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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines peinlichen Attentats und anderen Verwicklungen

Der Diplomat Priskos wurde am Hof des Hunnenherrschers Attila zum Zeugen einer unrühmlichen Episode. Von seiner delikaten Mission in die Steppe berichten unsere Kolumnisten.
Eine historische Wandmalerei zeigt eine Gruppe von Menschen in mittelalterlicher Kleidung, die in einer dynamischen Szene versammelt sind. Einige tragen Helme und Rüstungen, während andere mit erhobenen Armen gestikulieren. Im Vordergrund sind zwei Pferde zu sehen, eines davon mit einem Reiter. Die Figuren sind in lebhaften Farben gehalten, was der Szene Dramatik und Bewegung verleiht. Die Komposition vermittelt den Eindruck einer Versammlung oder eines Aufbruchs.
Die »Geißel Gottes« erscheint in den Augenzeugenberichten des Diplomaten Priskos ganz anders, als es die Legende will: als kühl kalkulierender Machtmensch, der ein aufgedecktes Komplott gegen ihn strategisch nutzt.
Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Im Sommer 449 brach eine oströmische Gesandtschaft tief in die Weiten der Großen Ungarischen Tiefebene auf. Ziel der Reisegruppe: ein Zeltlager. Genauer gesagt: die mobile Residenz einer charismatischen, berüchtigten und, wie sich zeigen sollte, äußerst geschickt agierenden lebenden Legende mit Namen Attila.

Ostrom hatte den »Hunnenkönig« zuvor über Jahre mit Geld einzuhegen versucht, hatte Schlachten geschlagen, verloren, noch mehr gezahlt. Weil es nun erneut an den Grenzen kriselte, sollte Botschafter Maximinus das Gespräch suchen. Dass sein Vorhaben unter keinem guten Stern stand, mochte er daran ersehen haben, dass der Hunne ihn, kaum dass die Truppe angekommen war, umgehend zur Heimkehr aufforderte, ohne ihn auch nur ein einziges Mal empfangen zu haben.

Schließlich bewerkstelligten die Gesandten aus Konstantinopel doch noch die Audienz. Er wünsche ihm im Namen seines Kaisers Theodosius II. alles Gute und Gesundheit, begann Maximinus. Attila daraufhin sinngemäß: Er wünsche den Römern dasselbe, was sie ihm wünschten.

Der Sinn dieses versteckten Hinweises konnte sich Maximinus nicht erschließen. Was er nicht wusste, Attila aber schon: Ostrom hatte ein Mitglied seiner Gesandtschaft für einen geheimen Mordplan gedungen.

Bericht eines Augenzeugen

Dass wir heutzutage überhaupt so viele Details dieser Begegnung kennen, hängt mit einem weiteren Mitglied seiner Entourage zusammen. Priskos von Panion, ein spätantiker Historiker und Diplomat, begleitete die Mission des Maximinus. Sein Bericht ist zwar nur fragmentarisch erhalten, liefert aber unschätzbare Einblicke in den politischen Raum, der sich am Hof des Hunnenherrschers entfaltete – ein Aspekt, der in der legendenhaft überzogenen Wahrnehmung Attilas als blutrünstige »Geißel Gottes« oftmals vernachlässigt worden ist.

Priskos erzählte diese Geschichte mit auffälliger Sorgfalt. Maximinus, so berichtet er, habe von dem Komplott nichts gewusst. Auch Priskos selbst war nur Beobachter.

In Wahrheit war der in Konstantinopel ersonnene Attentatsplan bereits in den Tagen vor der Ankunft in sich zusammengefallen. Denn der mit der Mordtat beauftragte Gesandte, ein Hunne mit Namen Edekon, dachte mitnichten daran, den hunnischen Herrscher zu ermorden. Er war der Gruppe längst vorausgeritten und hatte Attila mutmaßlich alles gesteckt, was Ostrom gegen ihn im Schilde führte. Etwa dass der Dolmetscher Vigilas ins Reich zurückkehren und Gold herbeischaffen sollte, um ihn, Edekon, für das Attentat zu entlohnen.

Attila spielte sein neues Wissen aber nicht sofort aus. Im Gegenteil. Er lieferte dem Dolmetscher sogar den passenden Vorwand für eine Rückkehr ins Reich und machte damit aus der Falle, die ihm die Oströmer stellten, eine Falle für Ostrom. Denn wenn der Dolmetscher mit Taschen voller Gold zurückkehren würde, hätte er Attila den Beweis für das Komplott frei Haus in die Steppe geliefert.

