Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines Mannes, der Kontinente bewegte

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Johannes Georgi und Ernst Sorge saßen bereits seit Wochen in »Eismitte« und warteten, inzwischen immer ungeduldiger, auf Proviant und Petroleum. Die Forschungsstation lag mitten auf dem 3000 Meter hohen Eispanzer Grönlands. Es war inzwischen Oktober geworden, das Jahr 1930 neigte sich seinem Ende entgegen. Schneidend kalte Luft ließ keinen Zweifel daran: Der Winter stand vor der Tür.
Seit einiger Zeit schaufelten Georgi und Sorge an einer Höhle im Eis, die ihnen vor Kälte und Schneestürmen Zuflucht bieten könnte. Eigentlich hatten sie das Lager sogar ganz aufgeben wollen, sollte bis Ende Oktober kein Nachschub von der 400 Kilometer entfernten Basisstation eintreffen. Was sie nicht wussten: Tatsächlich kämpfte sich bereits seit Mitte September eine Gruppe zu ihnen durch. Angeführt wurde sie vom Leiter ihrer Expedition. Die Plackerei sollte er jedoch nicht überstehen.
Es war Alfred Wegeners dritte Grönland-Expedition. Dennoch wird er der Nachwelt weniger als Polarforscher und Expeditionsleiter in Erinnerung bleiben, sondern eher als jemand, dessen wissenschaftliche Theorie die Geologie in wilde Aufruhr versetzte. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod bestätigte die Fachwelt, was Wegener Anfang des Jahrhunderts formuliert hatte: dass die Kontinente, jene scheinbar ewig unverrückbaren Kolosse aus Fels und Gestein, in Wahrheit über den Globus driften.
Mit Wetterballons ins Eis
Geboren wurde Wegener 1880 in Berlin. Er interessierte sich zunächst für Astronomie, schlug aber nach seiner Promotion den Weg Richtung Meteorologie ein. Am Königlich-Preußischen Aeronautischen Observatorium in Lindenberg lernte er meteorologische Beobachtungen mithilfe von Ballons und Drachen kennen. Um 1900 war über die oberen Luftschichten noch wenig bekannt. Zufällig stieß Wegener auf einen Artikel, der sein Interesse weckte. Es war ein Bericht über einen Kopenhagener Vortrag des dänischen Polarforschers Ludvig Mylius-Erichsen, der eine weitere Expedition ankündigte. In Wegener reifte die Idee, in den Polargebieten mit Drachen und Ballons Wetteraufzeichnungen durchzuführen.
Auf der Danmark-Expedition sollte ab 1906 der noch unbekannte Küstenverlauf Grönlands im Nordosten kartografiert und der dänische Anspruch über das Gebiet untermauert werden. Wegener versuchte, Mylius-Erichsen zu kontaktieren, aber seine Briefe blieben unbeantwortet. Also beschloss er, nach Kopenhagen zu fahren, um persönlich vorzusprechen. Doch Mylius-Erichsen war gar nicht in der Stadt. Unverrichteter Dinge fuhr Wegener wieder zurück.
Im März 1906 blätterte er in einer Berliner Tageszeitung, als er über eine Kurzmeldung zur geplanten Expeditionsreise stolperte, in der einige Teilnehmer namentlich erwähnt wurden. Darunter ein gewisser Dr. A. Wegener, Physiker und Meteorologe. Kurz darauf erreichte ihn auch die offizielle Zusage.
Im August 1906 erreichten Wissenschaftler Grönland, und Wegener begann sofort, meteorologische Messungen durchzuführen. Die Daten nutzte er, um nach seiner Rückkehr an der Universität in Marburg zu habilitieren. In den Jahren darauf schrieb, publizierte und lehrte er unermüdlich, wie Günter Wessel in seiner 2024 erschienenen Alfred-Wegener-Biografie schreibt.
In Wegeners Marburger Jahre fällt auch die Entwicklung der Kontinentaldrift-Theorie. Angeblich kam er auf die Idee, nachdem er in »Andrees Allgemeiner Handatlas« geblättert hatte. Wegener ging davon aus, dass sich die Kontinentalschollen horizontal bewegen und so die bekannte Gestalt der Erde formen. 1915 veröffentlichte der 35-Jährige sein maßgebliches Werk dazu: »Die Entstehung der Kontinente und Ozeane«.
