Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte einer geborenen Künstlerin

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In der Scottish National Portrait Gallery hängt ein winziges, ovales Gemälde, datiert auf 1830: Eine Frau mittleren Alters ist darauf zu sehen, mit Pelzstola, Korkenzieherlocken unter einem Turban, wachen Augen, das Ganze nur zehn Zentimeter hoch. Solche Miniaturporträts auf Elfenbein oder Papier waren allseits beliebt im frühen 19. Jahrhundert, als Andenken, als Liebesgaben, als Statussymbole. König George IV. sammelte sie. Der Markt boomte.
Normalerweise braucht man eine außerordentlich ruhige Hand für solche Aquarelle. Nicht so die Frau, die dieses Selbstporträt malte.
Sarah Biffin wurde am 25. Oktober 1784 in East Quantoxhead, einem Dorf in Somerset, in eine Familie einfacher Landarbeiter geboren. Durch eine Fehlbildung im Mutterleib kam sie ohne Hände, Arme und mit nur rudimentär ausgebildeten Beinen zur Welt. Als Erwachsene erreichte sie eine Größe von knapp 94 Zentimetern. Mit einer Beharrlichkeit, die schon in der Kindheit bemerkenswert war, begann sie, Mund und Schultern als Werkzeuge einzusetzen, lernte zu schreiben und zu nähen.
Ihre ersten Lebensjahre verbrachte Biffin in Somerset, bis ein Schausteller in ihr Leben trat. Was der Mann namens Emmanuel Dukes ihr anbot, war Freiheit durch Ausbeutung: Biffin verpflichtete sich, mit ihm zu reisen, sich ausstellen zu lassen und keinerlei anderer Tätigkeit nachzugehen. Laut neueren Forschungen war sie gerade 20 Jahre alt, als sie einen umfassenden Vertrag mit Dukes unterzeichnete.
Das »achte Weltwunder«
Dukes nannte sie das »achte Weltwunder«, ließ sie vor Publikum nähen und Texte schreiben. Als er ihr malerisches Talent erkannte, förderte er auch diese Seite. Die Autodidaktin, die den Pinsel zwischen den Lippen führte, produzierte bald beeindruckende Miniaturen, die nun in Landgasthöfen und auf Jahrmärkten ausgestellt wurden.
Das England des frühen 19. Jahrhunderts kannte die Kategorie der Arbeitstüchtigen, die für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten, und die der Armen, die das nicht konnten. Biffins Körper widersetzte sich dieser Kategorisierung, schreibt die Historikerin Essaka Joshua in ihrem Werk über Behinderung in der viktorianischen Literatur: Sie war nicht arbeitsfähig im industriellen Sinne, aber offenkundig hochproduktiv.
Hinzu kam, dass man Frauen generell eine künstlerische Tätigkeit allenfalls als Freizeitbeschäftigung zubilligte. Auf die höchste Auszeichnung der Society of Arts etwa brauchten sich Künstlerinnen keine Hoffnungen zu machen. Die Goldmedaille war fast ausnahmslos den Männern vorbehalten. Typisch für das Bild, das sich ihre Zeitgenossen von ihr machten, ist ihr Auftauchen in den Werken von Charles Dickens: Der Autor erwähnt sie mehrfach als Chiffre für Unförmigkeit, aber kein einziges Mal würdigt er ihre künstlerische Leistung als solche.
Der Earl und die Akademie
Dabei war Biffin drauf und dran, doch noch die höchsten Ehrungen des britischen Kunstbetriebs zu erringen, einer Zufallsbegegnung sei Dank: Im Januar 1808 sah ein misstrauischer George Douglas, Earl of Morton, der 24-Jährigen bei ihren Maldarbietungen zu. Um den vermeintlichen Betrug der Schausteller zu entlarven, gab er ein Porträt von sich in Auftrag, nahm das unfertige Werk jedoch zwischen den Sitzungen immer mit, damit niemand anderes heimlich daran weiterarbeiten konnte.
Als er sich davon überzeugt hatte, dass Biffins Talent echt war, organisierte er für Biffin eine Ausbildung beim Hofmaler des Herzogs von York und eröffnete ihr ein Netzwerk bis in die höchsten Kreise der britischen Gesellschaft. Schließlich bewog der Earl sogar Dukes – wie genau, ist nicht bekannt –, seinen restriktiven Vertrag mit Biffin zu lösen. Nach fast 16 Jahren war Biffin frei.
1821 debütierte sie bei der Jahresausstellung der Royal Academy, und zwar gleich mit vier Miniaturen. Die Academy lehnte damals rund 90 Prozent aller Einreichungen ab. Auch für Biffin galten keine Sonderrechte. Die Teilnahme war eine Anerkennung ihrer Qualitäten, gemessen an den Standards, die für alle galten.
Im selben Jahr erhielt sie die Große Silbermedaille der Society of Arts, die sie fortan demonstrativ am Leib trug. Sie bezog ein Atelier im Herzen des Londoner Kunsthandels, wurde Miniaturmalerin des späteren Königs der Niederlande, malte für den britischen Monarchen William IV. und Königin Victoria, und sie unterrichtete eigene Schülerinnen und Schüler. Es war der Höhepunkt ihres Lebens.
Am 6. September 1824 heiratete Biffin einen Bankangestellten namens William Stephen Wright. Die Ehe hielt kaum ein Jahr. In zeitgenössischen Quellen wird Wright als eine Art Heiratsschwindler dargestellt, der sich Biffins beträchtliches Vermögen aneignete und sie anschließend mit kärglichen 40 Pfund im Jahr abspeiste. Später bemühte sich Biffin allerdings, dieses Bild öffentlich geradezurücken. Sie selbst habe kaum zehn Pfund mit in die Ehe gebracht, dennoch habe Wright sie auch nach der Trennung aus eigener Tasche über Jahre hinweg unterstützt.
Biffin versucht in Liverpool eine zweite Karriere
Sarah Biffin starb am 2. Oktober 1850 in Liverpool, wo sie ihr letztes Jahrzehnt als Malerin verbracht hatte – am Ende auch dank großzügiger finanzieller Zuwendungen reicher Familien. Nicht zuletzt durch die Daguerreotypie, die erste kommerziell anwendbare Form der Fotografie, war die Nachfrage nach Miniaturen um die Mitte des Jahrhunderts immer weiter gesunken.
Am 5. Dezember 2019, mehr als 150 Jahre nach ihrem Tod, versteigerte Sotheby’s ein Selbstporträt Biffins. Ursprünglicher Schätzpreis: 800 bis 1200 Pfund. Am Ende fiel der Hammer bei 137 500 Pfund und signalisierte das wiedererwachte Interesse an der Künstlerin: Drei Jahre später öffnete die erste Einzelausstellung ihrer Werke seit über 100 Jahren bei Philip Mould & Company in London.
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