Direkt zum Inhalt

Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte einer Frau, die das Fechten so liebte wie die Frauen

Schon mit 14 Jahren schlug sich »La Maupin« durch das Frankreich des Sonnenkönigs – im wahrsten Wortsinn. Unsere Kolumnisten erzählen vom rasanten Leben der Julie d’Aubigny.
Eine klassische Gemäldeszene zeigt zwei allegorische Figuren, die auf einer Steinbank neben einem Brunnen sitzen. Die linke Figur trägt ein weißes Gewand mit einem orangefarbenen Umhang, während die rechte Figur ein blaues Gewand trägt und eine Waage hält. Im Hintergrund erstreckt sich eine idyllische Landschaft mit Bäumen, Schafen und einem fernen Hügel. Der Brunnen ist mit lateinischem Text verziert, und Wasser fließt in ein kleines Becken. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Ruhe und Harmonie.
Viele überlieferte Details aus der Biografie der Mademoiselle Maupin sind eher Ausschmückung. Genau wie dieses Gemälde: »Der Kuss des Friedens und der Gerechtigkeit« von Laurent de La Hyre (1606–1656) zeigt natürlich keine Szene aus dem abenteuerlichen Leben der Mademoiselle Maupin.
Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Was passiert, wenn eine Frau im Frankreich des 17. Jahrhunderts besser ficht als die meisten Männer, auf der Opernbühne brilliert und sich um die Konventionen ihrer Zeit herzlich wenig schert? Die Geschichte der Julie d’Aubigny liefert eine Antwort, und zwar eine, die wilder ist, als man es sich ausdenken kann.

Wobei, auch das Ausdenken ist Teil ihrer Geschichte: Vieles in ihrer Biografie stammt von Chronisten des 18. Jahrhunderts, die Jahrzehnte nach ihrem Tod schrieben. Tagebücher, offizielle Akten oder Briefe von Julie selbst sind nicht überliefert. Und leider fehlt noch immer eine Untersuchung all dieser Berichte und Legenden, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde. Vor allem Romanautorinnen und -autoren haben sich bislang an dem Stoff abgearbeitet, so etwa die australische Autorin Kelly Gardiner, die für ihr Buch »Goddess« jahrelang in Archiven recherchierte.

Julie d’Aubigny wurde um 1673 als Tochter eines gewissen Gaston d’Aubigny geboren, der am Hof Ludwigs XIV. als Sekretär des Grafen d’Armagnac (1641–1718) arbeitete, der wiederum als Großstallmeister einen der höchsten Titel des Königreichs bekleidete. Weil ihr Vater die jungen Adligen am Hof unterrichtete, kam auch Julie in den Genuss desselben Unterrichts: Lesen, Schreiben, Zeichnen, Tanz – und Fechten. In Letzterem war sie bald außergewöhnlich gut. Und auch in ihrem Äußeren passte sie sich ihrer Umgebung an und begann, sich wie ein Junge zu kleiden, eine Gewohnheit, die sie nie ablegte.

Eine Ehe als Befreiung

Für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich, warf der gut 30 Jahre ältere Graf d’Armagnac ein Auge auf die gerade einmal 14-jährige Julie. Sie wurde seine Mätresse, und nach einiger Zeit arrangierte er eine Ehe für sie, wohl in der Annahme, ihr damit etwas Gutes zu tun. Der Ehemann, ein gewisser Sieur de Maupin, wurde kurz darauf als Steuerverwalter in den Süden Frankreichs versetzt. Julie, jetzt offiziell Madame de Maupin, dachte nicht daran, ihm zu folgen. Die Ehe hatte sie, paradoxerweise, freier gemacht: Nicht mehr an die Einschränkungen gebunden, die für unverheiratete Frauen galten, konnte sie nun ihr eigenes Leben gestalten.

Und das tat sie. Sie beendete die Affäre mit dem Grafen und ließ sich stattdessen mit einem Fechtmeister namens Sérannes ein. Als gegen diesen ein Haftbefehl wegen eines tödlichen Duells ausgestellt wurde, floh sie mit ihm in Richtung Marseille. Geld hatten die beiden kaum, also verdienten sie sich einige Monate lang ihren Unterhalt mit dem, was sie am besten konnten: In Tavernen und auf Rummelplätzen führten sie ihre Fechtkünste vor. Bei einer dieser Vorführungen soll ein Zuschauer bezweifelt haben, dass es sich bei La Maupin tatsächlich um eine Frau handelte – sie trug Männerkleidung. Erst als sie ihr Hemd öffnete, war das Publikum überzeugt.

Die Opernbühne und ein brennendes Kloster

In Marseille gelang es Julie, bei einem Opernunternehmen des Regisseurs Pierre Gaultier angeheuert zu werden. Ohne Gesangsausbildung, dafür von der Natur mit schöner Singstimme und einem ausgezeichneten Gedächtnis ausgestattet, machte sie sich schnell einen Namen beim Publikum, das nicht zuletzt auch ihr extravagantes Auftreten goutierte. Die Herzen der Zuschauer flogen ihr zu, insbesondere das einer jungen Frau, deren Name nicht überliefert ist. La Maupin, mittlerweile von Sérannes gelangweilt, erwiderte die Zuneigung und verliebte sich zurück.

Die Eltern des Mädchens waren entsetzt und steckten ihre Tochter in ein Kloster in Avignon. La Maupin wäre allerdings nicht La Maupin gewesen, hätte sie das einfach hingenommen. Sie folgte dem Mädchen nach Avignon und trat als Postulantin in den Konvent ein. Dort angekommen, so berichten es die Chronisten, stahl sie den Leichnam einer Nonne, legte ihn ins Bett ihrer Freundin, zündete das Zimmer an und floh mit ihr. Die Affäre dauerte drei Monate; danach verlor La Maupin das Interesse, und das Mädchen kehrte zu seiner Familie heim.