Krustendrehkrankheit
Natürlich war der Polarforscher nicht der Erste, der sich über die Gestalt der Erde Gedanken machte. Die Tatsache, dass die Kontinente wie Puzzlestücke ineinanderzupassen scheinen, war bereits den ersten Kartenmachern aufgefallen. Seit dem 15. Jahrhundert existierten die ersten Globen, und die Küstenlinien der Karten wurden immer genauer, je mehr europäische Schiffe über die Weltmeere fuhren.
Eine Trennung der Kontinente wurde daraufhin mehrfach ins Spiel gebracht. Der flämische Kartograf Abraham Ortelius zum Beispiel vermutete bereits 1596, dass Amerika offensichtlich durch Fluten von Europa und Afrika getrennt worden war. Welche Fluten das gewesen sein könnten, lag für den französischen Mönch François Placet, der im Jahr 1666 veröffentlichte, auf der Hand: Das konnte nur die Sintflut gewesen sein!
Wegener suchte zwar nicht im Alten Testament nach Antworten; was er stattdessen anbot, war in den Augen der Zeitgenossen aber kaum besser: Die Kontinente, so argumentierte er, seien nicht nur irgendwann voneinander getrennt worden, sie befänden sich immer noch in Bewegung. Als Gedankenspielerei, als von der »Krustendrehkrankheit« ausgelöste »Fieberfantasie«, wurde seine Arbeit daraufhin von den Geologen tituliert. Beifall hat Wegener zu Lebzeiten nur selten bekommen. Die meisten Experten der Zeit waren Fixisten. Sie gingen davon aus, dass die Kontinente fest mit der Erdkruste verbunden seien und sich seit ihrer Entstehung nicht mehr bewegt hätten. Ihre Gestalt erklärten sie durch Hebung und Senkung und das Verschwinden ganzer Landbrücken im Ozeanboden.
Denn: Welche Kraft sollte einen Kontinent über oder quer durch den Meeresboden verschieben können? Noch dazu, ohne dass er sich dabei verformte? Darauf hatte auch Wegener keine Antwort. Dieses fehlende Puzzlestück lieferte erst die US-amerikanische Geologin Marie Tharp. Ihre Geschichte haben wir in der »Kleinen Geschichte vom größten Gebirge der Welt« bereits in dieser Kolumne erzählt.
Wie viele, die einmal im ewigen Eis geforscht haben, zog es Wegener alsbald wieder zurück in die Kälte. 1913 startete er zu einer Grönlanddurchquerung. 1200 Kilometer lief er mit einer kleinen Expeditionsgruppe übers Eis. Am Ende hatten sie allen Proviant aufgebraucht. Sie überlebten nur, weil zufällig ein Missionar auf dem Weg in eine abgelegene Siedlung auf sie aufmerksam wurde.
Ziel der 1930 gestarteten Reise nach Grönland waren unter anderem Wetterbeobachtungen. Aber auch das Eis selbst, seine Dicke und wie das Gelände darunter beschaffen war, sollte untersucht werden.
Nach dem Ersten Weltkrieg ging Wegener erst nach Hamburg an die Deutsche Seewarte, bis sich 1924 die Chance auf eine Professur ergab. Er folgt dem Ruf an die Universität in Graz, wo er den Lehrstuhl für Meteorologie und Geophysik erhielt. Nach einigen Jahren Lehre und Forschung verspürte der inzwischen fast 50 Jahre alte Wegener den Drang, noch einmal nach Grönland zurückzukehren. Er entwarf Pläne für eine Grönland-Inlandeisexpedition mit drei festen Forschungsstationen: einer Station auf dem Gletscher am Westrand des Inlandeises und einer – 400 Kilometer davon entfernt – in Eismitte; eine dritte sollte unabhängig von den beiden anderen an der Ostküste eingerichtet werden. Finanziert wurde das Vorhaben von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, der Vorgängerorganisation der heutigen Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
Rettungsmission ohne Rückkehr
Auf eine Erkundungsmission 1929 folgte Anfang 1930 die Hauptexpedition. Wie so oft bei solchen Unternehmungen liefen die Teilnehmer von Anfang an ihrem ambitionierten Zeitplan hinterher. Erst im Juli gelang es, den Meteorologen Johannes Georgi nach Eismitte zu bringen. Auf sich allein gestellt, machte er sich an den Aufbau der Station für die Überwinterung und nahm erste Messungen vor. Im September gesellte sich Ernst Sorge zu ihm, der zusammen mit einem Versorgungstrupp bei ihm eintraf. Den Rückkehrern gaben die beiden einen Brief mit auf den Weg: Sollte bis zum 20. Oktober kein weiterer Nachschub eintreffen, würden sie das Unternehmen abbrechen und mit einem Handschlitten zur Westküste zurückkehren.
