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Hirschhausens Hirnschmalz: Schwaches Fleisch, willenloser Geist

Eckart von Hirschhausen

Drei Mediziner stehen auf einem Kongress in der Kaffeepause zusammen, da geht ein ­anderer Arzt mit auffälligem Gangbild an ihnen vorbei. Der Neurologe sagt: "Na, Kollegen, da sind wir uns wohl einig. Klarer Fall von peripherer Nervenlähmung im rechten Bein." Der Ortho­päde sagt: "Quatsch, eindeutig entzündliche Pro­zesse in der Hüfte!" Darauf der Psychosomatiker: "Nein, der kämpft mit einer frühkindlichen Traumatisierung, deshalb kann er nicht zu sich stehen." Da dreht sich der "Patient" um, humpelt auf die Gruppe zu und sagt: "Wo geht's hier zur Toilette, ich mach mir gleich in die Hose!"

Alle großartigen Gedankengebäude zerfallen zu Staub vor einem zutiefst menschlichen Bedürfnis. Selbiges zeigte vor Kurzem eine kuriose Studie von Sozialpsychologen um Roy Baumeister: Wie und was wir denken, hängt stark von ­unserer körperlichen Verfassung ab. Descartes' größter Irrtum war, dass er den Geist vom Leib unabhängig wähnte. Die "Embodiment"-Forschung dagegen belegt, dass unsere Gedanken dem Körper entspringen und von ihm geprägt werden – und umgekehrt. So schaukeln wir hin und her, wenn wir uns nicht zwischen zwei Dingen entscheiden können, und vice versa beginnen wir eher im Geiste zu schwanken, wenn wir es körperlich tun. Aber gilt das auch für abstraktere, philosophische Überlegungen wie das Konzept des freien Willens? Immerhin beeinflusst die Überzeugung, ob wir für unsere Handlungen verantwortlich sind, wie ehrlich, hilfsbereit oder ­aggressiv wir uns anderen gegenüber verhalten.

Psychotest

Was glauben Sie: Wann ist der Mensch frei?

  1. A) vor der Toilette
  2. B) auf der Toilette
  3. C) nach der Toilette
  4. D) scheiß drauf

Die Forscher befragten Patienten, die an Epilepsie oder Panikstörung litten. Bei Krampfanfällen ebenso wie bei Panikattacken verlieren Menschen die Kontrolle über ihren Körper. Und tatsächlich waren Patienten mit dieser Erfahrung weniger vom Konzept des freien Willens überzeugt als gesunde Probanden.

In einer zweiten Runde bezogen die Wissenschaftler aktuelle körperliche Bedürfnisse in ihre Befragungen ein: Wie dringend mussten die Probanden gerade auf Toilette? Wie müde waren sie? Und wie sehr wollten sie Sex? Teilnehmer mit starken Bedürfnissen erlebten sich offenbar eher als Marionetten ihres Körpers – sie glaubten weniger an den freien Willen. Anders gesagt: Wer gerade Pipi muss, dem sind die großen Fragen der Hirnforschung piepegal.

Schon oft musste ich feststellen, dass Diskus­sionen zu nichts führen, wenn mein Gegenüber unterzuckert ist, sei es unfreiwillig oder auf Grund einer Diät. Embodiment ist wahrscheinlich viel fundamentaler als die Erkenntnis, dass warme Getränkebecher in der Hand uns andere Menschen sympathischer erscheinen lassen. Philosophisch gesprochen: Bevor wir uns Gedanken über eine Reinkarnation machen, sollten wir eher über unsere "In-Karnation" nachdenken. Wir stecken in unserem Körper fest, wir sind Fleisch und Blut, wir brauchen den Körper als Hort unserer niederen Freuden ebenso wie der höchsten Gedanken und Gefühle. Und vielleicht ist es sowieso Quatsch, zwischen beidem zu ­unterscheiden. Als Kind habe ich schon gelernt: Man soll nicht mit vollem Mund reden. Und als Erwachsener lerne ich jetzt: Man soll auch nicht mit voller Blase denken!

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  • Quellen
Ent, M. R., Baumeister, R. F.: Embodied Free Will Beliefs: Some Effects of Physical States on Metaphysical Opinions. In: Consciousness and Cognition 27, S. 147–154, 2014

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