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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte des Mannes, der England aus dem Boden stampfte

Nur wenige Menschen prägten unser Bild von England so nachhaltig wie Lancelot »Capability« Brown. Welche »Möglichkeiten« er in der Natur erkannte, erzählen unsere Kolumnisten Richard Hemmer und Daniel Meßner.
Eine historische Karte von Blenheim Palace und seiner Umgebung in England. Die Karte zeigt detailliert die Gärten, Parks und Wasserwege des Anwesens. Der Fluss fließt geschwungen durch die Landschaft, umgeben von üppigen Wäldern und gepflegten Grünflächen. Der Bau ist zentral platziert, mit umliegenden Wegen und Gebäuden. Beschriftungen in Französisch und Englisch geben Orientierungspunkte und Beschreibungen der verschiedenen Bereiche. Die Karte dient der Darstellung der architektonischen und landschaftlichen Gestaltung des Anwesens.
Natur am Reißbrett komponiert: Mit den Gartenanlagen rund um Blenheim Palace schuf Lancelot »Capability« Brown ein Meisterwerk seiner Gartenästhetik, inklusive künstlichem See und Wasserfall.
Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Es war ein kalter Winterabend in Mayfair, London. Der 5. Februar 1783. Ein großer, stattlicher Mann verließ das Haus von Lord Coventry, wo er zu Abend gegessen hatte. Er machte sich auf den kurzen Weg zur Hertford Street, zum Haus seiner Tochter. Doch er kam dort nie an. Noch auf der Straße brach er zusammen, wurde in das Haus des Earl of Sandwich getragen und starb am folgenden Abend.

Die Nachricht vom Tod des Mannes machte bald die Runde. »Ihre Dryaden müssen schwarze Handschuhe anlegen, Madam«, schrieb der Dichter Horace Walpole an eine Bekannte, »ihr Schwiegervater, der zweite Ehemann von Mutter Natur, ist tot.« Wer sich fragt: Dryaden sind Baumnymphen. Und jener Mann, den Walpole als zweiten Ehemann von Mutter Natur bezeichnete, war Lancelot »Capability« Brown.

Als Brown 67-jährig starb, hatte er das Antlitz Englands für immer verändert. Die alten, formellen Gärten, die strengen, symmetrischen Anlagen, die jahrhundertelang den Geschmack der besseren Gesellschaft geprägt hatten, waren niedergerissen worden. An ihre Stelle war radikal Neues getreten: eine organische, wie sich selbst überlassen wirkende Natur, scheinbar unberührt, in Wahrheit aber von Brown am Kartentisch komponiert und von einem Heer von Arbeitskräften ins Werk gesetzt. Brown hatte den Gärtner zum Landschaftsarchitekten gemacht, zum Ingenieur der Natur, der Hügel anhob, Täler formte und Sümpfe in schimmernde Seen verwandelte.

Der junge Lancelot wurde um das Jahr 1716 in Kirkharle an der Grenze zu Schottland in der rauen Landschaft Northumberlands geboren. Als Sohn eines Gutsverwalters wuchs er in einer Welt der Schafhirten auf. Mit 16 Jahren begann er eine Gärtnerlehre und lernte das Handwerk von der Pike auf: Land vermessen, Sümpfe trockenlegen und vor allem Bäume pflanzen. 

Nach sieben Jahren Lehre in Kirkharle und einigen Wanderjahren, in denen er sich ein Netzwerk aufbaute und wichtige Kontakte knüpfte, fand er schließlich jenen Ort, der seine Karriere noch nachhaltiger prägen sollte: Stowe in Buckinghamshire. Wenn Kirkharle seine Grundschule war, schreibt seine Biografin, die Gartenhistorikerin Jane Brown, dann war Stowe so etwas wie seine Universität.

Die Erfindung der Natürlichkeit

In Stowe, dem »verzauberten Garten« Englands, perfektionierte Brown seine Vision einer künstlichen Landschaft, wie sie im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer populärer geworden war. Konsequenter noch als andere brach er mit der Tradition der Mauern und Zäune. Um eine weite, ununterbrochene Aussicht zu schaffen und dennoch Tiere fernzuhalten, setzte er den »Ha-Ha« ein – einen tief eingeschnittenen Graben, der unsichtbar blieb und die Landschaft nahtlos in den Garten integrierte. Den Rasen holte er bis direkt an die Hausmauern, eine Befreiung des Blicks, die damals revolutionär wirkte. Sein zweites Markenzeichen wurde das Wasser. Statt gerader Kanäle schuf Brown gewundene, schlangenförmige Seen, die wie natürliche Flüsse wirkten.

Und schließlich: die Bäume! Keine schnurgeraden Alleen mehr, sondern unregelmäßige Gruppen, die sogenannten »clumps«, die wie zufällig gewachsen wirkten, aber in Wahrheit sorgfältig komponiert wurden. Brown sah darin eine Kunstform, vergleichbar der Malerei. Er setzte Bäume und Hügel wie Satzzeichen in einem Text: hier ein Komma, dort ein Punkt, um den Blick zu lenken.

Mit der Umgestaltung Stowes hatte Brown seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Nun machte er sich daran, die Nachfrage nach der neuen Gartenästhetik im großen Stil und auf eigene Rechnung zu bedienen. Eine Reise durch die britischen Midlands, die er im Spätsommer 1750 mit seinem Freund Sanderson Miller unternahm, diente der Akquise künftiger Aufträge: Wo er hinkam, ließ er sich wohlhabenden Grundbesitzern vorstellen, studierte Karten und hinterließ den Eindruck eines Mannes, der auf ihren Ländereien Wunder wirken könne. Hier verdiente sich Brown auch seinen Beinamen »Capability«: Wenn er Anwesen begutachtete, erklärte er den Besitzern oft, ihr Land habe »great capabilities« – große Möglichkeiten.