Wegener hatte sich zu diesem Zeitpunkt gerade auf den Weg zur Forschungsstation gemacht. Als ihn der Brief erreichte, kehrte er um, stockte noch einmal Material auf und setzte die Reise fort – begleitet von dem Glaziologen Fritz Loewe und einer Gruppe Grönländern. Doch die Temperaturen waren in diesem Herbst ins schier Bodenlose gesunken. Nach und nach kehrten die Grönländer um. Schließlich arbeitete sich nur noch einer von ihnen, Rasmus Villumsen, mit Wegener und Loewe ins Inlandeis vor. Erst 40 Tage später, am 30. Oktober 1930, erreichten sie Eismitte. Dort hatten Georgi und Sorge inzwischen beschlossen, lieber in der Höhle den Winter zu überdauern, als an die Küste zurückzumarschieren.
Fritz Loewe und Ernst Sorge feiern Weihnachten 1930 in der selbst gegrabenen Eishöhle. Ihre größte Sorge betraf den Mangel an Petroleum. Was sie nicht wissen: Ihr Expeditionsleiter und sein grönländischer Begleiter sind zu diesem Zeitpunkt vermutlich längst tot.
Als nun Wegener, Loewe und Villumsen eintrafen, war das keineswegs die erhoffte Rettung: Die drei Mann hatten auf ihrem Weg alles, was nicht überlebenswichtig war, zurücklassen müssen. Loewe litt überdies an schweren Erfrierungen. Wie sollten sie nun zu fünft in Eismitte überleben? Sie fassten den Entschluss, dass Alfred Wegener und Rasmus Villumsen allein zurückkehren würden. Mit den vorhandenen Vorräten könnten die drei Verbliebenen in der Höhle bis ins Frühjahr überdauern.
Zwei Nächte Ruhe gönnten sich Wegener und Villumsen, ehe sie aufbrachen. Es war Wegeners 50. Geburtstag. Auch wenn ihre 17 Hunde bereits »ziemlich schlapp« geworden waren, wie Georgi später schrieb, waren sie zuversichtlich. Bei halbwegs gutem Wetter und sogar mit einem leichten Wind im Rücken brachen sie auf.
Im folgenden Frühjahr wurden Wegeners Schlitten und schließlich seine Skier entdeckt. Sie markierten die Stelle, an der er begraben lag. Vermutlich war er an Herzversagen gestorben und Villumsen hatte ihn im Eis bestattet. Dann hatte der Grönländer Wegeners Aufzeichnungen an sich genommen und war allein weitergezogen. Seine Spur verliert sich im grönländischen Eis. Die Westküstenstation hat er jedenfalls nie erreicht.
Aus wissenschaftlicher Sicht wurde die tragische Polarexpedition doch noch zu einem Erfolg. Wegeners Nachruhm aber begründete allen voran der Umstand, dass seine angeblich so fantastische Idee von den sich bewegenden Kontinenten tatsächlich bestätigt wurde, wenn auch mit einer entscheidenden Ergänzung: Es sind nicht die Kontinente selbst, die sich bewegen, sondern gewaltige tektonische Platten, auf denen sie ruhen.
Wenn heute deutsche Forscherinnen und Forscher an Bord der »Polarstern« ins inzwischen nicht mehr ganz so ewige Eis aufbrechen, dann tun sie dies in gewisser Weise immer noch im Namen Wegeners: Nach ihm ist eines der bekanntesten Forschungsinstitute in Deutschland benannt, das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.
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