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Warkus' Welt: Im Zweifel für den Zweifel?

Ob es um die Schulmedizin oder den Klimawandel geht: Dinge zu hinterfragen, ist gerade in Mode. Unser Kolumnist Matthias Warkus erklärt, warum uns das nicht zwangsläufig zu Philosophen macht.
Mann untersucht mit einer Lupe ein FragezeichenLaden...

Man soll alles hinterfragen und nichts für bare Münze nehmen. Wenn Autoritäten etwas erzählen, muss es noch lange nicht stimmen. Sogar die eigene Wahrnehmung kann trügen; das eigene Denken sowieso. Alles lässt sich anzweifeln.

Heutzutage erscheinen uns solche Sätze nicht als besonders revolutionär, sondern eher als Allgemeinplätze. Wir haben vielleicht eine vage Ahnung davon, dass es einmal anders war: Das deutsche Schulsystem mit seinem historischen Schwerpunkt auf dem Religionsunterricht war zum Beispiel noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dominiert vom Auswendiglernen von Regeln und Behauptungen, an denen nicht gezweifelt werden durfte; die familiäre, berufliche, militärische Erziehung sowieso. Und weiter zurück in der Vergangenheit, so stellen wir es uns zumindest vor, herrschte ohnehin eine kirchlich und ständisch geprägte hierarchische Gesellschaft, in der es wenig anzuzweifeln gab. Aber heute sind wir weiter. Ist das so?

In der Philosophie gibt es eine Tradition des systematischen Nachdenkens über den Zweifel und das Zweifelnkönnen, die (zumindest in der europäischen Überlieferung) bis mindestens ins 3. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht. Nach dem altgriechischen Wort »skepsis«, das unter anderem »Sinneswahrnehmung« oder »Untersuchung« bedeuten kann, hat sich der Name Skeptizismus für diese Tradition herausgebildet. Philosophischer Skeptizismus geht dabei in der Regel weit über das hinaus, was man im Alltag skeptisch sein nennt. Skeptiker können etwa meinen, dass der Satz »Wir können nicht entscheiden, welche Behauptungen wahr sind« wahr ist; andere wenden diesen Satz sogar auf sich selbst an und würden sagen, dass wir nicht einmal entscheiden können, ob wir entscheiden können, welche Behauptungen wahr sind.

Die große Stunde des Skeptizismus

Seine große Stunde in der neuzeitlichen Philosophiegeschichte hat der Skeptizismus bei René Descartes (1596–1650). Dieser folgerte aus verschiedenen Gründen, dass keiner Wahrnehmung der Außenwelt zu trauen sei, noch nicht einmal dem eigenen Denken und Fühlen – schließlich könnte es ja einen, wie er es nennt, »bösen Dämon« geben, der einen bei jedem Gedanken täuscht. (Die Überlegung, dass irgendein Akteur oder irgendeine Vorrichtung unsere Sinnes- und Denkorgane konsequent hinters Licht führt, ist popkulturell sehr beliebt geworden und einer der Gründe, warum Philosophiestudierende auf Partys zumindest früher ständig darauf angesprochen wurden, ob sie denn auch »Matrix« gesehen hätten. Heutzutage beschäftigt diese Vorstellung durchaus reiche und mächtige Menschen – gerüchtehalber gibt es eine Gruppe von Silicon-Valley-Milliardären, die Forschung dazu finanzieren, ob man feststellen kann, dass die Welt eine bloße Simulation ist.)

Descartes kommt zu dem Ergebnis, alles anzweifeln zu können außer der Tatsache, dass da etwas ist, was zweifelt. Der Zweifel kann sich selbst nicht anzweifeln, sonst könnte er als Denkprozess gar nicht stattfinden. Die eigene Existenz als denkendes Subjekt ist unbezweifelbar – daher Descartes’ sprichwörtliches Zitat »Ich denke, also bin ich«.

Man kann mit gewissem Recht sagen, dass spätestens seit Descartes große Teile der abendländischen Philosophie von skeptizistischen Überlegungen ausgehen oder sich daran abarbeiten. Und ebenso lange gibt es schon das triviale Gegenargument gegen den Skeptizismus: Dass wir nämlich, ganz gleich, woran wir gezweifelt haben wollen, immer so handeln, als hätten wir gesichertes Wissen. Auch wenn ich daran zweifle, dass der Computer, auf dem ich dies tippe, der Tee, den ich dabei trinke, und die Stereoanlage, über die ich dazu Musik höre, wirklich existieren – ich tippe, trinke und höre trotzdem.

Der Unterschied zwischen dem alltäglichen »Ich glaube erst mal nichts unbesehen« und dem philosophischen Zweifel liegt jedenfalls auf der Hand: Die philosophische Skepsis hat, wenn sie ernst genommen werden will, immer damit zu tun, die genauen Voraussetzungen des eigenen Denkens und der eigenen Erkenntnismöglichkeiten zu klären. Der Alltagszweifel ist häufig eher vom Gegenteil geprägt. Wer im Internet bei jeder Gelegenheit erklärt, dass er der Stadtverwaltung, der Schulmedizin oder der Kirche rein gar nichts glaubt, aber nicht sagen kann, warum, ist noch kein Philosoph.

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