Vorsicht, Denkfalle!: Irritation unerwünscht

Schön, dass Sie da sind! Toll, dass Sie sich für meine Kolumne interessieren! Was ich Ihnen heute ans Herz legen möchte – wenn Sie erlauben –, ist so etwas wie die neueste Reinkarnation einer alten Weisheit: Wir wollen oft das, was uns auf lange Sicht nicht glücklich macht. Nur bilden wir uns gerne das Gegenteil ein.
Wünscht sich nicht jeder jemanden, der immer da ist? Der stets ein offenes Ohr hat und uns bestärkt, egal worum es geht? Der nie genervt mit den Augen rollt oder abwinkt, wenn wir mies drauf sind oder Unfug reden? Jemanden, der uns weder mit konträren Ansichten noch Ansprüchen konfrontiert? Den ultimative Safe Space?
Genau so ist – der Chatbot! Immer verständnisvoll und zugewandt, ein KI gewordener Traum. Das kann allerdings zum Problem werden. Denn ein konsequent bestärkender Algorithmus bestärkt uns eben auch in dem, was wir besser nicht denken, fühlen oder wollen sollten.
Beziehungsprobleme mit der KI besprechen?
In einem Experiment eines Teams um Myra Cheng von der Stanford University besprachen mehr als 1600 Teilnehmende ihre privaten Partnerschaftsprobleme wahlweise mit einer KI oder mit einer realen Person. Nach dem KI-Chat waren die Probanden öfter davon überzeugt, im Recht zu sein, und zeigten weniger Bereitschaft, die Beziehung zu kitten.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
- Der action effect
Mehr noch: Laut anderen Arbeiten von Cyberpsychologen kann der Austausch mit KI paranoide oder wahnhafte Symptome fördern. Es sollen sich schon Menschen suizidiert haben, nachdem ihnen ein Chatbot darlegte, dass ihre negative Selbstsicht durchaus nachvollziehbar sei. Eine merkwürdige Art von Zuspruch ist das!
Der Faktor »Du kriegst mehr von dem zurück, was du reingibst« (im Englischen oft salopp »trash in, trash out« genannt) schlägt bei der KI wohl deshalb stärker durch, weil diese, im Unterschied zu Menschen, nicht auf Erfahrungen zurückgreift, die sie mit uns teilt. Ein Chatbot hat keine Erfahrungen, sondern reproduziert wahrscheinlichkeitsbasiert freundliche – das heißt meist bestärkende – Worte. Was ihre Nutzer freilich oft als »empathisch« (miss)verstehen, wie vorläufige Resultate eines Teams um Mahnaz Roshanaei ebenfalls von der Stanford University nahelegen.
Kritik – lästig, aber notwendig
Macht uns die Interaktion mit Chatbots folglich noch egozentrischer, als wir eh schon sind? Lässt sie uns schneller Reißaus nehmen, wenn uns jemand nicht lobt, sondern widerspricht? Zumindest dürfte der rege Umgang mit KI nicht gerade geübter darin machen, mit Kritik umzugehen.
An dieser Stelle sei eines ausdrücklich betont: Niemand will die Uhr zurückdrehen. In der Vor-KI-Zeit war nicht alles besser. Aber die eigene Sicht zu hinterfragen oder nicht für jeden, mit Verlaub, Pups gleich ein »Hey du, finde ich total gut« zu ernten, scheint heute wertvoller denn je zu sein. Ich meine, mehr Offenheit für Widerspruch bringt uns auf lange Sicht weiter, als Zumutungen zu meiden. Auch wenn sich die erst mal blöd anfühlen.
Vielleicht erklären uns ja die KI-Modelle der Zukunft, dass Nähe und Intimität nicht ohne Irritation zu haben sind. Dass wir die Unverfügbarkeit und das Augenrollen der anderen brauchen, um daran zu wachsen. Dann würde ich meiner eigensinnigen KI lobend auf die nicht vorhandenen Schultern klopfen: »Toll, wie recht du wieder hast.«
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