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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines verpfuschten Autos, das durch die Zeit reiste

Der DeLorean DMC-12 hat heute Kultstatus. Dank Hollywood. Doch für den Hersteller war das Auto ein Desaster, wie unsere Kolumnisten erzählen.
Marty McFly alias Michael J. Fox und Christopher Lloyd als Doc Brown im Film »Zurück in die Zukunft« von 1985.
Christopher Lloyd als Doc Brown und Marty McFly alias Michael J. Fox im Film »Zurück in die Zukunft« mit ihrer Zeitmaschine: dem DeLorean mit Fluxkompensator. Der Film kam 1985 in die Kinos.

Es begann mit einem sagenhaften Aufstieg und endete im völligen Bankrott: John Zachary DeLorean schaffte es, in Rekordzeit aus einfachen Verhältnissen in die Chefetage des damals weltweit größten Autoherstellers General Motors aufzusteigen. Aber nur wenige Jahre später 1982 ging seine Karriere desaströs zu Ende. Und wären nicht Christopher Lloyd als Doc Brown und Michael J. Fox als Marty McFly in der Filmtrilogie »Zurück in die Zukunft« mit einem DeLorean DMC-12 durch die Zeit gereist, würde sich wohl kaum jemand an den Zweisitzer aus Edelstahl erinnern.

Aber der Reihe nach. Geboren wurde John DeLorean 1925 in Detroit. Die Stadt im US-Bundesstaat Michigan ist auch bekannt als Motor City, weil sie der Hauptstandort der amerikanischen Autoindustrie war. Kein Wunder also, dass DeLorean nach seinem Abschluss als Ingenieur dort rasch Arbeit fand. Seine erste Station war Chrysler, er verließ das Unternehmen jedoch bald und ging zum Autohersteller Packard Motor Car Company, der heute nicht mehr existiert. Dann ließ sich DeLorean von General Motors abwerben, damals einer der größten Konzerne überhaupt und von 1931 bis 2007 der weltweit größte Automobilhersteller nach Verkaufszahlen.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« auf ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

General Motors engagierte den jungen Ingenieur, um die Marke Pontiac neu auszurichten und zum Sportwagen umzugestalten. DeLorean wurde Leiter der Abteilung für Modellentwicklung. Es war der Beginn einer Glanzkarriere. Nach wenigen Jahren wurde DeLorean Chefingenieur, dann 1965 Geschäftsführer von Pontiac. Damit war er nicht nur in der Chefetage angekommen, sondern mit 40 Jahren auch der bisher jüngste Geschäftsführer einer Marke von General Motors. Das war allerdings nur eine Zwischenstation. Nach der erfolgreichen Arbeit bei Pontiac wurde DeLorean 1969 zum Flaggschiff des Konzerns versetzt, als Geschäftsführer von Chevrolet. Drei Jahre später folgte der Höhepunkt: Er stieg zum Vorstandsmitglied und Vizepräsidenten der gesamten Pkw- und Lkw-Produktion auf.

DeLorean hatte das Image eines dynamischen, jungen Vorzeigemanagers und wurde bereits als der nächste Präsident von General Motors gehandelt. Doch es sollte ganz anders kommen. Ein Streit im Vorstand über die Zukunft des Konzerns eskalierte, und man einigte sich, dass DeLorean gehen müsse. Der Mann aus Detroit kündigte daraufhin, vermutlich um seinem Rauswurf zuvorzukommen.

Die Vision vom besten Auto der Welt

Es dauerte nicht lange, da reifte in ihm der Wunsch, ein eigenes Auto zu bauen. Ein Auto, das nach ihm benannt war und bewies, dass er die besseren Fahrzeuge bauen konnte. Der Wagen sollte eine überdurchschnittliche Lebensdauer haben, für alle Insassen die neuesten Sicherheitsfeatures bieten und möglichst wenig Benzin verbrauchen. DSV – DeLorean Safety Vehicle – lautete der vorläufige Projektname. 1975 gründete der gescheiterte Manager die DeLorean Motor Company, kurz DMC.

