Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte von großen Kanonen und einem noch größeren Knall

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
An Fronleichnam 1896 durchbricht ein markerschütternder Knall die feiertägliche Ruhe über dem steirischen Städtchen Windisch-Feistritz (heute Slovenska Bistrica, Slowenien). Albert Stiger, ein ortsansässiger Winzer, beobachtet, wie ein Rauchring in den Himmel steigt, ausgestoßen aus einem trompetenförmigen, etwa vier Meter langen Kanonenrohr. Die Kanone ist seine Konstruktion.
In den 30 Jahren davor hatte Stiger regelmäßig Ernteausfälle aufgrund von Hagelschauern beklagt. Er meinte, beobachten zu können, dass jedem Hagelgewitter ein ruhiger, atmosphärischer Zustand vorausgehe. Eine beängstigende Ruhe und Stille, die er mit einem Kanonenschuss jäh beenden wollte. Und tatsächlich: 1896 blieb die Weinernte von Hagelschäden verschont. Stiger war begeistert: Ließen sich die Hagelwolken etwa wirklich durch die Kanonenschüsse vertreiben?
Die Nachricht von der erfolgreichen Hagelabwehr verbreitete sich in Windeseile. Winzer in der Umgebung übernahmen die Methode sofort, und innerhalb weniger Jahre etablierte sich das Hagelschießen in vielen Weinregionen Europas. Stiger berichtete im Jahr 1899 von etwa 2000 Wetterschießstationen. Und überzeugte sogar einige Meteorologen vom Erfolg seiner Methode, wie 1900 in der »Meteorologischen Zeitschrift« zu lesen war: »Wenn wir vor ein paar Jahren noch vom Wetterschießen lasen, sahen wir vorsichtig nach, ob auf dem Zeitungsblatte nicht als Datum der 1. April stehe. Heute fällt das Niemandem mehr ein.«
Mit Kanonen auf Wolken schießen
Stiger war nicht der Erste, der in den Himmel auf Wolken schoss. Bereits vor seinem Fronleichnamsknall existierte eine längere Tradition des Wetterschießens, allerdings mit noch ganz anderen Annahmen, als sie Stiger machte. Und freilich versuchte man auch schon vor der Erfindung des Schießpulvers, auf Regen oder Gewitter Einfluss zu nehmen: durch Rituale wie Regentänze, durch die Anrufung von Göttern, wie Thor zum Beispiel, der Blitz und Donner bringt, oder auch durch christliche Fürbitten. In vielen Gegenden stehen noch immer Wetterkreuze, und im Alpenraum war lange Zeit das Wetterläuten üblich. Kirchenglocken wurden geläutet, um ein Unwetter zu vertreiben.
Die Illustration von Mitte der 1880er-Jahre zeigt die klassische Methode: Beim »Wetterverschießen« in der Steiermark geht es vor allem um eines – Lärm.
Daneben gibt es auch noch die Wetterheiligen, wie etwa den Heiligen Donatus von Münstereifel. Der soll der Legende nach als christlicher römischer Offizier in aussichtsloser Lage für Regen gebetet haben, woraufhin kurz vor der Schlacht ein Schauer die halb verdursteten Legionäre erquickte und ein Unwetter das Lager der feindlichen Markomannen zerstörte.
Bereits in der Antike machten sich Autoren wie Thukydides oder Plutarch darüber Gedanken, ob es vielleicht einen Zusammenhang geben könnte zwischen Schlachten und überraschend einsetzendem Niederschlag. Aber wenn ja, welchen? Die Antwort: Lärm. Lärm galt als wirksamstes Mittel, die Wetterdämonen zu vertreiben und damit vor Unwetter zu schützen.
Dieser – vermutlich immer noch von heidnischen Traditionen beeinflusste – Glaube hielt sich das gesamte Mittelalter und die frühe Neuzeit durch. Nach der Erfindung von Gewehren und Kanonen wurde buchstäblich aufgerüstet, was die Lärmproduktion anging.
