Direkt zum Inhalt

Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte einer Villa voller Geister

Was trieb diese schwerreiche Witwe da nur in ihrer völlig verbauten Villa? Im Winchester-Haus im 19. Jahrhundert konnte es nicht mit rechten Dingen zugehen, erzählen unsere Kolumnisten.
Ein großes, historisches Gebäude mit viktorianischer Architektur, umgeben von gepflegten Gärten und hohen Palmen. Der Himmel im Hintergrund zeigt einen sanften Sonnenuntergang. Das Gebäude hat zahlreiche Fenster, Türme und dekorative Details. Im Vordergrund sind Rasenflächen und Hecken zu sehen, die den Eingang zum Gebäude säumen.
Heute ist das Wohnhaus der Sarah Winchester (1839–1922) eine Gruselattraktion in San José.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.

Alle Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen«

160 Räume, Dutzende Kamine, ebenso viele Treppen, und kaum eine davon ist normal. Mal windet sich eine Treppe über winzige Stufen ein halbes Stockwerk hinauf, mal endet eine an der Zimmerdecke, und an wieder anderer Stelle liegt ein Fenster im Fußboden. Diese und viele weitere Kuriositäten sind in einem opulenten viktorianischen Anwesen im kalifornischen San José verbaut.

Das Haus wird heute als Gruselattraktion vermarktet. Es hat aber auch eine ebenso bizarre Geschichte.

Sarah Winchester, Erbin des Winchester-Waffenvermögens, sei von den Toten verfolgt worden – Menschen, die mit einem Gewehr des Familienunternehmens erschossen worden waren, suchten sie nach dem gewaltsamen Tod heim. Ein Medium aus Boston habe ihr deshalb geraten, nach Westen zu ziehen und für die Geister zu bauen. Solange gebaut werde, bliebe sie am Leben. Die Treppen ins Nichts und die Türen ins Leere sollten die Bösartigen unter den Geistern in die Irre führen.

Die Witwe und ihr Waffenvermögen

Sarah Lockwood Pardee kam 1839 in New Haven, Connecticut, zur Welt. 1862 heiratete sie William Wirt Winchester, den Sohn des Unternehmers Oliver Winchester. Die gemeinsame Tochter Annie starb 1866 nach kaum mehr als einem Monat. William erlag 15 Jahre später der Tuberkulose. In den Erzählungen des 20. Jahrhunderts schrumpft der zeitliche Abstand zwischen dem Tod der Tochter und dem Versterben des Ehemanns häufig auf wenige Wochen zusammen. Diese verzerrte Version lieferte einfach die passendere Kulisse für Spukgeschichten.

Die Winchester Repeating Arms Company entwickelte im 19. Jahrhundert Symbolkraft. Sie stand stellvertretend für den Bürgerkrieg und die Expansion der Siedler in den Westen des nordamerikanischen Kontinents. Die Winchester-Gewehre sind aber auch Teil der damaligen Gewaltgeschichte, gerade der Gewalt gegen die Indigenen Amerikas.

Nach Williams Tod erbte Sarah Winchester große Unternehmensanteile und damit ein beträchtliches Vermögen. Mitte der 1880er-Jahre zog sie nach Kalifornien – auf ärztlichen Rat: Das warme und trockene Klima sollte ihre Arthritis lindern.

36 Jahre ununterbrochen gebaut?

1886 kaufte sie bei San José ein landwirtschaftliches Anwesen. Wie die US-Historikerin Mary Jo Ignoffo, die Briefe, Rechnungen und Rechtsunterlagen aus Winchesters Umfeld ausgewertet hat, in ihrem Buch »Captive of the Labyrinth« schreibt, stand auf dem Anwesen bereits ein zweistöckiges Farmhaus aus Holz. Dieses Gebäude bildete den Kern des späteren Riesenhauses. Über zwei Jahrzehnte hinweg wuchs der Bau: Partien wurden angesetzt, umgebaut, repariert, Räume umfunktioniert. Die intensive Bauphase dauerte von 1886 bis 1906.

Angeblich war auf der Baustelle 36 Jahre lang rund um die Uhr gearbeitet worden, bis zur Stunde von Sarah Winchesters Tod im Jahr 1922. Doch ihre Briefe entkräften den legendären Stoff: Darin heißt es, sie habe die Arbeiter für Monate nach Hause geschickt, wenn es gerade nichts zu tun gab.

Aus einer Frau, die gern und viel umbauen ließ, wurde eine Frau, die immer weiter bauen musste

Auch die berühmte Treppe mit den flachen Stufen ergibt angesichts ihrer Krankengeschichte Sinn: Für eine Frau mit schwerer Arthritis war sie erheblich leichter zu bewältigen. Winchesters eigene Aufzeichnungen sagen dazu zwar nichts, ein Zusammenhang mit ihrer Krankheit liegt jedoch zumindest nahe.

Eine geheimnisumwitterte Frau

Überhaupt scheinen die Geistergeschichten, die sich um die Villa ranken, zum Großteil auf ein sehr natürliches Ereignis zurückzugehen. Am 18. April 1906 beschädigte das große Erdbeben mit Epizentrum San Francisco das Winchester-Haus schwer. Aufragende Partien stürzten ein, darunter ein siebenstöckiger Turm. Winchester ließ anschließend viele Bereiche zumauern und verlagerte die Arbeiten in die unbeschädigten Teile. Wege blieben blockiert, Kamine endeten unterhalb des Daches, Türen öffneten sich ins Freie, weil die Räume dahinter verschwunden waren. Unter anderem eine Treppe, die ebenfalls beim Erdbeben zusammengebrochen war und nicht mehr aufgebaut wurde, lieferte 60 Jahre später dann den mutmaßlichen Beweis: Winchesters Baupläne galten den Geistern.

