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Trumps Impfstoffkommission: Jetzt schon zum Gegenschlag ausholen

Trumps geplante Kommission erlaubt Impfgegnern ihre vielfach widerlegten Spekulationen aufzuwärmen - und verleiht ihnen sogar Legitimität. Das darf nicht unwidersprochen bleiben.
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Kritiker bezeichnen Donald Trump als unberechenbar. "Was wird er wohl als Nächstes tun?" ist zur beliebten Frage in Diskussionen um amerikanische Politik geworden. Dabei ist Trumps Handeln oft vollkommen vorhersehbar – die Schwierigkeit liegt nur darin, es zu verstehen.

Ein Paradebeispiel dafür liefert der Umweltanwalt Robert F. Kennedy jr. Er teilte vergangene Woche mit, Präsident Trump plane eine Kommission zur Untersuchung von "Impfstoffsicherheit und wissenschaftlicher Integrität" mit ihm, Kennedy, als Vorsitzendem. Trumps Mitarbeiterstab hat zwischenzeitlich erklärt, es gebe keine konkreten Pläne in dieser Sache. (Kennedy bezog sich allerdings in einem Interview auf ein persönliches Treffen mit Trump, Anm. d. Red.).

Kennedy ist bekannt dafür, seit Jahren öffentlich über einen Zusammenhang zu spekulieren, der angeblich zwischen einem Konservierungsmittel, das in einigen Impfstoffen zur Immunisierung von Kindern enthalten ist, und dem Auftreten von Störungen des autistischen Spektrums besteht – trotz zahlreicher Beweise des Gegenteils.

Dass Trump dieser leidigen und inzwischen diskreditierten Anti-Impf-Bewegung nahesteht, ist kein Geheimnis. Via Twitter und in öffentlichen Diskussionen hat er deren Warnungen vor der vermeintlichen Verbindung von Impfungen und Autismus weiterverbreitet. Auch gab es bereits ein Treffen mit entsprechend gesinnten Aktivisten, wie Andrew Wakefield, einem Mitbegründer des "Anti-Vaxxer"-Kreuzzugs, der wegen beruflichen Fehlverhaltens inzwischen in Großbritannien nicht mehr als Arzt praktizieren darf.

Wie kann man alle Belege ignorieren?

Schaut man sich an, welchen Menschen Trump sein Ohr leiht, kann die Idee einer Impfkommission unter dem Vorsitz Kennedys eigentlich nicht mehr überraschen. Aber es fällt eben sehr schwer zu begreifen, wie jemand in seiner Position, der uneingeschränkten Zugriff auf die weltweit besten Ressourcen zum Thema Impfsicherheit hat, sich bewusst dafür entscheidet, all das zu ignorieren: die wissenschaftlichen Untersuchungen, die Kommissionen, die Forscher, die ihr Leben lang an der Entwicklung von Impfstoffen gearbeitet haben.

Wozu soll es gut sein, alte Spekulationen neu zu untersuchen, die bereits umfassend und gründlich widerlegt wurden? Wozu, außer um am Ende irgendwie ein anderes Ergebnis herbeizuführen?

Das ist Geld- und Ressourcenverschwendung. Und weitaus frustrierender: Es leistet einer Anti-Impf-Bewegung Vorschub, die Kinder und ältere Menschen einer Gefährdung aussetzt.

Trump dürfte wohl bekannt sein, dass es bereits eine staatliche Kommission gibt, die die Sicherheit von Impfstoffen bewertet. Innerhalb der US-Behörde für Seuchenschutz und Prävention (Centers for Disease Control and Prevention, kurz CDC) gibt es einen beratenden Ausschuss für Impffragen, der der Regierung Bericht erstattet. Impfstoffe werden auch von der US Food and Drug Administration, der amerikanischen Lebens- und Arzneimittelbehörde, reguliert und kontrolliert. Gerade bei Impfstoffen, die ja bei gesunden Kindern angewendet werden sollen, wird in puncto Sicherheit und Verträglichkeit besonders streng verfahren.