Alle reden über das Wetter …
Aber nicht alle waren begeistert vom Wetterschießen. Über die Jahrhunderte hinweg wurde es mehrmals verboten und doch wieder aufgenommen. 1750 erließ die österreichische Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) ein Verbot des Wetterschießens. Der Grund war aber nicht, dass sie es für unwirksam hielt. Im Gegenteil: Es gab die Befürchtung, dass sich die Unwetter dadurch verstärken und womöglich an anderer Stelle zu schwereren Schäden führen könnten.
Spätestens mit der Aufklärung kamen aber immer mehr Zweifel an der grundsätzlichen Wirksamkeit dieser Wetterbeeinflussung auf, wie Manuel Kaiser in seinem Buch »Den Himmel zähmen, Wetter- und Klimabeeinflussung im 20. Jahrhundert« beschreibt. Wetterschießen wurde nun als Aberglaube abgetan.
Im Jahr 1811 wurde der Naturforscher Maximus von Imhof (1758–1817) sogar mit einer wissenschaftlichen Untersuchung der Wirksamkeit beauftragt. Auslöser waren protestierende Bauern, die auf die Wiederaufnahme des Wetterschießens in Bayern drängten. Von Imhofs Fazit: Es finde »weder eine chemische noch mechanische Wirkung des Schießens auf Gewitterwolken« statt.
… und Stiger tut was dagegen!
Dann kam Albert Stiger und schoss mit Hagelkanonen 1896 in den Himmel. Und zahlreiche Winzer taten es ihm gleich. Das Wetterschießen kam wieder in Mode, aber diesmal unter anderen Vorzeichen. Hatte die Meteorologie das reine Lärmmachen als Aberglauben entlarvt, herrschte nun der Glaube an den Fortschritt und die Beherrschung der Natur. Die Physik hatte Schallwellen und ihre Auswirkungen auf Materie beschrieben. Warum sollten mechanische Erschütterungen infolge des Schalldrucks nicht die Hagelbildung verhindern können, fragten einige Meteorologen.
Doch nachdem es niemandem gelang, die Wirksamkeit des Wetterschießens faktisch nachzuweisen, und sich auch keine überzeugende physikalische Erklärung für das Phänomen anbot, verschwand das Hagelschießen aus dem wissenschaftlichen Diskurs – nicht aber der Wunsch, das Wetter zu beeinflussen.
In der Forschung herrschte nach 1900 eigentlich der Konsens, dass eine gezielte Manipulation des Wetters nicht möglich sei. Das änderte sich erst in den 1940er-Jahren wieder: Die Meteorologie entwickelte ein besseres Verständnis davon, was bei der Hagelbildung in den Wolken eigentlich passiert, wie Niederschlag entsteht und wann eine Regenwolke abregnet.
Auf wissenschaftlich viel soliderem Fundament steht das »Hagelschießen« mittels Silberjodid, das hier von Schweizer Winzern mittels Raketen in sich bildende Hagelwolken geschossen wird. Die Aufnahme stammt von 1951, damals war die Methode noch brandneu.
Mit dem Projekt »Cirrus« begann im Jahr 1947 die moderne Wissenschaft der Regenerzeugung. Ein Gemeinschaftsprojekt von General Electric und dem US-Militär unter der Leitung des Chemie-Nobelpreisträgers Irving Langmuir, der gemeinsam mit Vincent Schaefer und Bernard Vonnegut die chemischen Grundlagen für die Wolkenimpfung (englisch »cloud seeding«) legte. Die Idee dahinter ist, mit Silberjodid künstliche Kondensationskeime in die Gewitterwolken einzubringen oder diese mithilfe von Trockeneis stark herunterzukühlen. Damit sollen sich weniger oder gar keine der großen schädlichen Hagelkörner bilden.
»Cloud seeding« ist inzwischen weltweit recht verbreitet. Von ungefähr 50 Ländern ist bekannt, dass dort regelmäßig Wolkenimpfungen durchgeführt werden, häufig mit dem Ziel, in einem Gebiet für mehr Niederschlag zu sorgen. Auch in der Schweiz, Österreich und Süddeutschland waren und sind teils bis heute Hagelflugzeuge unterwegs, die Silberjodid in entstehende Gewitterzellen eintragen sollen. Allerdings gilt trotz dieser vielen Einsätze und zahlreicher wissenschaftlicher Studien: Ob das »cloud seeding« wirklich in dem Maße hilft, wie man es sich erhofft, ist fraglich.
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