Vorsicht, Denkfalle!: Hätte, wäre, könnte

Grübeln Sie gern? Na ja, mit Begeisterung wohl kaum. Es passiert eher unwillkürlich, und man bemerkt es anfangs gar nicht. Dass sich die Grübelei so still und heimlich in unser Leben schleicht, hat vermutlich viel damit zu tun, dass dabei eine an sich nützliche Fähigkeit aus dem Ruder läuft: unser Sinn für alternative Möglichkeiten. Psychologisch ausgedrückt: das kontrafaktische Denken.
Sie, ich, überhaupt jeder überlegt am laufenden Band, was nicht ist, aber sein könnte – denn das ist eine Voraussetzung dafür, dass wir unser Leben sinnvoll gestalten.
Schon wenn ich mich frage, ob ich statt Kaffee heute Tee trinken sollte, ob mich ein neuer Job mehr beglücken könnte oder ob ich diese Kolumne noch mal ganz anders aufziehen sollte, denke ich kontrafaktisch.
Solange es dabei um Möglichkeiten in der Zukunft geht, ist das meist praktisch. Wir imaginieren, planen und wägen ab, indem wir künftige Ereignisse und Zustände antizipieren.
Hakelig wird es oft, wenn sich das kontrafaktische Denken auf die Vergangenheit richtet. Denn die hat eine unangenehme Eigenart: Sie kann nicht wiederholt werden. Was war, war. Und warum es gerade so und nicht anders lief, weiß kein Mensch. Es kommen im Leben immer viele Dinge zusammen – Zufall, Wille, die Gene, eigene Anstrengung, Beziehungen, vielleicht sogar Schicksal –, und was davon den Ausschlag gab, bleibt uns ein Rätsel.
Gefährliche Verklärung der Vergangenheit
Wo stünde ich heute, wenn ich nicht Psychologie, sondern Bio auf Lehramt oder Architektur studiert hätte, wie ich einst wollte? Wenn ich nicht aus Berlin fortgezogen wäre und mich nicht von L. getrennt hätte … Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, birgt eine Gefahr: Die von Nostalgie und »Ach, hätt ich doch« verklärte Rückschau lässt uns leicht glauben, wir wüssten, wie alles gekommen wäre, hätten wir nur dies oder jenes anders gemacht. Aber das ist eine Illusion.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Die Fokussierungsillusion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
Man kann eben beim besten Willen nicht die Uhr zurückdrehen und dieselbe Konstellation noch einmal herbeiführen. Selbst wenn alles genauso wie damals wäre, ist eines jetzt doch anders: Ich weiß, wie es schon einmal ausging. Und meine Erwartung beeinflusst womöglich den Lauf der Dinge.
Die große Frage lautet: Wie stellt man das Grübeln ab? Wie lässt man gestern gestern sein und bildet sich nicht ein, man müsse erst den Stein der Weisen finden, bevor man den nächsten Schritt gehen kann? Darauf habe auch ich keine definitive Antwort. Nur eine Vermutung: Wer beim kontrafaktischen Denken die Blickrichtung ändert und nicht nur zurück, sondern auch nach vorn schaut, hat viel gewonnen.
Denken Sie auch »nach unten«!
Wie Forschende um Natasha Parikh von der Duke University in Durham (USA) berichteten, kann noch eine weitere Perspektive des kontrafaktischen Denkens helfen – der Vergleich »nach unten«. Sprich: Seien wir doch froh, es hätte noch viel schlimmer kommen können!
Erinnern Sie sich an ein Erlebnis in Ihrem Leben, bei dem etwas, sagen wir mal, suboptimal lief? Es darf ruhig etwas Triviales sein, ein verpasster Zug, eine ausgeschlagene Einladung, eine entgangene Chance. Und jetzt überlegen Sie mal, was Ihnen alles an Schlimmerem dadurch erspart blieb! Ich hoffe, die Lesezeit für diese Kolumnen hat sich für Sie gelohnt – nicht auszudenken, was Ihnen sonst alles zugestoßen wäre!
Schreiben Sie uns!
Beitrag schreiben