Wie kam man auf so was? Nun, der Zeitgeist half nach. Im 19. Jahrhundert waren die Menschen in den USA vom Spiritismus fasziniert, nicht zuletzt, weil nach dem Bürgerkrieg viele Familien auf eine Verbindung zu ihren toten Angehörigen hofften. Mit Séancen und Geisterfotografien versprachen Medien Kontakte ins Jenseits zu knüpfen. Auch in San José gab es eine aktive spiritistische Szene. Ob Winchester Verbindungen zu dieser Gruppe hatte, ist aber nicht bekannt. In ihren Briefen steht zudem nichts davon, das Jenseits habe sie gerufen. Ebenso wenig erklärt sie an irgendeiner Stelle, sie habe aus Schuld über die Toten, die durch eine Winchester umkamen, gebaut.

Gut dokumentiert ist dagegen, dass sie zurückgezogen lebte. Sarah Winchester war reich, verwitwet und füllte keine jener Rollen aus, in der die Öffentlichkeit wohlhabende Frauen damals gerne sah. Sie kaufte Land, beschäftigte Arbeiter und erledigte ihre Geschäfte über Anwälte. Wegen der Arthritis trug sie Handschuhe, in der Öffentlichkeit verbarg sie ihr Gesicht oft hinter einem Schleier. Für Nachbarn und Zeitungen ergab sich daraus schnell das Bild einer geheimnisumwitterten Frau.

Bereits 1895 überschrieb »The Evening News« von San José einen Artikel mit den Worten: »A Woman Who Thinks She Will Die When Her House Is Built«. Aus einer Frau, die gern und viel umbauen ließ, wurde eine Frau, die immer weiter bauen musste – sonst würde sie umkommen.

Dabei verbrachte Winchester einen Großteil ihrer letzten 20 Lebensjahre in Atherton, rund 40 Kilometer von San José entfernt. Die Behauptung, sie dürfe das Geisterhaus unter keinen Umständen verlassen, passt nicht so recht dazu. Der Legende hat der Umstand aber kaum geschadet.

Wie die Villa zum Mystery House wurde

Winchester starb am 5. September 1922. Fünf Monate später führte die Schaustellerfamilie Brown, die das Anwesen zunächst gepachtet und später gekauft hat, die erste zahlende Besuchergruppe durch die Räume. Die Browns beherrschten ihr Handwerk. Sie betonten die Seltsamkeiten, etwa dass sich die Unglückszahl 13 in der Architektur immer wieder finden würde. Zudem machten sie den Namen Mystery House publik.

1923 verkündete die »Los Angeles Times« das Ereignis: »Manse of the Spooks Is Opened to Public«, das Geisterhaus werde nun für Besucherinnen und Besucher eröffnet. Andere Blätter schrieben in diesem Zusammenhang von 10 000 Fenstern, fünf Millionen Dollar Baukosten und rund 40 Jahren ununterbrochener Bauzeit. Die Zahlen widersprachen einander und erfüllten dennoch denselben Zweck: Das Haus wurde mit jeder Wiederholung größer, teurer und unheimlicher.

Das Medium aus Boston, das Winchester zum Bauen geraten haben soll, fehlte in dieser Phase noch. Es wurde 1967 Teil der Legende, als die Journalistin Susy Smith ihr Buch »Prominent American Ghosts« herausbrachte. Sie nannte das Medium: einen Mann namens Adam Coons, der – wörtlich zitiert – eine Warnung aus dem Jenseits ausgesprochen haben soll. Im selben Jahr veröffentlichte der Lokalhistoriker Ralph Rambo aus San José seine Broschüre »Lady of Mystery«. Zusammen lieferten die beiden Texte die Grundlage, um das Haus als Beschwichtigung der Geister zu erklären.

Nach Adam Coons wurde seither auch gesucht, in Bostoner Adressbüchern und in spiritistischen Zeitschriften jener Zeit. Gefunden hat ihn bisher noch niemand.

Statt Aufarbeitung lieber eine Geistergeschichte

Die Schriftstellerin und Historikerin Pamela Haag erkennt in der Geschichte um Sarah Winchester ein Ablenkungsmanöver. Die Toten der Westexpansion warfen Fragen auf, die eine ganze Gesellschaft betrafen: Armee und Politik, Hersteller, Händler und Käufer – eine ganze Industrie, die Gewehre zur Massenware machte und dafür Absatzmärkte brauchte. Wer aber übernahm die Verantwortung für die verübte Gewalt? Durch die Legende verlagerte sich die Schuldfrage zunehmend auf eine einzige Person: eine Witwe, die ihre Sühne mit Bauholz bezahlte. Der Rest entledigte sich der Verantwortung.

Außerdem: Eine von Geistern heimgesuchte Frau passt in 90 Minuten Führung, während man über die Gewaltgeschichte einer Kolonialbewegung vermutlich viel länger und ausführlicher sprechen müsste.

In den historischen Quellen erscheint Winchester als handlungsfähige Frau. Sie verwaltete ihren Besitz, führte Geschäfte, plante ihren Nachlass. Und ihre Trauer floss, entgegen der Legende, in eine sehr konkrete und wenig spirituelle Richtung: Ab 1909 unterstützte sie in New Haven eine Tuberkuloseklinik, die später nach ihrem verstorbenen Ehemann »William Wirt Winchester Hospital« hieß. Nach dem Tod von Sarah Winchester ging der Großteil ihres Nachlasses an genau dieses Krankenhaus.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen

Haag, P., The Gunning of America, 2016

Ignoffo, M. J., Captive of the Labyrinth: Sarah L. Winchester, Heiress to the Rifle Fortune, 2010

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.