Zwei Merkmale, die das Auto heute noch besonders machen, waren in dieser Phase schon geplant: Es sollte Flügeltüren bekommen und unlackiert sein. Um Geld zu sparen, setzte DeLorean auf eine Edelstahloberfläche. Für die Entwicklung des neuen Wagens warb er Bill Collins ab, einen Mitarbeiter von General Motors. Für das Design machten sich beide auf den Weg nach Italien zum Turiner Autosalon. Dort trafen sie Giorgetto Giugiaro, einen der einflussreichsten Autodesigner des 20. Jahrhunderts. Auf dessen Entwürfe geht etwa der erste VW Golf zurück.

Auf Krise folgte Krise

DeLorean machte sich nun auf die Suche nach Investoren für das Projekt. Die Finanzierung sollte sich als das größte Problem herausstellen. Sie verzögerte den Produktionsstart, zudem waren die 1970er Jahre geprägt von Öl- und Wirtschaftskrisen, die den Automobilmarkt besonders hart trafen.

Die Situation entpuppte sich für DeLorean als Fluch und Segen zugleich. Zwar glaubte die Bank nicht mehr an den Erfolg des Projekts, doch versuchten einige Staaten, mit Wirtschaftsförderprogrammen die Krise zu überwinden. Und so bewarben sich gleich mehrere Standorte darum, den DMC-12 bei sich zu produzieren.

John DeLorean (1925–2005) | Der Ingenieur aus Detroit arbeitete als Manager bei General Motors. Nach einem Streit mit dem Vorstand im Jahr 1973 verließ er den Automobilhersteller und gründete sein eigenes Unternehmen. DeLorean wollte einen nachhaltigen Sportwagen produzieren. Sein Autoprojekt, das er hier im Jahr 1981 vorstellte, trieb ihn jedoch in den Ruin.

Den Zuschlag erhielt überraschend ein europäisches Land, das von den Krisen schwer gebeutelt war: Nordirland, Teil des Vereinigten Königreichs. Es herrschten dort nicht nur bürgerkriegsartige Zustände, sondern die Ölkrise hatte auch für massive Arbeitslosigkeit gesorgt. Die zuständigen Behörden in Nordirland sahen in dem DeLorean eine Chance, einen neuen Industriestandort aufzubauen. Die britische Regierung willigte in den Deal ein, obwohl die Wirtschaftsprüfung dem Projekt nur wenig Erfolg vorhersagte.

Im Westen von Belfast, in Dunmurry, entstand innerhalb kurzer Zeit eine neue Fabrik. Während das Werk fertig gestellt wurde, arbeitete DMC fieberhaft daran, den Prototyp des DMC-12 serienreif zu bekommen. Eine Aufgabe, die Bill Collins übernehmen sollte und die Jahre in Anspruch nahm. Doch John DeLorean war ungeduldig, also suchte er nach einer Alternative. Er fand sie beim britischen Autohersteller Lotus, der versprach, den Wagen in nur 18 Monaten produktionsreif zu kriegen. Vorausgesetzt, die Grundlage des Autos würde der Lotus Esprit und nicht der DMC-12-Prototyp werden. DeLorean willigte ein, und Collins verließ enttäuscht DMC. Vom revolutionären DMC-12 als nachhaltigem und sicherem Sportwagen blieb nur noch die Edelstahlhülle übrig.

Die britische Regierung finanzierte jahrelang das US-Produkt

Die Verzögerungen des Produktionsstarts führten dazu, dass DMC ständig am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand. Immer wieder musste das Unternehmen von der britischen Regierung durch Bürgschaften oder Überbrückungskredite gerettet werden. Als dann im Spätsommer 1980 endlich Auto und Werk fertig waren und der erste DMC-12 in Dunmurry zusammengeschraubt worden war, stellte sich heraus: Bis zur Serienproduktion war es noch ein langer Weg. Denn für den Bau eines Autos brauchte man dreimal so lange wie geplant.

