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Grams' Sprechstunde: Hilfe, man will uns vergiften!

Schon mal gehört? »Medikamente wirken ja gar nicht, glaube ich, bis auf die Nebenwirkungen natürlich!« Und wer das nicht zugibt, steht auf dem Lohnzettel der Pharmabranche.
Ein Beipackzettel unter der Lupe

Warum ist eigentlich die Ansicht so weit verbreitet, dass Medikamente der »Schulmedizin« weitaus mehr schaden würden als nutzen, auch zu hören in der Variante, ihre Wirkungen würden gegenüber ihren Nebenwirkungen sozusagen kaum ins Gewicht fallen? Neulich, während eines Live-Interviews, äußerte eine ältere Dame mir gegenüber eine recht weit verbreitete Ansicht: »Menschen werden nur im Kopf gesund! Es kann ja sein, dass ein Arzt ein richtiges Medikament für eine richtige Diagnose verschreibt, und dann wird man trotzdem nicht gesund, weil im Kopf der Glauben fehlt.« Die Dame war Pfarrerin. Und sie sagte noch anderes, was viele Menschen glauben: »Es ist gar nicht immer bewiesen, dass Medikamente wirken. Ganz oft sind Tabletten nicht besser als Placebos; oder sie haben viele und starke Nebenwirkungen«.

Warum nur meinen viele, dass Medikamente der Schulmedizin weitaus mehr schaden würden als nutzen? Warum glauben nicht wenige, die Wirkung eines Medikaments würden gegenüber seinen Nebenwirkungen quasi kaum ins Gewicht fallen?

Wir Ärzte wollen mit Arzneimitteln eine gezielte, spezifische Wirkung herbeiführen. Diese muss – bevor ein Arzneimittel als solches zugelassen werden kann – zunächst messbar nachgewiesen sein. Außerdem (und das ist eine gesetzliche Anforderung!) muss die Wirkung aber mögliche negative Effekte überwiegen: Zum Arzneimittel wird eine wirksame Substanz oder ein medizinisches Produkt nur dann, wenn alle möglichen Nebenwirkungen so genau bekannt und beschrieben sind, dass Arzt und Ärztin es für den einzelnen Patienten nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung auch verantwortlich verordnen können.

Am Ende verfolgt ein zugelassenes Arzneimittel dann selbst keinen Zweck, »tut« nichts von sich aus und »will« uns auch nicht heilen. Dabei ist gleichgültig, ob es sich um ein synthetisch hergestelltes Mittel oder ein wirksames Naturprodukt handelt: Das eine wie das andere greift in Körperprozesse ein oder wirkt direkt auf Krankheitserreger und unterstützt oder hemmt bestimmte Funktionen und Reaktionen. Dies geschieht allerdings nie absolut spezifisch, also nur und ausschließlich genau so und genau dort, wo wir es gerne hätten. Also werden immer auch Nebeneffekte auftreten, die unbedeutend, schwer wiegend oder unerwünscht sein können. So betrachtet wird klar, dass es keine Wirkung ohne mögliche Nebenwirkung geben kann – und dass umgekehrt Stoffe (oder »Nicht-mehr-Stoffe«, wie bei der Homöopathie), die für sich beanspruchen, keine Nebenwirkungen zu haben, wohl auch keine Hauptwirkung besitzen.

Die Medizin hat daraus gefolgert, Nebenwirkungen ebenso ernst zu nehmen wie Wirkungen – und das Für und Wider vor der Zulassung von Heilmitteln als Arzneimittel sorgfältig unter die Lupe zu nehmen. Der erste Schritt nach den Vortests im Labor sind Tests mit möglichst vielen freiwilligen Probanden. Sie bestätigen regelmäßig die statistische Gesetzmäßigkeit, dass in jeder Fallgruppe einzelne »Ausreißer« stecken – hier sind es die Personen, bei denen ein Wirkstoff Nebenwirkungen verursacht. Sind solche Fälle bei einer häufig wirksamen Substanz selten, dann spricht das für dieses Medikament – auch wenn man dies mit anderen Augen sehen dürfte, wenn man zufällig der eine ist, der die Nebenwirkungen erleidet. Am Ende aber lassen sich aus den Tests an repräsentativen und möglichst großen Beispielgruppen verlässliche prinzipielle Schlüsse ziehen – denn so unterschiedlich sind Biologie und Physiologie von Mensch zu Mensch eben doch nicht. Wäre es anders, dann könnte jeder Behandler ohnehin nur raten, was nun zufällig für den Patienten richtig ist, der gerade vor ihm steht – und zwar mit einer ziemlich schlechten Quote. Genau das geschah in der vorwissenschaftlichen Zeit, mit bekannten Ergebnissen.

Mediziner wissen heute aber auch, dass der Mensch nicht nur ein chemischer Einheitsbrei ist, der nach Kochrezept einfach spezifisch verändert werden kann. So ist zum Beispiel längst klar, dass manche Medikamente bei Männern und Frauen und in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich wirken. Auch unspezifische psychologische und kontextuelle Einflüsse sind für uns relevant, und in diesem Sinn können »Glaube an« und persönlicher Kontext natürlich einen Heilungsprozess unterstützen.

Insgesamt aber finde ich schade, dass auf diesem Gebiet so viel geglaubt wird – und so wenig gewusst. Das mag zum Teil an ÄrztInnen liegen, die im Praxisalltag zu wenig Zeit haben, ihren PatientInnen alle Zusammenhänge zu erklären: Natürlich sitzen die dann später zu Hause am Küchentisch mit allen Packungsbeilagen und studieren sämtliche jemals aufgetretenen und möglichen Nebenwirkungen – ohne aber die Chance zu haben, wirklich alles miteinander in Einklang zu bringen. Auch der Ruf von Pharmaunternehmen dürfte eine Rolle spielen: Man platziert sie auf der Rangliste vertrauenswürdiger Unternehmen nicht unbedingt ganz oben. Skandale wie bei Contergan oder Valsartan haben Spuren hinterlassen und werden auch durch ganz überwiegend gute Herstellungs- und Behandlungspraxis nicht ungeschehen – vergessen sollten wir sie schon gar nicht. Schaden richten auch Intransparenz an sowie ein Mangel an Auskunftsfreudigkeit nach dem Prinzip »Details könnten Teile der Bevölkerung verunsichern«: So geht langfristig Vertrauen verloren, während das Grundmisstrauen wächst, das man doch eigentlich eindämmen wollte.

Apropos Grundmisstrauen: Fatal finde ich den Vorwurf, man (also ich) sei ein gekaufter Handlanger der Pharmaindustrie, sobald man (also ich) umfassend statt einseitig aufzuklären versucht. Tatsächlich hat sich bei mir noch keine Firma mit einem eindeutigen Angebot und Ansinnen gemeldet. Ich bin einfach überzeugt davon, aus meinem gewachsenen Verständnis medizinischer und gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge heraus gute Argumente dafür zu haben, dass Glauben nicht vor Wissen stehen sollte, wenn es um unsere Gesundheit geht. Im Privatleben mag das jedem selbst überlassen sein – wir sollten uns aber dringend an Fakten halten, wenn es um die Beurteilung von Wirksamkeit und Nebenwirkungspotenzial von Medikamenten geht. Fakt bleibt übrigens auch, dass forschende Mediziner, Hersteller von Medizinprodukten oder behandelnde Ärzte uns mit Medikamenten nicht vergiften wollen. Wollten sie es, dann könnten sie das mit weniger Aufwand auch ohne die Zeit raubende Medikamentenentwicklung und -zulassung erreichen.

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