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Springers Einwürfe: Im Spinnennetz des Kunstbetriebs

Talent garantiert noch lange keinen Erfolg. Bei bildenden Künstlern entscheidet eher, wo sie im weltweiten Netz der Museen und Auktionen starten.
Ein Mann betrachtet Gemälde, auf denen nichts zu sehen ist.Laden...

Theorien der künstlerischen Tätigkeit haben es traditionell schwer. Werke, die spontan entstehen und überkommene Regeln brechen, lassen sich schlecht in ein ästhetisches System pressen. Nicht viel besser steht es um die Rezeptionsseite: Dass die Arbeit beim Publikum ankommt, gar die Nachwelt ihren Wert schätzen wird, das darf der Schöpfer nur hoffen, denn auf das analytische Instrumentarium der professionellen Kritiker ist wenig Verlass.

Deshalb hat der große Autor Stanisław Lem 1968 seine zweibändige »Empirische Theorie der Literatur« passenderweise »Philosophie des Zufalls« betitelt. Er zeigt an vielen Beispielen, dass der Erfolg eines Textes sich kaum auf dessen ästhetische Vorzüge zurückführen lässt, sondern stochastischen Regeln gehorcht. Die Literaturrezeption gleicht dem zufälligen Zusammentreffen einer Flaschenpost mit jemandem, der sie aus dem Meer des Schrifttums fischt. Sehr präzise konnte Lems Analyse seinerzeit nicht werden, da ihm noch kein statistisch relevanter Datenfundus zur Verfügung stand. Zumindest für die bildende Kunst hat sich das seither geändert.

Während die Literatur ein eher brotloser Beruf geblieben ist, wird im Kunsthandel das große Geld gemacht. Darum liegt dort mit dem Auktionspreis ein quantitatives Maß des künstlerischen Erfolgs vor.

Ein zur Orientierung von Künstlern, Käufern und Museen geschaffenes Internetportal namens Magnus sammelt seit Jahren Daten über Ausstellungen und Versteigerungen in 143 Ländern; es bildet damit die Karrieren einer halben Million bildender Künstler von 1980 bis 2016 ab. Gemeinsam mit dem Ersteller der Datenbank, Magnus Resch, untersuchte ein internationales Team um den amerikanisch-ungarischen Netzwerkanalytiker Albert-László Barabási, wie sich Ansehen und Erfolg im Kunstbetrieb verteilen. Die statistische Auswertung belegt, dass das künstlerische Renommee entscheidend von der Ausgangslage im Netz des Betriebs abhängt (Science 362, S. 825–829, 2018).

Das Leben der Boheme ist hart, ebenso die Auslese. Die Erfolgsstatistik bietet ein schiefes Bild: Während jeder zweite Künstler in der Datei nur mit einer einzigen Ausstellung vertreten ist, bleiben einige wenige Stars fast allgegenwärtig. Die Hälfte aller Kunstwerke geht für weniger als 4000 Dollar weg, aber Auktionsrekorde übersteigen viele Millionen Dollar.

Auch die Netzstruktur ist äußerst inhomogen. Die Stärke der Verbindungen zwischen dem Museum of Modern Art und dem Guggenheim, beide in New York, ist 33-mal so hoch wie im Mittel. In der übrigen Welt scharen sich zwar ebenfalls lokale Cluster um renommierte Zentren, fristen jedoch gegenüber der Kunstmetropole am Hudson River ein relativ abgehängtes Dasein.

Wem es gelingt, gleich zu Beginn mehrmals nahe dem Zentrum dieses Spinnennetzes auszustellen, der ist auch zehn Jahre später mit hoher Wahrscheinlichkeit noch gut im Geschäft. Wer weit draußen und tief unten in der Kunstprovinz anfangen muss, der tut sich schwer. Nur ein kleiner Prozentsatz besonders Hartnäckiger schafft von dort aus den Aufstieg in die oberen Etagen – und das kann Jahrzehnte dauern. Zudem kommen die schlecht Gestarteten selbst nach jahrzehntelanger Ausdauer bloß auf Verkaufspreise um 40 000 Dollar, während den von Haus aus Glücklichen Auktionserfolge um 200 000 Dollar winken.

Also arbeitet der Kunstbetrieb statistisch gesehen schreiend ungerecht. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel: Der derzeit höchstbezahlte lebende Künstler ist der deutsche Maler Gerhard Richter. Er startete einst in der DDR, maximal abgehängt von allen Zentren des Kunstbetriebs. 2002 wurde ihm anlässlich seines 70. Geburtstags eine umfangreiche Ausstellung zuteil – im Museum of Modern Art.

März 2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft März 2019

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  • Quellen

Fraiberger, S. P. et al.: Quantifying Reputation and Success in Art. In: Science 362, S. 825–829, 2018

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