Verlief die Geschichte des DMC-12 bis dahin schon katastrophal, sollte es nun noch schlimmer kommen. Am 21. Januar 1981 ging es offiziell los: Der erste DMC-12 rollte in Belfast vom Band. Wieder war DMC praktisch pleite, es brauchte erneut einen Überbrückungskredit, und als Geldgeber blieb nur der britische Staat übrig. Als dann die ersten Wagen in den USA ankamen, waren sie in einem derart schlechten Zustand, dass teilweise noch zirka 150 Arbeitsstunden pro Wagen notwendig waren, bevor der DMC-12 in den Verkauf gehen konnte. Auch danach häuften sich die Mängel, und es gab mehrere Rückrufaktionen.

Im Lauf des Jahres 1981 – die Lage schien sich stabilisiert zu haben – traf DeLorean eine fatale Entscheidung. Er ordnete an, die Produktionskapazität zu verdoppeln. Fortan stellte die Firma täglich doppelt so viele Fahrzeuge her, als sie verkaufen konnte. Die Folge: Die Parkflächen füllten sich mit DMC-12, doch bald fehlte das Geld, die laufenden Kosten zu decken. Es dauerte nicht lange, bis alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach. Anfang 1981 scheiterten weitere Rettungsversuche, die britische Regierung schickte einen Insolvenzverwalter, und gegen DeLorean wurde ein Haftbefehl wegen Veruntreuung ausgestellt.

Im Oktober 1981 erreichte Nordirland dann eine Meldung, die das endgültige Aus bedeutete: John DeLorean wurde wegen Drogenhandels verhaftet. Damit endete der Traum vom neuen Autokonzern. Der Insolvenzverwalter in Belfast verkündete die Liquidierung, die letzten Mitarbeitenden wurden nach Hause geschickt. DMC meldete Zahlungsunfähigkeit und sah sich auf einem Schuldenberg von mehr als 200 Millionen US-Dollar sitzen. Und so lief am 24. Dezember 1982 der letzte DMC-12 vom Band, einer von knapp 9000 Stück, die dort produziert wurden.

Dank Fluxkompensator zum Kultauto

Zwar ließ sich der Konzern nicht sanieren, doch das Markenimage des DeLorean feierte bald eine geradezu wundersame Rettung. Offenbar hatte dem Auto ein entscheidendes Bauteil gefehlt: ein Fluxkompensator. Jenes Gerät, das Zeitreisen mit dem DMC-12 ermöglichte und freilich nur im Film funktionierte. Diese Geschichte ereignete sich 1985, als der erste Teil der Trilogie »Zurück in die Zukunft« in die Kinos kam und Teenager Marty McFly, verkörpert von Michael J. Fox, mit dem für Zeitreisen gepimpten DeLorean von Doc Brown alias Christopher Lloyd in die Vergangenheit düste. Da der Film derart erfolgreich war, folgten 1989 und 1990 weitere Teile.

Im Drogenprozess wurde DeLorean übrigens freigesprochen, weil sich herausstellte, dass er vom FBI und der Drug Enforcement Administration vorsätzlich zu einer Straftat verleitet wurde. Ein weiteres Auto hat er bis zu seinem Tod 2005 aber nicht mehr gebaut. Auf seinen phänomenalen Aufstieg in die Konzernspitze von General Motors folgte ein tiefer Sturz. Journalist Michael Schäfer kommt in seinem Buch »Zu früh für die Zukunft – Das DeLorean-Drama« zu dem Schluss: »Die Verantwortung für das Scheitern des DMC-12 trägt allein DeLorean, der seine Gier nach Macht, Größe und Anerkennung nicht in den Griff bekam.«

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