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Krebs verstehen: HPV-Impfung schützt junge Männer überraschend gut vor Krebs

Der Erfolg der HPV-Impfung zeigt sich besonders bei Gebärmutterhalskrebs. Wie groß ihr Nutzen für Männer ist, ließ sich lange kaum beziffern. Neue Daten belegen erstmals überraschend starke Schutzeffekte bei Männern, selbst in jungen Jahren.
Ein Arzt in einem weißen Kittel verabreicht einem Jungen eine Impfung in den Oberarm. Der Junge trägt ein grünes T-Shirt und hält einen gelben Impfpass in der Hand. Die Szene spielt in einer medizinischen Umgebung mit unscharfem Hintergrund.
Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren.

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.

Kürzlich stieß ich auf eine Studie, die mich aufhorchen ließ. Sie zeigt erstmals eindeutig, wie stark eine Impfung gegen das Humane Papillomvirus (HPV) das Krebsrisiko bei Männern senkt. Bemerkenswert ist, dass der Effekt der HPV-Impfung bereits in jungen Jahren sichtbar wird.

Was viele nicht wissen: Die meisten Menschen infizieren sich irgendwann in ihrem Leben mit dem Humanen Papillomvirus (HPV), meist beim Geschlechtsverkehr. Kondome verringern das Risiko, bieten aber keinen vollständigen Schutz. Denn das Virus überträgt sich nicht nur über die Schleimhaut, sondern auch durch Hautkontakt. Bei etwa 90 Prozent der Betroffenen heilt die Infektion von selbst aus. In zehn Prozent der Fälle bleibt sie allerdings chronisch – und kann dann Krebs verursachen. In Deutschland erkranken jährlich rund 10 000 Menschen an HPV-assoziiertem Krebs, etwa 3000 davon sind Männer.

Solche Tumoren können an Gebärmutterhals, Vagina und Vulva, aber auch an Penis, Anus und im Rachen entstehen. Besonders stark ist der Zusammenhang bei Gebärmutterhals- und Analkrebs, die zu mehr als 90 Prozent durch HPV ausgelöst werden. Bei Vulva-, Vagina- und Rachentumoren liegt der Anteil bei 70 Prozent, beim Peniskrebs bei rund 60 Prozent.

Die HPV-Impfung schützt vor Krebs und Genitalwarzen

Gebärmutterhalskrebs ist dabei bei Weitem die häufigste dieser Erkrankungen. Sie macht rund 75 Prozent aller HPV-assoziierten Krebsfälle aus. Entsprechend gut ist hier die Datenlage: Eine große Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 wertete 225 Studien zur HPV-Impfung aus. Sie zeigt, dass Mädchen, die vor dem 16. Lebensjahr geimpft werden, ein um rund 80 Prozent geringeres Risiko haben, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Zudem sinkt die Gefahr für Krebsvorstufen und Genitalwarzen um circa 50 Prozent.

Doch die Übersichtsarbeit offenbart auch eine Lücke, denn die meisten Studien zur HPV‑Impfung konzentrieren sich auf Frauen. Für Männer fehlten bislang vergleichbar belastbare Daten.

»In Deutschland waren im Jahr 2024 55 Prozent der 15-jährigen Mädchen und nur 36 Prozent der 15-jährigen Jungen vollständig geimpft«

Das hat mehrere Gründe. So wurde die Impfung für Mädchen früher eingeführt als für Jungen. In Deutschland können Mädchen sie seit 2007 erhalten, Jungen erst seit 2011. Außerdem unterschieden sich ihre Impfraten. In Deutschland waren im Jahr 2024 55 Prozent der 15-jährigen Mädchen und nur 36 Prozent der 15-jährigen Jungen vollständig geimpft. Weltweit waren es 2019 nur vier Prozent der Männer. Hinzu kommt, dass die HPV-assoziierten Krebserkrankungen bei Männern – etwa an Rachen, Anus und Penis – viel seltener auftreten als Gebärmutterhalskrebs und sich über eine längere Zeit hinweg entwickeln.

In welchem Alter sollte man sich gegen HPV impfen lassen?