Die Gesandten aus dem Westen

Priskos’ Aufzeichnungen lassen Attilas Hof als Bühne wirken, auf der Macht durch Formen sichtbar wurde. Wartenlassen, Zuhören, Einladen, Drohen, Zurückschicken. Das waren diplomatische Gesten, wie sie die Römer nutzten, mit denen aber auch Attila offensichtlich gut genug vertraut war, um sie ohne großen Aufwand gegen die Römer selbst zu richten.

Sein Hof war einer der zentralen Knoten im weltpolitischen Netz der Spätantike. Daran lässt der Bericht keinen Zweifel. Denn zeitgleich mit der oströmischen Mission waren auch Gesandte aus dem Weströmischen Reich zugegen. Vordergründig waren sie aus Ravenna – der neuen De-facto-Hauptstadt des Weströmischen Reichs – gekommen, um sich schützend vor einen Römer zu stellen, der mit Attila in einen Streit um teure Goldbecher verwickelt war.

Der kroatische Historiker Hrvoje Gračanin von der Universität Zagreb vermutet allerdings auch bei dieser Gesandtschaft einen doppelten Boden. Wieso, führte er in einem Essay aus dem Jahr 2003 aus. In Wahrheit seien die Botschafter angereist, um eine dynastische Krise klein zu halten, bevor Attila sie groß machen konnte.

Hintergrund war ein Skandal am Hof in Ravenna, von dem Priskos an anderer Stelle zu berichten weiß: Justa Grata Honoria, die Schwester des weströmischen Kaisers Valentinian III., hatte sich demnach auf eine heimliche Affäre eingelassen und war ertappt worden. Nun sollte sie gegen ihren Willen verheiratet werden. Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, habe sie einen Vertrauten mit einem Ring zu Attila geschickt und um Hilfe gebeten – ja, dem Hunnen womöglich ein Heiratsangebot gemacht.

Attila hält alle Trümpfe in der Hand

Normalerweise wird diese Honoria-Krise eher mit dem hunnischen Druck auf Westrom der Jahre 450 und 451 in Verbindung gebracht. Gračanin rekonstruiert ihre Anfänge jedoch schon für das Frühjahr 449 – und damit innerhalb des Zeithorizonts von Priskos’ Besuch. Dazu passt, dass die westliche Gesandtschaft von Männern angeführt wurde, die aus dem Grenzgebiet zur hunnischen Einflusszone stammten und bereits persönlich und familiär mit Attilas Hof verknüpft waren. Sollten sie dem Hunnen ausreden, Honorias Heiratsangebot anzunehmen?

Priskos’ Bericht zeichnet den Hunnenherrscher als hochintelligenten, aber kühl und beinahe asketisch auftretenden Machtpolitiker. In seiner Außenwirkung folgt Attila damit weder dem Vorbild der römischen Kaiser, die eine prunkvolle Machtdarstellung zelebrierten, noch passt er in das Schema des gefühlsgesteuerten, »barbarischen« Kriegsfürsten, das die Erwartungen von Priskos’ Zeitgenossen geprägt haben dürfte.

Die Missionen von 449 münden folglich auch nicht in eine große Schlacht, nicht einmal in einen Eklat, sondern in ein großes Bankett. Priskos beschreibt ein Festessen, dessen Sitzordnung streng hierarchisch nach Rang und Namen gegliedert ist. Während die Edlen des Reichs aus Silberkelchen trinken und sich über den Gesang und die Spaßmacher amüsieren, thront der Gastgeber über allem, isst von einfachem Holzgeschirr und verzieht keine Miene. »Weder in Wort noch Tat ließ er etwas erkennen, das einer freudigen Gefühlsregung oder einem Lächeln auch nur annähernd gleichgekommen wäre«, bemerkt Priskos.

Der Gastgeber hatte alle Trümpfe in der Hand: gegen Maximinus, der bereits geahnt haben dürfte, dass etwas faul war, und gegen die weströmische Gesandtschaft, die vielleicht schon mit einem unmöglichen Auftrag in die Steppe gereist war.

Als das Attentatskomplott durch die Rückkehr des Dolmetschers schließlich aufflog, nutzte Attila diesen Hebel, um Maximinus zu neuen Tributen und Zugeständnissen zu nötigen. Honorias’ Hilferuf und daraus abgeleitete Gebietsansprüche hingegen dienten ihm erst zwei Jahre nach Priskos’ Besuch als Kriegsvorwand: Im Jahr 551 setzte sich das hunnische Heer in Richtung Gallien in Bewegung. Erst bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im heutigen Frankreich gelang es Westrom, in einem Bündnis mit den Westgoten den »Hunnenkönig« unter hohen Verlusten zu bezwingen.

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  • Quellen

Gračanin, H., Byzantinoslavica 61, 2003

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