Und dass Impfstoffe keineswegs das Risiko einer Autismus-Erkrankung erhöhen, ist inzwischen mehrfach eindeutig belegt. Bei einer im Jahr 2015 an mehr als 95 000 Kindern durchgeführten Studie ließ sich kein Zusammenhang zwischen der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln und einem gesteigerten Autismus-Risiko feststellen – auch nicht bei Kindern, die entsprechend familiär vorbelastet waren.

Kritisierter Konservierungsstoff ist nicht einmal mehr enthalten

Was das von Kennedy vorgebrachte Argument gegen Konservierungsmittel in Impfstoffen angeht, hat das CDC wiederholt versucht, einen Zusammenhang zwischen dem betreffenden Konservierungsstoff Thimerosal und Autismus herzustellen – und zwar vergeblich. Das Institute of Medicine, eine amerikanische Nichtregierungsorganisation, die mittlerweile in National Academy of Medicine umbenannt wurde, erklärte 2004, eine Literaturdurchsicht zu diesem Thema habe ebenfalls keine derartige Verbindung nachweisen können.

Hinzu kommt, dass diese Debatte in den USA ohnehin irrelevant geworden ist, denn als Vorsichtsmaßnahme hat man im Jahr 2001 begonnen, Thimerosal aus den meisten Impfstoffen, die Kindern landesweit verabreicht werden, zu entfernen. Die Zahl der Autismus-Diagnosen veränderte sich dadurch nicht.

Was allerdings bewiesenermaßen Schäden verursacht, sind genau solche Fehlinformationen, deren Verbreitung Trump unterstützt. In den USA hat es bereits eine Reihe vermeidbarer Krankheitsepidemien gegeben. 2014 infizierten sich 667 Personen mit Masern, hauptsächlich jene, die nicht geimpft waren. Solche Epidemien kosten Geld: Im Jahr 2011 bescherten 16 Masernausbrüche, bei denen 107 Menschen erkrankten, dem öffentlichen Gesundheitswesen der USA Kosten in Höhe von 5,3 Millionen US-Dollar.

Tief durchatmen und erneut ins Getümmel

Sollte Trump seine Impfkommission tatsächlich auf den Weg bringen, würde das den Widerstand gegen das Impfen von Kindern ein Stück weit legitimieren. Gleichzeitig untergräbt ein solcher Plan die Bemühungen von Bundestaaten wie Texas oder Michigan, ihre Impfanforderungen für Schulkinder noch auszuweiten.

In ihrer Reaktion auf die Ankündigung der Impfkommission hat die American Medical Association, die größte Standesvertretung der Ärzte in den USA, erneut die Sicherheit von Impfstoffen bekräftigt. Die American Academy of Pediatrics, eine Berufsvereinigung amerikanischer Kinderärzte, erklärte, sie freue sich über eine Gelegenheit, mit Trump über Impfsicherheit zu diskutieren.

Für all jene Wissenschaftler, Ärzte und Experten, die in den letzten Jahren gegen die Verbreitung falscher Informationen über Impfstoffe gekämpft haben, heißt es jetzt: tief durchatmen und sich erneut ins Getümmel stürzen.

Es gibt keinen Grund, darauf zu warten, dass diese Kommission offiziell angekündigt wird. Es ist auch nicht nötig, ihre Ergebnisse abzuwarten, und man darf nicht überrascht sein, wenn sie der Wissenschaft wenig Beachtung schenkt oder sogar Forscher angreift, die sich für Impfungen aussprechen. Denn wer heute noch behaupten will, es gebe eine Verbindung zwischen Impfstoffen und Autismus, der muss die wissenschaftlichen Beweise und häufig auch die Wissenschaftler, die diese erbracht haben, in Misskredit bringen. Kennedys Hinweis auf die Untersuchung von Impfstoffsicherheit und "wissenschaftlicher Integrität" ist mehr als Warnung genug vor dem, was noch kommen wird. Die Wissenschaft sollte noch vorher zum Gegenschlag ausholen. Es geht um Menschenleben.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Trump's vaccine-commission idea is biased and dangerous" als Editorial bei "Nature".

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