Umso wichtiger sind die Ergebnisse einer aktuellen, im April 2026 veröffentlichten Studie. Sie verglich Gesundheitsdaten von mehr als 600 000 geimpften und 200 000 ungeimpften Jungen und Männern zwischen 9 und 26 Jahren, die über zehn Jahre lang gesammelt wurden. Dabei zeigte sich: Geimpfte hatten ein um 46 Prozent geringeres Risiko, an einem HPV-bedingten Krebs zu erkranken.

Diese Ergebnisse sind bedeutend, denn HPV-assoziierte Tumoren treten bei Männern meist erst zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf. Dass sich bereits bei jungen Männern ein so großer Schutz zeigt, ist ein klares Signal dafür, dass sich eine frühe Impfung für sie lohnt. In den kommenden Jahrzehnten dürfte sich der Effekt noch deutlicher abzeichnen.

Fachleute rechnen damit, dass in den USA die Impfung bis 2060 124 000 Fälle von HPV-assoziiertem Rachenkrebs verhindern könnte, bis 2080 sogar 400 000 Fälle – und das trotz der aktuell niedrigen Impfraten. 2019 waren in den USA nur rund 54 Prozent der Jugendlichen geimpft. Stiege die Impfrate auf 80 Prozent, ließen sich bis 2080 sogar mehr als 900 000 Fälle vermeiden. Auch dürfte es weniger Anal- und Peniskarzinome geben, die allerdings ohnehin deutlich seltener als Rachenkrebserkrankungen sind. In Deutschland erkranken jährlich rund 1900 Männer an Rachen-, 700 an Anal- und 400 an Peniskrebs.

Neben der Krebsprävention bietet die Impfung noch einen weiteren Schutz, und zwar vor Genitalwarzen – einer zwar gutartigen, aber oft belastenden Erkrankung. Mehrere Studien zeigen, dass eine HPV-Impfung das Risiko um mindestens 50 Prozent senkt. Werden Personen früh im Leben geimpft, fällt dieser Effekt deutlich stärker aus. In einer Studie mit rund 900 früh gegen HPV geimpften Männern traten innerhalb von zehn Jahren bei keinem einzigen Genitalwarzen auf.

HPV-Impfung: Wirksamer Schutz, zu selten genutzt

Ich arbeite als Ärztin an einem großen Zentrum für Analkarzinome und habe auch schon viele Patienten mit anderen HPV-assoziierten Krebserkrankungen behandelt. In fortgeschrittenen Stadien haben diese Erkrankungen leider eine schlechte Prognose.

Doch selbst frühe Stadien erfordern häufig aggressive Behandlungen. Operationen und Bestrahlungen an Gebärmutterhals, Vulva, Vagina, Penis, Anus und Rachen können starke Schmerzen verursachen, vor allem beim Essen, Stuhlgang und Geschlechtsverkehr. Sie können die körperlichen Funktionen beeinträchtigen, das Aussehen verändern oder unfruchtbar machen.

Umso trauriger macht es mich, dass die Impfraten in Deutschland so niedrig sind. Dabei ist die Impfung sicher. Das zeigen die Erfahrungen mit mehreren Hundert Millionen Geimpften weltweit und mehr als 20 Jahren Nachbeobachtung. Zudem schützt sie nicht nur Geimpfte, sondern auch zukünftige Sexualpartner. Und mehr noch: Durch die Herdenimmunität sinkt der Anteil an Infizierten insgesamt.

Für mich ist die HPV-Impfung eine der größten Errungenschaften der Krebsmedizin. Sie schützt vor neun HPV-Typen, die für ungefähr 90 Prozent der HPV-assoziierten Krebserkrankungen verantwortlich sind. Auch wenn sich die Krebstherapien in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten verbessern werden: Prävention ist einer Behandlung immer vorzuziehen.

Die Impfung wirkt am besten, wenn sie vor dem ersten Kontakt mit den Viren verabreicht wird. Kinder und Jugendliche sind also darauf angewiesen, dass ihre Eltern vernünftige Gesundheitsentscheidungen für sie treffen. Ich appelliere daher an alle Eltern: Bitte lassen Sie Ihre Kinder rechtzeitig gegen HPV impfen.

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