Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Fliegenmaden

In meiner Jugend träumte ich von einer Karriere als Heilmitteljägerin im Amazonasgebiet. Damals hatte ich eine sehr romantische Idee davon, was mich im Regenwald erwarten würde: Ich stellte mir vor, wie ich mich – topfit und in schicken Cargoshorts und Tanktop gekleidet – machetefuchtelnd durch das Unterholz schlage und dabei nach exotischen Pflanzen und fantastischen Tieren suche. Meine Spinnenphobie könnte sich dabei natürlich als Hindernis erweisen. Doch was mir die Vorstellung so richtig madig machte, waren andere Krabbeltierchen und Krankheitserreger, die sich in dem Gebiet herumtreiben. Als letzter Nagel im Sarg erwies sich die Neuwelt-Schraubenwurmfliege (Cochliomyia hominivorax).
Das Insekt legt seine Eier im Fleisch lebender Tiere ab, einschließlich dem von Menschen. Die geschlüpften Larven ernähren sich von dem Gewebe und bereiten sich darauf vor, ihre mobile Futterquelle kurz vor der Verpuppung über eine Art Furunkel zu verlassen. Wer genau hinsieht, kann die Maden mitunter dabei beobachten, wie sie unter der Haut durch von ihnen ausgehöhlte Gänge kriechen. Das erinnerte mich dann doch zu sehr an die Xenomorph-Szenarien aus der »Alien«-Filmreihe.
Dabei wusste ich damals noch gar nicht, dass die Eindringlinge nicht nur eklig und unangenehm sind. Die Fliegenmadenkrankheit (in der Fachwelt Myiasis genannt) kann mit ein wenig Pech sogar tödlich enden.
Im April 2026 erschien ein Bericht über einen 75-jährigen Mann, der infolge eines Befalls mit Maden der Neuwelt-Schraubenwurmfliege verstarb. Als er sich medizinische Hilfe suchte, war sein Bewusstsein bereits getrübt. Er hatte Schwierigkeiten beim Atmen, und die bläuliche Verfärbung seiner Extremitäten deutete auf eine Unterversorgung mit Sauerstoff hin. Den Problemherd fanden die Behandler in seinem Mundraum, aus dem ein fauler Gestank nach außen drang. Seine Unterlippe, Zunge sowie die Schleimhäute um Zahnfleisch und Gaumen wimmelten vor Maden. Nacheinander zog das medizinische Team mehr als 300 Stück aus dem befallenen Gewebe.
Diesem Einsatz zum Trotz erholte sich der Patient nicht. Um seinen Zustand zu stabilisieren, bekam er Infusionen und eine Sauerstofftherapie. Auch das führte nicht zur Besserung. Noch bevor andere Maßnahmen ergriffen werden konnten, starb der Mann – nur acht Stunden nachdem er sich Hilfe gesucht hatte. Ein Teil der Fliegenlarven war in seinen Mund-Rachen-Raum eingewandert und hatte dort seine Atmung eingeschränkt.
Ein Kopf voller Maden
Ein noch gruseligerer Fall von Myiasis ereignete sich 2025 in Brasilien. Dort kam ein älterer Mann ins Krankenhaus, weil er seit einigen Stunden neben Appetitlosigkeit und Erbrechen auch unter Fieber litt. An seiner Schädeldecke klaffte eine große Wunde – ein circa handflächengroßer Bereich seiner Kopfhaut fehlte fast vollständig, und der Knochen lag frei. Ein übel riechendes Sekret trat aus der geschädigten Stelle aus. Außerdem: Larven. Unzählige Fliegenmaden tummelten sich in dem Areal und knabberten an dem umliegenden Gewebe. Es waren so viele, dass den Ärztinnen und Ärzten das Loch in seinem Schädel erst auffiel, als sie einen Großteil der Tiere entfernt hatten. Per Computertomografie-Scan wiesen sie nach, dass der Schädelknochen sich zum Teil aufgelöst hatte und das Gehirn nur noch von einer dünnen Membran geschützt wurde.
Sie operierten den Mann, extrahierten totes und absterbendes Gewebe, reinigten die Wunde und verbanden sie steril. Doch der Patient erholte sich nicht. Im Gegenteil, sein Zustand verschlechterte sich weiter. Etwa eine Woche nach der OP zeigte ein erneuter Kopf-Scan, dass Teile seines Gehirns abgestorben waren. Einige Maden waren in seinen Schädel eingedrungen und hatten begonnen, sich von dem Gewebe zu ernähren. Trotz nochmaligen Eingriffs, bei dem das Team alle betroffenen Areale inklusive der Eindringlinge entfernte, erwiesen sich die Verletzungen als zu schwerwiegend. Der Brasilianer starb etwa zwei Wochen später.
Diesem traurigen Verlauf lag eine besondere Kombination von Faktoren zugrunde. Der Patient hatte schon länger unbemerkt an einem Plattenepithelkarzinom – einer recht häufig vorkommenden Art Hautkrebs – gelitten. Auf seinem Schädeldach hatte sich deshalb eine Geschwulst gebildet. Diese hat wohl seine Hautbarriere geschwächt und einer Fliege der Art Cochliomyia hominivorax eine Eintrittspforte geboten, in die sie ihre Eier ablegen konnte. Während die Larven heranwuchsen, griff der Tumor auch den Knochen an, der sich in der Folge teilweise auflöste. Über den gesamten Prozess wurde die Wunde am Scheitel des Mannes immer größer und infizierte sich mit einem Bakterium. Als er sich nach einer monatelangen Verschlechterung endlich ärztlichen Rat suchte, war es zu spät. Diese Verkettung ermöglichte es den Larven, bis in das eigentlich gut geschützte Gehirn vorzudringen.
