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Springers Einwürfe: Okay für die EU, schlecht für die anderen

Der europäische Green Deal verspricht, die EU in den kommenden Jahrzehnten klimaneutral zu gestalten. Werden andere Weltregionen dafür bezahlen? Eine Kolumne
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Mit beträchtlichem Pathos präsentierte Ursula von der Leyen als Präsidentin der Europäischen Kommission im Dezember 2019 den European Green Deal. Dieser Maßnahmenplan stellt der Europäischen Union die ehrgeizige Aufgabe, bis 2050 ihre Umweltbelastung durch Treibhausgase auf null zu senken.

Während nun der Streit losgeht, ob – und wenn ja, wie – das Ziel zum angepeilten Zeitpunkt erreichbar sei, machen Kritiker auf prinzipielle Schwachstellen des Deals aufmerksam. Sie erinnern an die Tatsache, dass Europa keine grüne Insel ist, sondern auf vielfältige Weise mit Nicht-EU-Ländern Handel treibt und dadurch fremde Umweltbilanzen beeinflusst – selten zu deren Vorteil.

Die EU importiert in großem Stil landwirtschaftliche Güter und beabsichtigt, die Mengen der aus dem Ausland bezogenen pflanzlichen und tierischen Güter wie Getreide, Gemüse, Obst, Fleisch und Milchpro­dukte in naher Zukunft weiter zu steigern. In vielen Lieferländern gelten laxere Regeln. Die Folge: Europa vermehrt jenseits seiner Grenzen die ökologischen Schäden und kann sich gleichzeitig daheim umweltfreundlicher Maßnahmen brüsten.

Outsourcen ökologischer Belastungen

So betreibt die EU erfolgreiche Aufforstungsprogramme, während anderswo Wälder abgeholzt werden, um Anbauflächen für Exporte zu schaffen. Vor allem Brasilien und Indonesien roden riesige ökologisch wertvolle Waldgebiete für die Produktion von Ölsaaten, die dann hier zu Lande unter anderem als Biokraftstoff dienen.

Ein anderes Beispiel bietet der Einsatz von Pestiziden und gentechnisch veränderten Pflanzen. Beides ist in der EU restriktiv geregelt beziehungsweise verboten. Dennoch bezieht Europa große Mengen transgener Maispflanzen und Sojabohnen vom amerikanischen Kontinent. Auch wird dort der Gebrauch etwa von Glyphosat und Neonicotinoiden – Letztere werden für das Bienensterben verantwortlich gemacht – viel lässiger gehandhabt.

Angesichts des europäischen Outsourcens von ökologischen Belastungen plädieren die Umweltforscher Richard Fuchs, Calum Brown und Mark Rounsevell vom Karlsruher Institut für Technologie dafür, den Green Deal in wichtigen Punkten zu ergänzen.

Vor allem sollten europäische Standards hinsichtlich Nachhaltigkeit genauso für Importe gelten. Das könnte durch Zollkontrollen an den EU-Grenzen durchgesetzt werden, wenn diese nur noch zertifizierte Produkte passieren lassen. Das böte einen Anreiz für die Herkunftsländer, ihre Produktion entsprechend anzupassen. Zugleich müsste die EU-Ökobilanz nicht nur die innerhalb Europas erzeugten Emissionen enthalten, sondern auch die anderswohin ausgelagerten Umweltbelastungen.

Ein fairer Green Deal würde jeden mehr kosten

Schließlich meinen die Karlsruher Forscher, Europa solle aufhören, heimisches Ackerland zu Gunsten billiger Nahrungsimporte brach liegen zu lassen: Der tendenzielle Übergang zu einer halbwegs autarken europäischen Landwirtschaft würde den schädlichen Produktionsdruck auf tropische Biotope lindern.

Natürlich stieße eine solche Strategie auf so erhebliche Widerstände, dass sie fast schon utopisch anmutet. Im Endeffekt hieße das ja, bisher in weiter Ferne gut versteckte Probleme freiwillig nach Hause zu holen. Unter anderem gewännen Fleisch und Milch einen fairen Preis; das heißt, sie würden teurer.

Es wäre gewiss politisch heikel – wenngleich ökologisch erwünscht –, auf diese Weise den Konsum tierischer Produkte zu hemmen. Doch ein fairer Green Deal, der das nachhaltige Wohlleben der Europäer nicht auf dem Rücken anderer Weltregionen organisiert, ist nun einmal nicht umsonst zu haben.

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