Julie wurde in Abwesenheit angeklagt, wegen Entführung, Leichendiebstahl und Brandstiftung, und zum Tod durch Verbrennen verurteilt. Die Anklage lautete auf einen »Sieur d’Aubigny«, also einen Mann, wohl um die gleichgeschlechtliche Dimension des Falls zu verschleiern.

Duelle, Begnadigungen und die Pariser Oper

Das Todesurteil kümmerte Julie wenig. Nur rund zwei Jahre nach ihrer Flucht aus Paris kehrte sie in die Stadt zurück und verdiente sich auf dem Weg dahin ihren Lebensunterhalt weiterhin mit Singen. In einem Ort namens Villeperdue forderte sie einen jungen Adligen, der sie beleidigt hatte, kurzerhand zum Duell und stach ihm durch die Schulter. Am nächsten Tag erkundigte sie sich nach seinem Befinden – woraufhin die beiden eine Affäre begannen. Es half vermutlich auch, dass er der Sohn eines wohlhabenden Herzogs war.

In Paris angekommen, wandte sich Julie an ihren früheren Liebhaber, den Grafen d’Armagnac. Verkleidet schlich sie sich eines Nachts in sein Anwesen und bat um Hilfe. Der Graf ließ sich erweichen und brachte den König dazu, sie zu begnadigen. Ludwig XIV. soll von den Missetaten der Julie sogar amüsiert gewesen sein. Auch der Weg auf die Opernbühne öffnete sich: Nach anfänglichem Widerstand des Operndirektors wurde sie aufgenommen und feierte als 17-Jährige ihr Debüt in Jean-Baptiste Lullys Oper »Cadmus et Hermione«.

Doch bevor sie zum Lieblingskind der Pariser Musikszene aufsteigen konnte, sorgte sie erneut für einen Eklat. Bei einem höfischen Ball, wie immer in Männerkleidung, küsste sie eine junge Frau direkt auf dem Parkett. Drei empörte Adelige forderten sie zum Duell. Julie stellte sich allen dreien gleichzeitig und besiegte sie.

Angeblich soll der Sonnenkönig achselzuckend bemerkt haben, das Duellverbot gelte nur für Männer. Belegt ist das allerdings genauso wenig wie das Duell selbst. Sicher ist dagegen, dass Julie kurz darauf Paris den Rücken kehrt und in Brüssel auftaucht.

Gefeierte Stimme | Publikum und Komponisten liebten La Maupin auf der Bühne. Anders als im Privatleben trat sie an der Oper durchaus in Frauenkleidern auf, wie dieser zeitgenössische Druck zeigt.

Brüssel, Bayern und die Rückkehr

Dort setzte sie zunächst ihre Karriere als Sängerin fort und begann eine folgenreiche Affäre mit Maximilian II. Emanuel. Der bayerische Kurfürst residierte zu dieser Zeit als Statthalter der Spanischen Niederlande in der Stadt. Die Beziehung nahm jedoch ein jähes Ende. Der Kurfürst war ihrer Leidenschaft und Exzesse überdrüssig geworden. Den Ausschlag gab wohl ein Vorfall auf der offenen Bühne, bei dem sich Julie mit einem echten Dolch selbst verletzte. Maximilian beendete daraufhin das Verhältnis. Der Legende nach schickte er ihr einen Boten mit der gewaltigen Summe von 40 000 Francs, um sie schweigend zu verabschieden. La Maupin reagierte darauf mit ihrem typischen Stolz: Die Überlieferung besagt, dass sie dem Boten den Beutel mit Geld einfach ins Gesicht warf und Brüssel kurz darauf für immer verließ.

Zurück in Paris, wurde sie abermals begnadigt, diesmal auf Fürsprache des Bruders des Königs. Sie versöhnte sich sogar mit ihrem Ehemann Maupin, den sie aus der Provinz zurückholen ließ. Ihre Karriere an der Oper erreichte jetzt ihren Höhepunkt: Sie sang für den Hof in Versailles, übernahm Hauptrollen in neuen Produktionen und galt als eine der bedeutendsten Stimmen ihrer Zeit. Der Komponist André Campra schrieb die Rolle der Clorinde in »Tancrède« eigens für sie. Es war eine der ersten Altstimmen-Partien der französischen Oper.

Was bleibt

Im Jahr 1705 trat Julie d’Aubigny zum letzten Mal auf der Bühne auf, in Michel de La Barres »La Vénitienne«. Danach zog sie sich in ein Kloster zurück, wo sie 1707 starb, mit nur 33 Jahren. Laut einem ihrer Biografen gab es kein Grab für sie.

Théophile Gautier verarbeitete Aspekte ihres Lebens in seinem Roman »Mademoiselle de Maupin« (1835) und machte sie so einem breiteren Publikum bekannt, auch wenn der Roman mit der historischen Julie nur lose verbunden ist. Was bleibt, ist das Bild einer Frau, die sich in einer von starren Geschlechterrollen geprägten Gesellschaft schlicht weigerte, nach den für sie vorgesehenen Regeln zu spielen. Dafür wurde sie sowohl verehrt als auch verurteilt. Dass Ludwig XIV. sie nicht ein-, sondern zweimal begnadigte, sagt dabei mindestens so viel über die Widersprüche seiner Zeit wie über Julie d’Aubigny selbst.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.