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Polarforschung: Keine Vergnügungsfahrt in die Antarktis

Das Forschungsschiff Akademik Shokalskiy von Chris Turney blieb zwar im Packeis des Südpolarmeers stecken – wissenschaftlich war die Reise indes allemal gerechtfertigt, meint der Expeditionsleiter.
AntarktisLaden...

Jetzt gerade – in Sicherheit, in einer molligen Kabine des australischen Eisbrechers "Aurora Australis", inmitten aller Kollegen und Freunde und auf dem Weg zurück in die Zivilisation –, jetzt meine ich, dass eine bemerkenswerte Reise hinter uns liegt.

In den vergangenen sechs Monaten hatten mein Kollege Chris Fogwill und ich auf dem russischen Eisbrecher Akademik Shokalskiy eine Gruppe von Forschern, Wissenschaftskommunikatoren und Freiwilligen von den subarktischen Inseln Neuseelands bis zum Ostantarktischen Eisschild geleitet. Ziel der Reise waren verschiedenste Projekte in den abgelegenen Weiten der Region, um die Rolle der Antarktis im globalen Ökosystem besser verstehen zu lernen. Außerdem wollten wir die Erkenntnisse möglichst zeitnah in die Öffentlichkeit tragen. Leider ist dieses Interesse aber erst richtig erwacht, als wir im Eis festsaßen und gerettet werden mussten.

Willkommen in der Realität der Polarforschung! Sie stellt hohe Anforderungen: Fast jede Saison werden Schiffe vom Eis eingeschlossen, verlieren Crews den Kontakt mit der Basis oder stürzen Flugzeuge tragisch ab. Alle Unterzeichner von Antarktisverträgen wissen, dass jede wissenschaftliche Expedition auch jeder anderen zugutekommt; demzufolge helfen die staatlichen und privaten Schiffe vor Ort auch immer einander.

Was ist auf der Shokalskiy schiefgegangen? Anders als mancherorts berichtet, fror das Schiff nie ganz fest, stattdessen blockierten von starken Winden verdriftete Treibeisbarrieren es zeitweise. Am wichtigsten ist zunächst natürlich, dass für die Crew und unser Team keinerlei Gefahr mehr besteht – wir alle sind für die internationalen Hilfsbemühungen überaus dankbar. Aber hätten wir irgendwie dafür sorgen können, dass sie nicht nötig gewesen wären?

Satellitendaten hatten vor unserer Ankunft in der Commonwealth-Bucht freies Wasser voraus gemeldet, und dies schien auch schon länger so gewesen zu sein. Als die Shokalskiy dann von ihrem Ankerplatz abfahrbereit war, fanden wir uns von einem Eiswall umgeben, dessen Massen sich über mehrere Jahre angesammelt haben müssen, bevor sie schließlich abbrachen. Das ist ein außergewöhnlicher Vorfall: Unser Schiff schwamm nun zwischen drei Meter starken Seeeisblöcken, die offensichtlich vom anderen Ende des Mertz-Gletschers herantrieben. Trotz aller Bemühungen unseres Kapitäns konnten wir nun keine Fahrrinne mehr finden, was zutiefst frustrierend war: Das Eis hatte uns nur gerade einmal 2 bis 4 Seemeilen (3,7 bis 7,4 Kilometer) von der Grenze der Eisfelds entfernt erwischt. Dann bliesen uns heftige Böen aus Nordwest innerhalb von zwei Tagen 20 Seemeilen in die falsche Richtung.

Der Extremcharakter der Wetterlage wird gut durch das Schicksal des chinesischen Eisbrechers "Schneedrache" illustriert, der eigentlich zu unserer Rettung kommen sollte: Im Augenblick, in dem ich dies schrieb, steckte er ebenfalls fest und wartete seinerseits auf das noch größere US-Schiff "Polar Star", das einen Weg ins offene Wasser freibrechen sollte.

Nachdem die Nachricht unseres Missgeschicks um die Welt ging, war ich von der Heftigkeit überrascht, mit der Kritik auf unsere Forschungsexpedition einprasselte. Wir hatten alles andere als eine lustige Kreuzfahrt geplant: Die wissenschaftliche Vorbereitung hatte zwei Jahre gedauert, das Programm war vom Umweltministerium Neuseelands genauso abgesegnet wie vom Parks and Wildlife Service Tasmaniens und von der Antarktisbehörde Australiens.