Die Eier in die Wunde legen
Ähnliche Fälle sind entsprechend rar. Die Fachleute, die an der Behandlung des Patienten mitgewirkt hatten, identifizierten insgesamt 20, von denen neun tödlich endeten. Viele davon gehen auf Neuwelt-Schraubenfliegen zurück. Sie waren allerdings nicht die einzige Art, die schwere Schäden angerichtet hatte. Auch Fleischfliegen, Dasselfliegen und Stubenfliegen finden sich auf der Liste. Normalerweise legen sie ihre Eier in Kot, Aas oder irgendwo in der Umwelt ab. Jedoch nicht ausschließlich, wie die wissenschaftliche Literatur eindrücklich zeigt.
Für Cochliomyia hominivorax ist die Eiablage in lebende Tiere hingegen der Standard. Anders als viele ihrer Verwandten ernähren sich die Larven nicht primär von abgestorbenem, sondern von gesundem, lebendem Gewebe. Das gilt auch für die Altwelt-Schraubenwurmfliege, die in den asiatischen und afrikanischen Tropen und Subtropen lebt. Andere Fliegenarten verwechseln übel riechende Wunden gegebenenfalls mit ihren bevorzugten Kadavern oder sie legen ihre Eier anderswo ab, und die Larven graben sich erst nach Kontakt mit der Haut in den Körper. Die recht wuchtigen Maden der afrikanischen Spezies Auchmeromyia senegalensis krabbeln sogar nachts auf Menschen und saugen ihnen Blut aus, um sich dann wieder zu verkriechen. Falls Sie im Oktober eine Idee für ein Halloween-Kostüm suchen, wäre dieser tierische Dracula vielleicht ein spannender Kandidat.
Insgesamt besteht bei normaler Hygiene und Wundversorgung nur sehr wenig Grund zur Sorge, einer Invasion von Fliegenlarven zum Opfer zu fallen. In Gebieten, in denen Cochliomyia hominivorax vorkommt, sollte man besonders im Freien jedwede offene Hautstelle bedecken. Auch in nicht fliegensicher verschlossenen Innenräumen ist es ratsam, Wunden zu verbinden.
Trotz des geringen Risikos einer Fliegenmadenkrankheit finde ich es nicht abwegig, den surrenden Plagegeistern zunächst prinzipiell zu misstrauen. Denn wenngleich nur wenige ihre Eier auf oder in uns legen würden, sind sie noch aus einem anderen Grund unappetitlich: Viele hüpfen liebend gern in Abfall und an sonstigen ekligen Orten herum und werden so zu fliegenden Keimschleudern. Und ihre Fracht – bestehend aus Viren, Bakterien und Parasiten – macht so täglich sicherlich mehr Menschen krank, als Maden der Schraubenwurmfliegen jemals umgebracht haben könnten.
- Steckbrief: Fliegenmadenkrankheit© USDA / John Kucharski (Ausschnitt)Fette Schraubenwurmfliegenmade |
Nicht nur das Dracula-Gebiss ist an dieser Fliegenlarve gruselig – was sie im Körper von Menschen anrichten kann, ist ebenfalls horrorfilmwürdig.
Auslöser: unter anderem die Neuwelt-Schraubenwurmfliege (Cochliomyia hominivorax)
Vorkommen: in tropischen bis subtropischen Teilen Amerikas
Ansteckung: Eine weibliche Fliege legt bis zu 300 Eier direkt in Körperöffnungen einer Person, vor allem in Wunden. Der Nacken- und Kopfbereich ist im Schnitt häufiger befallen als andere Areale. Neben offenen Hautstellen dienen auch die Mund- und Nasenschleimhaut sowie Ohren und Augen als Eintrittspforten.
Krankheitsverlauf: Die Larven schlüpfen nach 12 bis 24 Stunden und graben sich im Anschluss tiefer in das Fleisch. Sie ernähren sich von lebendem Gewebe und Körperflüssigkeiten. Innerhalb durchschnittlich einer Woche durchlaufen sie mehrere Larvenstadien und verlassen dann als verpuppungsfähige Made ihr Versteck. Der gesamte Prozess wird in der Regel von Schmerzen an der befallenen Stelle begleitet. Manchmal sehen oder spüren Betroffene auch, wie sich die Maden unter ihrer Haut bewegen. Ein fauliger Gestank sowie Blut oder Wundflüssigkeit, die aus der Eintrittswunde dringen, sind charakteristisch für die Fliegenmadenkrankheit. Je nach Ort des Befalls können zusätzliche Beschwerden auftreten. Außerdem sind sekundäre Infekte mit Bakterien möglich, die weitere Symptome nach sich ziehen.
Häufigkeit: Allein im ersten Halbjahr 2026 gab es in Zentralamerika und Mexiko um die 2000 nachgewiesene Fälle bei Menschen, von denen allerdings nur ein Bruchteil lebensbedrohlich war. Es wird befürchtet, dass die Krankheit sich auch wieder in den subtropischen Gebieten der Vereinigten Staaten ausbreiten könnte.
Behandlung: operative Entfernung der Maden, eine sterile Versorgung der Wunde sowie gegebenenfalls Antibiotikagaben bei bakteriellen Sekundärinfekten
Besonderheiten: Das Verbreitungsgebiet von Cochliomyia hominivorax wurde ab den 1950er-Jahren durch die Freilassung von Milliarden steriler Fliegen immer weiter in den Süden zurückgedrängt. Nach einer über Dekaden andauernden Ausrottungskampagne waren die Neuwelt-Schraubenwurmfliegen 1991 vollständig aus den USA und Mexiko verschwunden. In den zentralamerikanischen Staaten waren sie noch bis 2001 heimisch. Erst in den vergangenen Jahren drangen sie wieder bis nach Nordamerika vor.
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