Vorsicht, Denkfalle!: Belügen sich intelligente Menschen leichter selbst?

Wie schlau muss man eigentlich sein, um dumm zu sein? Diese Frage stammt nicht von mir, sondern von Paul Watzlawick (1921–2007). Der österreichische Philosoph und Psychotherapeut war berühmt für seine ironische Weltsicht, die ihn vermuten ließ, dass die vermeintliche Lösung oft ein Problem sein kann.
Seit geraumer Zeit hegen Persönlichkeitsforscher einen ähnlichen Verdacht: Weil intelligente Menschen ein größeres Repertoire besitzen, sich ihre Lügen schönzureden, machen sie sich womöglich leichter selbst etwas vor als weniger helle Leuchten. Laut dem US-amerikanischen Soziobiologen Robert Trivers (1943–2026) dient Intelligenz sogar weniger der Wahrheitssuche als vielmehr der Notwendigkeit, andere hinters Licht zu führen und sich selbst gut dastehen zu lassen. Doch damit wir anderen ein X für ein U verkaufen können, müssen wir schon selbst an unsere Lügen glauben.
Statistik-Versteher im Vorteil
So ergab eine US-amerikanische Studie von Dan Kahan und Kollegen: Menschen mit gutem Gespür für Mathe lesen aus einer Statistik recht sicher heraus, ob eine Creme gegen Hautausschlag hilft oder das Problem eher verschlimmert. Die Forschenden hatten vermeintliche Testresultate so gewählt, dass die absolute Zahl der Linderungen mit Creme zwar größer war als die ohne; im Verhältnis zu den Fällen, in denen der Ausschlag zunahm, war die Creme aber kontraproduktiv. Menschen mit gutem Zahlensinn erkannten so etwas erwartungsgemäß besser als Mathemuffel.
Außer, das Ergebnis widersprach ihren Ansichten!
Ging es nämlich nicht um Hautcreme, sondern um schärfere Waffengesetze und die Kriminalitätsrate, so waren Mathecracks mit politischen Vorlieben für die Republikaner auf einmal genauso geneigt, die absoluten Zahlen überzubewerten, wie statistisch Minderbemittelte. Umgekehrt taten Anhänger der Demokraten dasselbe, wenn es so schien, als reduziere ein Waffenverbot die Gewalt im Land. Die Zahlen waren dabei stets die gleichen, nur wurden sie jeweils vertauscht, sodass den Probanden die eigentlich korrekte Interpretation mal gegen den Strich ging und mal nicht.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
- Der action effect
Stutzig machte dabei die Eloquenz der Begründungen: Denn während schlichte Gemüter eher intuitiv irrten, hatten die Mathecracks oft ein scheinbar plausibles Argument bei der Hand, um ihre Interpretation zu stützen. Dabei brauchten die Probanden in dem Test überhaupt niemanden zu überzeugen – höchstens sich selbst.
Hilft ein hoher IQ beim Lügen?
Wer nun meint, Intelligenz prädestiniere zum Irren oder gar Lügen, dem sei gesagt: Wenn du dich da mal nicht irrst! So erkennt der IQ-Protz in manchen Fällen wohl einfach besser, wenn es sich nicht zu lügen lohnt oder die Gefahr aufzufliegen groß ist. Oder er hat es schlicht nicht nötig zu täuschen – wer einen Test ohnehin gut bewältigt, braucht nicht beim Nachbarn zu spicken. Es gibt also durchaus Gründe, seine Schläue nicht an den (Selbst-)Betrug zu verschwenden. Doch wenn es sich anbietet, ist ein hoher IQ dabei schon ganz hilfreich.
Die größte Gefahr geht vermutlich auch nicht von der Intelligenz selbst aus, sondern von der Annahme, weil man so klug ist, habe man sowieso recht. Wer sich der Grenzen des eigenen Wissens hingegen bewusst ist, also über »kognitive Selbstreflexion« verfügt, hat mehr von seinem Hirnschmalz – auch das haben Psychologen bereits herausgefunden.
Nur eins wurde meines Wissens noch nie wissenschaftlich untersucht: Ab welchem IQ sagt man eigentlich »Pasta« zu Nudeln?
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