Unternehmen Landschaftsumbau

1751 zog er schließlich nach Hammersmith bei London, von wo aus er sein Unternehmen organisierte. Der Gartenkünstler erwies sich als gewiefter Geschäftsmann, der unermüdlich umherreiste, um vor Ort Pläne zu erstellen, deren Umsetzung er dann seinen angestellten Vorarbeitern überließ. Die Eigentümer mussten sich um nichts selbst kümmern. Brown verdiente ein Vermögen.

Sein Meisterstück lieferte er in Blenheim Palace ab. Dort stand er vor einem architektonischen Fauxpas: einer gigantischen Brücke, die nur ein winziges Rinnsal überspannte. Der Dichter Alexander Pope hatte bereits gespottet, die Fischlein im Bach müssten sich wie Wale fühlen, dem Herzog und seiner riesigen Bogenbrücke sei Dank.

Brown löste das Problem nicht, indem er die Brücke anpasste, sondern indem er das Tal flutete. Er ließ einen Damm von mehr als 130 Metern Länge bauen, verstärkte die Brücke mit Steinen aus Ruinen und schuf einen rund 60 Hektar großen See, der die Dimensionen der Brücke endlich rechtfertigte. Es war eine Baustelle von herkulischem Ausmaß, die Jahre dauerte. Als er sein Werk betrachtete, soll er triumphierend gerufen haben: »Themse, Themse, das wirst du mir nie verzeihen!«

1764 erreichte er den Gipfel seiner Karriere und wurde zum königlichen Gärtnermeister ernannt. Spätestens jetzt hatte er Englands Gartenlandschaft einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Doch sein Erfolg rief auch Kritiker auf den Plan.

Bowood Park in Wiltshire | Ein Rasen bis ans Haus, vereinzelte Baumgruppen und eine Offenheit zur umgebenden Landschaft waren Markenzeichen mit hoher Wiedererkennbarkeit. Kritiker empfanden seine Gärten als zu uniform.

Schattenseiten der Idylle

Während seine Anhänger ihn dafür feierten, dass er die Natur von den Fesseln der Geometrie befreite, sahen ihn seine Gegner als Vandalen. Er zerstöre historische Gärten, um sie durch eine geglättete und austauschbare Version der Natur zu ersetzen.

Sein härtester Kritiker war Sir William Chambers, der königliche Architekt. Er verspottete Brown als ungebildeten »Küchengärtner«, der sich zwar mit Salaten auskenne, aber von der hohen Kunst der Ziergärtnerei nichts verstehe. Für Chambers waren Browns Gärten eine »Verwüstung« der Natur, bei der stolze Wälder weichen mussten, nur um Platz für »ein wenig Gras und ein paar amerikanische Unkräuter« zu machen.

Auch vonseiten der bildenden Kunst formierte sich Widerstand. Während Brown alles glättete und harmonisierte, forderten manche Vertreter der »Picturesque«-Bewegung noch mehr Wildheit, schroffe Kanten und dramatische Ruinen – eben Landschaften, die wie ein Gemälde aussahen. Browns Werke waren ihnen zu künstlich, zu perfekt und ohne Seele – er krieche »wie eine Schnecke« über das Land und hinterlasse seinen Schleim.

Doch die Kritik hatte auch handfeste Gründe. Browns Vision einer ungestörten Natur verlangte oft radikale Eingriffe. Nicht nur Bäume mussten weichen, sondern ganze Dörfer. Das berüchtigtste Beispiel war das Dorf Middleton, auch Milton genannt, in Dorset, das abgerissen wurde, weil es die Aussicht des Gutsherrn störte. Die Bewohner der teils jahrhundertealten Gebäude wurden zwangsumgesiedelt. So beschaulich und ungezwungen Browns Kunst daherkommt, so rücksichtslos konnte sie die Unterwerfung von Mensch und Natur fordern.

Lancelot »Capability« Brown | Mit viel Gespür für die Ästhetik naturalistischer Gärten, aber auch einer Portion Geschäftssinn hatte Brown die Landschaftsarchitektur über die Grenzen Englands hinaus geprägt.

Ein gewachsenes Vermächtnis

Dennoch ist Lancelot Browns Vermächtnis immens. Er schuf das archetypische Bild der englischen Landschaft, das wir bis heute verinnerlicht haben: sanfte Hügel, weite Rasenflächen, malerische Baumgruppen – eine Landschaft, die ihre künstlichen und künstlerischen Wurzeln gut versteckt. Browns »Jardin Anglais« wurde zum Exportschlager, selbst Katharina die Große war »wahnsinnig verliebt« in seine Gärten. Auch der Englische Garten in München heißt nicht zufällig so: Er wurde nach Browns Ideen angelegt.

Vor allem aber begründete Lancelot Brown die moderne Landschaftsarchitektur. Er dachte Gärten nicht mehr als isolierte Räume, sondern als Teil der großen Landschaft. Seine Prinzipien beeinflussen bis heute, wie wir Parks, Städte und Erholungsgebiete planen. Wer heute durch einen großen Stadtpark spaziert und dessen scheinbare Natürlichkeit genießt, wandelt oft auf den Spuren des Mannes, der einst als zweiter Ehemann von Mutter Natur betrauert wurde.

  • Quellen
Brown, J., Lancelot ›Capability‹ Brown, 1716–1783: The Omnipotent Magician, 2011

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