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Kolumnen: In der Rechtsmedizin, morgens, mit nüchternem Magen

Schädelkalotte samt Hirn
Die elektrische Säge frisst sich kreischend durch das Schädeldach. Irgendwelche anatomischen Zimperlichkeiten sind der resoluten Sektionsassistentin in der Rechtsmedizin ganz fremd. Sie hat zunächst den Leichnam skalpiert, und zwar so, dass die Haut über dem Gesicht intakt blieb. Von Ohr zu Ohr aber, von Schläfe zu Schläfe, hat sie mit einem scharfen Messer bis auf den Knochen geschnitten. Und zwar über den Scheitel hinweg, entlang einer Linie also, die ein Diadem markierte, wenn denn Leichen Diademe trügen. Dann hat sie die stirnseitige Hälfte des Skalps nach vorne übers Gesicht geklappt und die hintere nackenwärts, übers Hinterhauptsbein. So kann man den Skalp hinterher wieder zurückschlagen und sieht fast nichts von dem Schnitt, der ihn löste, wenn man der Leiche ins Gesicht schaut.

Das Schädeldach liegt offen da. Jetzt also ein kreisförmiger Sägeschnitt, entlang der Linie, die die Hutkrempe markierte, wenn denn Leichen Hüte trügen (siehe Fußnote 1). Die harte Hirnhaut, die dem Schädel von innen anliegt, wird bei der Gelegenheit gleich mit zersägt, und dass das Sägeblatt auch noch einen knappen Zentimeter tief ins Gehirn eindringt, lässt zwar den Anatomen grausen, die Assistentin aber kalt. Denn nachdem sie die Schädelkalotte rundherum aufgesägt hat, hebt sie diese nun keineswegs vorsichtig vom Gehirn ab – nein. Sie nimmt ein großes, langes Messer und schneidet einfach das Gehirn in der Ebene der Hutkrempenlinie durch und hebt den Kopfdeckel samt Inhalt ab.

Es erinnert fatal ans Eierköpfen.

Schädelkalotte samt Hirn | Blick von oben; die Stirn ist oben im Bild.

Der Eierschalendeckel samt Inhalt wird umgedreht und auf die Inspektionsplattform gelegt, die am Fußende des Sektionstisches jenen quer überspannt. Es sieht wunderschön aus. Das Marklager des Gehirns strahlt in reinstem Weiß, die graue Substanz ist gar nicht grau, sondern eher hellbraun, und die Blutschlieren, die sich auf der Schnittfläche gebildet haben, sind strahlend hellrot. Tiefblau sind die Venen, die man an einigen Stellen im Inneren des Hirnes sieht, purpurn, fast schwarz die Blutseen, die sich an manchen Stellen zwischen Hirn und Schädel gebildet haben.

"Keine Einblutungen im der Kopfhaut oder im Schläfenmuskel, Schädeldecke intakt", spricht der Rechtsmediziner, der die Sektion überwacht und fürs Protokoll kommentiert, in sein Diktafon. "Klar", sagt er dann zu mir, dem Anatomen. "Wenn man jemandem auf den Kopf haut, gibts halt Hämatome und Frakturen, die man manchmal von außen aber gar nicht sieht ..."

Er wendet sich anderen Dingen zu, und ich bewundere unterdessen die Schnittfläche des Gehirns. Wie anders sieht das aus als die gräuliche Farblosigkeit, die wir aus der Anatomie gewohnt sind! Denn wir machen unsere Leichen mittels einer chemischen Konservierung (Formalin) haltbar. Um den Preis aber, dass alles seine Farben verliert und seine Konsistenz verändert (Fußnote 2). Farbiges wird fahl, Geschmeidiges wird bröckelig, Zartes zäh.

Dafür riecht es bei uns, wie ich finde, besser. Scharf, stechend, nach Formalin und Thymol und Alkohol. Hier in der Rechtsmedizin steigt derweil ein gewisser Mief aus den Därmen auf, die gerade aus dem Bauch geschaufelt werden. "Harmlos", sagt der Rechtsmediziner, "der ist ja gerade mal zwei Tage tot." Auf dem Sektionstisch nebenan liegt eine Wasserleiche. Auf dem Tisch liegt sie erst kurz, im Wasser lag sie länger.

"Ich werd mich aus dem Staub machen, bevor ihr die aufmacht", sag ich zu Axel, dem Rechtsmediziner, der ein guter Kumpel von mir ist. "Da tust du, alter Freund, gut daran", gibt er zurück.

Dann muss er die Eingeweide inspizieren und kommentieren, das heißt, dass vor seinen Augen die Assistentinnen die gesammelten inneren Organe nach festen Regeln kunstvoll zerschnippeln und umkrempeln, so dass alles Innere nach außen gekehrt wird. Ich hab unterdessen Zeit, weiter träumend das durchschnittene Hirn in der Schädelkalotte zu betrachten.

