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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines berühmt-berüchtigten Augenwischers

1750 heilte ein englischer Augenarzt den erblindenden Johann Sebastian Bach. Unsere Kolumnisten erzählen, was eine Erfolgsstory hätte werden können – wenn sie dort geendet hätte.
Eine historische Skizze zeigt eine medizinische Prozedur. Zwei Personen in historischer Kleidung führen eine Augenbehandlung an einer dritten Person durch, die auf einem Stuhl sitzt. Oberhalb der Szene sind detaillierte Zeichnungen von Augen zu sehen. Links im Bild sind medizinische Instrumente abgebildet. Die Skizze vermittelt einen Einblick in historische medizinische Praktiken.
Die Abbildung aus der Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen »Encyclopédie« zeigt, wie sich verloreres Sehvermögen infolge des grauen Stars vergleichsweise einfach wiederherstellen ließ: mit einem »Starschnitt« – der half zumindest vorübergehend.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.

Alle Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen«

Ende März 1750 war der berühmte Medicus aus Gotha kommend in Leipzig eingetroffen. Und kaum hatte er im Großen Joachimsthal sein Quartier bezogen, da berichteten auch schon die Medien: Der »Chevalier« kündige für den kommenden Morgen eine öffentliche Demonstration seiner Kunst an, Interessierte seien überdies eingeladen, am selben Abend einem Vortrag im Konzertsaal der Drei Schwäne beizuwohnen. Noch bevor der Doktor ein einziges Auge behandelt hatte, wusste jeder, der (noch) lesen konnte: Hier war ein berühmter Arzt aus England gekommen, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Einer, der Heilung versprach.

Der Brite John Taylor, so sein bürgerlicher Name, nannte sich »Chevalier« und »Ophthalmiater Pontifical, Imperial and Royal«, also Augenarzt der Päpste, Kaiser und Könige. Dass es für die Rechtmäßigkeit dieses Titels wenige bis gar keine Belege gab, war der Presse reichlich egal.

Taylor war noch nicht lange in der Stadt, da machte die Meldung die Runde, Johann Sebastian Bach, der seit geraumer Zeit mit vermindertem Sehvermögen kämpfte, habe die Schärfe seines Blicks wiedererlangt. Für Leipzig war das eine Sensation. Und für Taylor auch: ein weiterer berühmter Patient auf seiner Liste, eine weitere Erfolgsmeldung, die er für seinen nächsten Auftritt in der nächsten Stadt mitnehmen konnte. Denn genau darin bestand sein System.

Der reisende Spezialist

1703 in Norwich als Sohn eines Chirurgen geboren, studierte der junge Taylor selbst Medizin. Er lernte unter anderem bei William Cheselden, einem wichtigen Anatomen und Chirurgen Englands. Als 24-Jähriger veröffentlichte er ein Buch über den Mechanismus des Auges. Darin argumentierte er, die Augenheilkunde sei »ein von allen anderen getrennter und unabhängiger Teil der Medizin«. Sie verlange daher ihre ganz eigene Kunst.

John Taylor (1703 – um 1772) |

»In Optica expertissimus« nennt ihn dieser kolorierte Stich aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts: einen führenden Kenner der Optik. Später tauchte Taylor, wenn überhaupt, eher in Karikaturen auf.

Im selben Jahr begann jener Teil seiner Karriere, der ihn über die Grenzen Englands hinaus bekannt machen sollte: Er reiste los. Erst durch das Vereinigte Königreich, durch Irland und schließlich auch quer über den Kontinent. Die ständige Bewegung war sein Erfolgsrezept. Er kam in eine Stadt, kündigte sich öffentlich an, hielt Vorträge, operierte, sammelte Empfehlungen, ließ eine meist sehr dankbare Sensationspresse darüber schreiben – und fuhr weiter.

Ähnlich den Schaustellern der Zeit hatte auch Taylor einen Wagen, der entsprechend verziert war: mit großen Augen und einer Version seines Leitspruchs: »Wer das Sehen gibt, gibt das Leben«. Damit hatte er, zumal im 18. Jahrhundert, nicht unrecht. Wer damals sein Augenlicht verlor, verlor Selbstständigkeit, oft auch Arbeit und damit, falls nicht vermögend, die Existenzgrundlage. Taylor verkaufte mit seiner Kunst die Chance auf ein wiedererlangtes Leben.

Der Star und sein Stich

Überwiegend ging es bei Taylor um Katarakte, also um den grauen Star. Die Linse trübte sich, das Sehen wurde milchig, unscharf, schließlich ganz unmöglich. Die verbreitete Methode der Behandlung wurde in England als »couching« bezeichnet, wir kennen das heute als den Starstich. Eine Prozedur, die ohne Weiteres als brachiale Form der Behandlung bezeichnet werden kann: Dabei führte der Operateur eine Nadel oder ein ähnlich spitzes Instrument ins Auge und drückte die trübe Linse aus der Sehachse, damit wieder Licht auf die Netzhaut fallen konnte.

Das klingt grob, und es war grob, allerdings tatsächlich auf eine Art wirkungsvoll. Wenn die Linse aus der Achse rutschte, konnte die Patientin oder der Patient unmittelbar wieder Licht und Konturen wahrnehmen. Für einen Menschen, dessen Welt sich über Jahre verdunkelt hatte, war das schon enorm.

Und genau darin lag Taylors Stärke. Ein unmittelbarer Effekt war sichtbar und vor allem erzählbar. Die entscheidende Frage stellte sich erst später: Blieb der Erfolg? Taylor war dann meist schon in der nächsten Stadt.

