streit: Kritik und Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Medizin, Aberglaube, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen, vorgebliche Freiheits- und Individualitätsansprüche stechen Rationalität und Vernunft. Und bis heute kommt man bei der Aufklärung mit dem Verweis auf Studien und gute wissenschaftliche Praxis selten weiter – es sind zwei verschiedene Wahrnehmungsebenen, die hier nicht recht zueinanderfinden.

Was mir aber auffällt: Längst hat sich ein neuerer, aber inzwischen schon kaum mehr auszurottender Mythos eingeschlichen. Nämlich die Ansicht, dass »harmlose Kinderkrankheiten« für die Entwicklung der Kinder positiv, ja nahezu unerlässlich seien und deswegen bewusst nicht dagegen geimpft werden sollte. Diese Idee hat ihren Ursprung in Grundvorstellungen der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners – und so finden wir bei anthroposophisch ausgerichteten Medizinern auch die meisten Befürworter der wohlklingend so genannten »eigenverantwortlichen Impfentscheidung«. Den »individuellen Entscheidungen« gemein ist dann, dass die von der Ständigen Impfkommission (StIKo) vorgeschlagenen Impfempfehlungen in Zweifel zu ziehen sind.

Die Anthroposophie Rudolf Steiners überträgt ihre okkult-mystischen Grundannahmen ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse auf viele Lebensbereiche, am bekanntesten sind die Pädagogik und die Medizin. Sie ist eine Reinkarnationslehre, für die die Vorstellung eines Karmas, also von Schuld und Verdienst aus früheren Daseinsformen, wesentlich ist. Hieraus ergibt sich eine besondere Sicht auf Krankheiten, speziell Kinderkrankheiten. Krankheiten sind hier eine Folge angesammelten ungünstigen Karmas und helfen beim Abtragen von »Schuld« – oder andersherum dabei, das persönliche »Konto« mit positivem Karma für die Zukunft zu füllen. Das ist übrigens auch die Idee, die hinter der weit verbreiteten Vorstellung vom »Entwicklungsschub« durch Kinderkrankheiten steckt – was wohl kaum allzu vielen Eltern bekannt sein dürfte, die dem Prinzip etwas abgewinnen können.

Steiners Thesen sind inzwischen etwas mehr als 100 Jahre alt. Sie waren schon damals nicht mit dem Stand der medizinischen Wissenschaft vereinbar, denn sie beruhen auf einem okkulten Gedankengebäude; einen Bezug zur modernen Wissenschaft verneinte Steiner ganz bewusst. Der Mythos Anthroposophie ist heute aber quicklebendig.

Viele, allzu viele Bücher und Internetseiten verunsichern, meist unwidersprochen von Expertenseite, Eltern in ihrer Impfentscheidung. Das Angebot der »eigenverantwortlichen Impfentscheidung« ist dabei ein sehr geschickter Appell an den elterlichen Wunsch, das Beste für ihre Kinder zu tun, und an die zu Recht hoch geschätzen Werte von Eigenverantwortung und Individualität. Jedoch: Eine Impfentscheidung sinnvoll »eigenverantwortlich« oder »individuell« treffen zu wollen, ist bei Licht betrachtet ein völlig unrealistisches Unterfangen. Verlangt wird dabei nicht weniger, als dass ein begleitetes Einzelgespräch jene fachliche Abwägung ersetzt, die von der STIKO vorgenommen wurde – eine Abwägung, bei der sie sich auf stets aktuelle epidemiologische Daten aus der ganzen Welt und auf die Expertise von vielen Fachleuten gestützt hat.

Sowohl Eltern als auch die beratenden Therapeuten konfrontieren sich somit selbst mit einer Problemstellung, die höchste Expertise von weit mehr als einer Einzelperson erfordert und aus gutem Grund fachlich versierten, unabhängigen Stellen im staatlichen Auftrag anvertraut ist. Individuell zu betrachten ist die Impffähigkeit im Einzelfall, die Gegenanzeigen (Kontraindikationen) vorübergehender oder dauerhafter Natur – also die Kernaufgaben jedes impfenden Arztes. Zusammengefasst: Was die Vertreter der »eigenverantwortlichen Impfentscheidung« propagieren, eine individuelle Impfprognose unter Einbeziehung aller Faktoren, ist schlicht unmöglich.

Für viele Menschen sind Individualität und persönliche Entscheidungskompetenz wichtig; viele haben vom fundierten wissenschaftlichen Hintergrund der Impfempfehlungen allerdings gleichzeitig auch keine klare Vorstellung. Das macht es leichter, die Empfehlungen der STIKO gar nicht als verlässliche Richtlinie für das eigene Handeln einzuordnen: Sie drängen sich stattdessen als kollektivistischer Zwang auf, dem man sich vielleicht schon grundsätzlich aus einer liberal-freiheitlichen Grundhaltung heraus widersetzen möchte.

Doch so wichtig individuelle Freiheit ist, sie muss dort ihre Grenzen finden, wo sie die Freiheit anderer einschränkt. Das nun ist ganz entscheidend: Impfen ist eine »soziale Veranstaltung«, die nicht nur einen selbst, sondern die Gemeinschaft schützt, insbesondere diejenigen, die selbst keinen Schutz aufbauen können. Impfen schützt, Nichtimpfen gefährdet die Gemeinschaft – die ansteigenden Masernzahlen sprechen eine leider überdeutliche Sprache. Entscheidungen für das Impfen verteidigen uns alle als Kollektiv. Individuelle Entscheidungen gegen das Impfen kann es geben, aber ausschließlich aus medizinischen Gründen. Aus einem Bauchgefühl heraus sollten Impfentscheidungen niemals getroffen werden.

Weder Leon noch sonst irgendein Kind braucht die Qualen von wochenlangem Keuchhusten oder der Diphterie, des »Würgeengels der Kinder« (wer kennt noch diesen Ausdruck?). Erst recht braucht niemand lebensgefährlich verlaufende Masern, um sich gesund und individuell entwickeln zu können. Erst seit wenigen Generationen verfügen wir über den Segen der Impfungen – die vielen Generationen davor wären fassungslos, würden sie die heute grassierende Impfskepsis miterleben können.

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