In der von uns angesteuerten Region warten ungeklärte wissenschaftliche Fragen. So beeinflusst etwa eine südwärtige Verlagerung von Westwinden den antarktischen Zirkumpolarstrom, wodurch sich zeitweilig das Aufsteigen von zirkumpolarem Tiefenwasser auf den antarktischen Schelf verstärkt. Gleichzeitig sammeln sich überschüssige Mengen von Meereis in der Commonwealth-Bucht, nachdem 2010 der Eisberg "B09B" mit einem Ausläufer des Mertz-Gletschers kollidierte und ihn dabei zersplittert hat. Gleich nebenan liegt die Mertz-Polynya: ein von Eis umschlossener offener Wasserarm, aus dem sich der Löwenanteil des Antarktischen Bodenwassers speist. Wir hatten vorgehabt, hier Daten zu sammeln, um den Einfluss beider Ereignisse auf Strömungen, Ozean, Biodiversität und Eisstabilität des ostantarktischen Schildes einschätzen zu können.

Nie zuvor hat sich eine wissenschaftliche Expedition aus einer derart abgelegenen Region live an ein vergleichbar großes Publikum gerichtet. Eben diese Einbeziehung der Öffentlichkeit war von Anfang an unser Ziel gewesen. Und lange bevor wir dann in Schwierigkeiten geraten sind, haben wir online tägliche Wasserstandsmeldungen veröffentlicht – über unsere wissenschaftlichen Bemühungen, das Bordleben oder das Forschungsgebiet. In den letzten Wochen haben wir das angereichert mit beruhigenden Bulletins über unsere Wohlbefinden für die Daheimgebliebenen. Und mit immer mehr Radio- und TV-Auftritten stieg dann auch das Interesse am wissenschaftlichen Hintergrund unserer Reise. Mehr und mehr Menschen haben sich für unsere Fortschritte interessiert, wie die Zugriffszahlen auf unsere Expeditionswebseite belegen. In den letzten sechs Wochen hatte "www.spiritofmawson.com" 60 000 Besucher zu verzeichnen und viele Besucher auf unsere Social-Media-Kanäle geführt.

Einige der von uns durchgeführten Beobachtungsreihen waren noch nie zuvor gemacht worden – etwa die ins Detail gehende ökologische Untersuchung der marinen und terrestrischen Fauna, die glazialen Rekonstruktionen oder die hochauflösenden, paläoklimatischen Analysen mit Hilfe von Baumringen, Torf und Meeresbodenproben der subantarktischen Inselwelt. Geleitet von Echtzeitsatellitendaten konnten wir ein Experiment über die Konvergenzzone hinweg durchführen – die natürliche Grenze zwischen den kalten antarktischen und den wärmeren subantarktischen Gewässern. Mit Treibbojen und Argo-Flößen (Letztere messen Salzgehalt und Temperatur) gelang uns eine bis dato einzigartige Momentaufnahme der Bedingungen an dieser wichtiger Grenzlinie.

Nach Ankunft in der Commonwealth Bucht überquerten wir etwa 65 Seemeilen Meereis, um mit Forschern und Wissenschaftshistorikern zum Ort der geschichtsträchtigen Basis von Douglas Mawson zu gelangen – der Polarforscher und Entdecker hatte sie vor einem Jahrhundert angelegt. Wir kundschafteten eine mögliche Luftlandepiste für kommende Besuche aus, warteten die automatische Wetterstation und erhoben GPS-Daten, an denen gleichermaßen die Hebung von Landmarken wie das Zurückweichen des Eisschilds zukünftig gemessen werden kann.

Die Aktion zu unserer Rettung hat Schaden angerichtet – immerhin aber haben wir erleichtert zur Kenntnis genommen, dass die Aurora Australis ihre geplante nächste Reise von Hobart aus ohne Verzögerung wird antreten können, zum Glück. Am Ende sollte man den Erfolg unserer Expedition an der Qualität unserer Forschung messen – wie es von Anfang an geplant gewesen war. Die bei der Forschungsreise geweckte enorme Anteilnahme an einem wissenschaftlichen Projekt ist dabei ein Bonus.


Der Artikel erscheint unter dem Orginaltitel "This was no Antartic pleasure cruise" in "Nature".
2. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 2. KW 2014

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