Amsterdam widerspricht

Dass Taylors oft großspurige Versprechungen und Erfolgsgeschichten manchmal auch Gegenwind erfuhren, wissen wir aus Amsterdam. Er traf dort im Jahr 1749 ein, auf seinem Weg in Richtung Deutschland. Schon zu Beginn zirkulierten Berichte über gar erstaunliche Erfolge: Mehr als 440 Personen soll er in seiner Unterkunft behandelt haben, angeblich alle mit Erfolg und ohne jegliche Komplikationen. Das war genau jener Stoff, der seinen Ruhm befeuerte: große Zahlen, dankbare Menschen, und alles in der Presse abgedruckt.

Dann aber kippte das Ganze. Amsterdamer Bürger lasen in der Zeitung, dass einige Mediziner ihrer Stadt, darunter Professoren der Anatomie und Chirurgie, die Erfolgsgeschichten nachgeprüft hätten. Sie seien zu dem Schluss gekommen: Die meisten Berichte seien falsch. Etliche Operationen hätten eher traurige Resultate geliefert.

Taylor, zu jenem Zeitpunkt schon nach Utrecht weitergereist, tat etwas für ihn Unübliches. Er kehrte nach Amsterdam zurück, um sich zu rechtfertigen. Und er tat dies auf genau jene Weise, die ihm den Ärger ursprünglich eingebracht hatte: In der Presse ließ er einfach neue Erfolgsmeldungen abdrucken, verteidigte die angeblich schlechten Ergebnisse, indem er auf neue, angeblich geglückte Operationen verwies.

Allerdings funktionierte das nicht mehr. Als sich eine aufgebrachte Menschenmenge vor seiner Unterkunft versammelte, flüchtete Taylor aus der Stadt, reiste schließlich weiter über Brüssel, Frankfurt, Kassel und Gotha, um dann in Leipzig zu praktizieren.

Der perfekte Fall Bach

Der 1903 geborene Journalist und Musikwissenschaftler Bert Lenth, der schon im frühen 20. Jahrhundert die Zeitungsberichte zu Taylors Schaffen ausgewertet hatte, macht die Operation an Bach irgendwann zwischen dem 28. und 31. März 1750 fest. Für Taylor war Bach, vor allem in Anbetracht der Situation in Amsterdam, der perfekte Patient. Ein berühmter Musiker, dessen wichtiges »Arbeitswerkzeug« dank seiner Kunst endlich wiederhergestellt wurde.

Nur, nach der Abreise des Arztes verschlechterte sich Bachs Zustand. Spätere Berichte sprechen von erneuter Blindheit, Schmerzen, Fieber und Bewusstlosigkeit. Dann tritt das Befürchtete ein: Am 28. Juli 1750 stirbt Bach 65-jährig in Leipzig. Seither wurde Taylors Arbeit an Bachs Augen gern in einem auffälligen, wenn nicht gar kausalen Zusammenhang mit dem Tod des Komponisten gesehen. Hatte Taylor den begnadeten Musiker auf dem Gewissen? Medizinhistorisch stehen solche Mutmaßungen auf tönernen Füßen, denn die meisten Details zu Bachs Blindheit und Gesundheitszustand stammen nicht aus Krankenakten, sondern aus zeitgenössischen Presseberichten und teilweise sogar aus seinem erst Jahre später verfassten Nekrolog.

Taylors Nachruhm halfen solche Differenzierungen nicht weiter: Sein Name blieb in der Medizingeschichte mit Bachs Tod verknüpft, nicht zuletzt, weil er einige Jahre später auch noch den erblindeten Georg Friedrich Händel erfolglos behandelt haben soll.

Spott, Hohn und unrühmliches Ende

Taylors Ruf war bereits zu Lebzeiten zwiegespalten. Während einige in ihm einen Pionier der Augenheilkunde sahen, der er ohne Zweifel war, sahen ihn andere als einen prahlerischen und eitlen Scharlatan – der er wohl auch war.

Nicht selten begegnete ihm dieses Meinungsspektrum in den Städten, die er gerade besuchte. Anfangs Bewunderung, dann Misstrauen und schließlich Spott. Spott, der sich vor allem in England in Form von Karikaturen, einer fiktiven Biografie oder einem Einmannstück des Schauspielers Samuel Foote niederschlug.

Misstrauen und schließlich sogar Anklagen wegen Kurpfuscherei begleiteten Taylor dann auch bis an sein Lebensende. In Stuttgart, Gotha und Dresden wurde er wegen Kunstfehlern verklagt, 1769 wurde er aus Prag verstoßen, gleichzeitig wurde ihm untersagt, im habsburgischen Herrschaftsgebiet weiter am Auge zu operieren. Eine Theorie, weshalb dieser institutionelle Widerstand erst zu diesem Zeitpunkt auftrat, lautet, dass schlicht und einfach sein eigenes Sehvermögen nachgelassen hatte und die Operationen deshalb öfter schiefgingen als in den Jahrzehnten zuvor.

Über Taylors Ende herrscht Unklarheit. Während manche behaupteten, er sei in Rom, andere, er sei in Paris verstorben, wurde in der englischen Presse verbreitet, er habe im Jahr 1772 in einem Prager Kloster sein Ende gefunden – und zwar komplett erblindet. Ein Narrativ, wie es im Buche steht, und daher wohl auch mit Vorsicht zu genießen. Schlussendlich wäre es passend für einen Mann, der auf seinem Wagen das Sehen und das Leben verknüpfte und schließlich am Ende beides verlor.

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  • Quellen
Bert Lenth, Bach and the English Oculist, 1938

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