Die Köpfe der Schweifkerne kann ich sehen, die Sehhügel seh ich und die innere Kapsel, Knie und Bauch vom Balken, die Gewölbepfeiler, die Gürtelwindung, die Insel und der Ventrikel Hörner, und, und, und ... und habe große Freude daran, mir all die deutschen Namen dieser Gebilde ins Gedächtnis zu rufen. Denn die Anatomen reden gemeinhin Latein. Mein Freund Axel aber diktiert unterdessen rasend schnell seine visceralen Diagnosen (seine Eingeweidebefunde) auf Deutsch ins Diktafon. Aus dem "Diaphragma" wird wieder das "Zwerchfell", aus der "Arteria mesenterica superior" die "obere Gekröseschlagader" und so fort. Das muss er so machen, das machen alle Gerichtsmediziner so, denn das Protokoll, das da entsteht, soll für Juristen verständlich und womöglich auch noch gerichtsfest sein. Wenn es nämlich bei der Sektion Befunde geben sollte, die auf einen nicht natürlichen Tod hinweisen.

Wie bizarr, denk ich mir, während ich mir den von vielen bösen Erkrankungen, von Tumoren und Nekrosen und Gangrän zerschundenen Leib der Leiche anschaue. Solang er noch lebte, haben ihn die Ärzte wahrscheinlich mit allen möglichen lateinischen Fremdworten für seine vielen Erkrankungen traktiert – und jetzt, wo er tot ist und es nicht mehr hören kann, jetzt reden die Mediziner Klartext. Die Rechtsmediziner zumindest. Und, so denke ich weiter – während Axel gerade "linke Unterschlüsselbeinschlagader" an Stelle von "Arteria subclavia sinistra" diktiert – wieso kann eigentlich keiner die Juristen dazu anhalten, auch eine Sprache zu verwenden, die ein normaler Mensch versteht?

Das Hirn hat all das Elend des restlichen Leibes recht gut überstanden. Fast möcht man sagen: Leider, denn so hat es all das Leid auch noch deutlich mitbekommen. Die Rechtsmediziner beginnen nun mit der genaueren Inspektion des Gehirns. Dessen unteren Teil, der anfangs noch im Schädel war, hat die Assistentin mittlerweile herausgenommen. Den oberen Teil, dessen Schnittfläche in der Kalotte ich beschaute, stürzt sie jetzt aus jener heraus, ganz wie man einen Pudding aus einer Form stürzt.

Ein missratener Pudding aber, ein viel zu weicher Pudding, ein Pudding, der seine Form nicht lange hält und sich zu einem flachen Fladen verformen möchte. Langsam, aber stetig. Außerdem schneidet nun die Assistentin die Wabbelmasse mit raschen, wohl definierten Schnitten in kleine Stücke, so dass Axel die (gerichts- und todesursachen-)notorischen Punkte im Inneren des Gehirns in Augenschein nehmen kann. Er sieht aber nichts Auffälliges und wendet sich wieder dem Herzen zu, an dem er einen riesigen Hinterwandinfarkt gefunden hat.

Ich bin mit dem zerstückelten Hirnpudding allein. Die Farben, die Texturen sind immer noch wunderschön. Der Lebensbaum des Kleinhirnes (doch doch, der heißt wirklich so: Arbor vitae cerebelli) und dessen Foliae (Blätter) scheinen noch im vollen Saft zu stehen, so fein ziseliert, so seidig schimmernd. Weiß glänzen des Kleinhirns Marksegel (Vela medullaria), geblähte Tücher, unter dem man zu fernen Inseln segeln möchte.

Aber die Konsistenz ist schon ein wenig eklig. "Panta rhei", alles fließt, sagte Heraklit und hatte Recht. Ich stupse mit dem behandschuhten Finger ein wenig an den Hirnstücken herum – eine glibberige Gallerte, ein halbfester Schleim, der fließen will, aber (noch) nicht recht fließen kann. Aber bald. Ich versteh den Aristoteles und viele der anderen alten Anatomen, die der Ansicht waren, dass das Hirn eine Schleimdrüse sei. Eine schöne zwar – aber schleimig eben, wachsweich, sanfte Sülze, dicker Haferschleim.

Es ist noch früh am Morgen, die zweite Sektion steht an. Ich mach mich davon, nicht nur der Wasserleiche wegen, sondern auch, weil ich noch nichts gefrühstückt und Kohldampf habe. Ich habe heute ansonsten einen freien Tag und gönne mir in meinem Lieblingscafé ein besonderes, ein englisches Frühstück: Porridge. Und ein wachsweiches Ei.


Helmut Wicht ist promovierter Biologe und Privatdozent für Anatomie an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.


Fußnoten:

(1) Tun sie aber womöglich doch. Vom Herrn Dr. Gunther von Hagens, dem Erfinder der Plastination und dem Herrn der "Körperwelten", geht das Gerücht, dass er verfügt habe, nach seinem Tode in Kunststoff eingegossen ("plastiniert") zu werden. Nackend, aber mitsamt dem Hut, der so unvermeidlich zu ihm gehört, wie der Beuyssche zu jenem.

(2) Auch von Hagens arbeitet mit formalinkonservierten Leichnamen. Die frappante Farbigkeit seiner Exponate verdankt sich einem bunten Anstrich, den er hinterher machen lässt, wenn die Plastinate fertig sind. Der lackierte Tod, um nicht zu sagen: der gelackmeierte Tod. Der Reiz des Echten? Dass ich nicht lache!

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