Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte, als die Mode den Vogel abschoss

Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.
Als ein britischer Passagierdampfer der White Star Line auf seiner Jungfernfahrt am 14. April 1912 gegen 23:40 Uhr im Nordatlantik einen Eisberg rammte, dauerte es keine drei Stunden, bis das Schiff auseinanderbrach und im Meer verschwand. Der Untergang der »Titanic« zählt zu den bekanntesten Schiffskatastrophen der Geschichte. Mehr als 1500 Menschen verloren bei dem Unglück ihr Leben.
Dabei hieß es damals, die »Titanic« sei unsinkbar, war sie doch ein Dampfer der Superlative: Wie ihre Schwester, die »Olympic«, galt sie als das größte Schiff der Welt. Dementsprechend hatte sie gewaltige Mengen Fracht an Bord, die mit ihr fast 4000 Meter auf den Grund des Ozeans sanken. Dazu gehörten etwa 70 Tonnen Fleisch und Fisch, 40 Tonnen Kartoffeln, 7000 Tonnen Kohle für die Kessel und mehrere Tausend Postsäcke. Im Frachtraum befanden sich aber auch ungewöhnliche Dinge, zum Beispiel ein Auto: Der Amerikaner William E. Carter (1875–1940) wollte seinen Renault CB Coupé de Ville mit 25 PS auf diesem Weg in die USA überführen.
Das einzige Auto auf der »Titanic« war allerdings nicht das teuerste Transportgut: Für das Ölgemälde »La Circassienne au Bain« von Merry-Joseph Blondel aus dem Jahr 1814 reichte der schwedische Geschäftsmann Hokan B. Steffanson (1883–1962), der den Untergang in einem von vier Faltbooten überlebte, eine Entschädigungsklage von mehr als 100 000 US-Dollar ein.
Leicht, aber schwer teuer: Federn auf der »Titanic«
Doch das Gemälde gilt vielleicht zu Unrecht als das wertvollste Frachtobjekt. Denn an Bord der »Titanic« befanden sich über 40 Kisten mit Federn, darunter zwölf Kisten mit Straußenfedern für Hutmacherläden in New York City. Federn zählten um 1912 zu den teuersten Waren auf dem Weltmarkt, als sich der globale Handel mit dem Vogelkleid auf seinem Höhepunkt befand, schreibt der Biologe Thor Hanson in seinem Buch »Federn: Ein Wunderwerk der Natur«.
Der enorme Bedarf kam aus der Hutmode – vor allem pompös gestaltete Damenhüte waren gefragt. Seit dem 17. Jahrhundert steckten Federn in Kopfbedeckungen. Doch Ende des 19. Jahrhunderts erreichte der Trend, Hüte großflächig mit Federn zu verzieren, in Europa und den USA seine Spitze.
Die Nutzung von Gefieder, insbesondere Straußenfedern, war nicht neu. Schon vor Jahrtausenden schrieben die alten Ägypter eine Hieroglyphe, die vermutlich eine Straußenfeder darstellte. Und die Schweizer Garde im Vatikan ziert ihre Helme seit Jahrhunderten mit unterschiedlich gefärbten Straußenfedern. Während der Belle Époque schnellte die Nachfrage jedoch in ungekannte Höhen.
Straußenfedern, eine perfekte Symmetrie
Die flugunfähigen Strauße sind faszinierende Tiere. Unter allen Vögeln haben sie den größten Körper, sie legen die größten Eier und haben besondere Federn. Wie bei anderen Vögeln bestehen diese aus Keratin, sind leicht, weich und stabil. Aber vermutlich, weil die Tiere sie nicht zum Fliegen brauchten, bildeten sich bei ihnen prachtvolle Schmuck- und Signalfedern heraus. Mit einer Besonderheit: Die Federäste sind auf beiden Seiten des Schafts gleich lang, also symmetrisch angeordnet.
Lange Zeit waren Straußenfedern ein absolutes Luxusgut. Das änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das aufstrebende Bürgertum wollte an der neuesten Mode teilhaben und konnte sich diesen Wunsch auch zunehmend leisten. Und so entstand ein globaler Federmarkt – nicht nur mit Straußenfedern, ebenso wurden Schmuckfedern von allerlei Wildvögeln angeboten.
Um das Ausmaß zu verdeutlichen: Frank Chapman (1864–1945), ein bekannter Vertreter der frühen Artenschutzbewegung, machte sich an zwei Februartagen im Jahr 1886 auf den Weg, um in New York Vögel zu beobachten. Aber nicht am Himmel, sondern auf den Köpfen der Frauen in einem Einkaufsviertel in Manhattan. Er zählte 542 Hüte mit Federn, ganzen Flügeln oder komplett präparierten Vögeln von 174 verschiedenen Vogelarten.
Jagd auf Vögel für die Mode
Die Hutmode hatte Folgen: Es wurde immer mehr Jagd auf die Tiere gemacht – und schon bald galt der Strauß (Struthio camelus) in vielen Gebieten Afrikas als ausgerottet. Zuvor war der Rothalsstrauß, eine Unterart (Struthio camelus camelus), in Nordafrika weitverbreitet. Nördlich der Sahara existierten jedoch binnen Kurzem keine Exemplare mehr. Ein Schicksal, das im 19. Jahrhundert auch dem Südafrikanischen Strauß (Struthio camelus australis) drohte. Dort begann man allerdings die Tiere auf Farmen zu züchten, statt sie zu jagen. Die erste Straußenfarm in Südafrika entstand 1838. Der Vorteil war, dass bei der Lese die (nachwachsenden) Federn gerupft werden konnten, ohne die Tiere zu töten.
Der Federboom sorgte dafür, dass das Gefieder der Strauße nach Gold und Diamanten zum wichtigsten Exportgut Südafrikas wurde. Das Land dominierte um 1900 den Weltmarkt, wie ein Bericht über den »Verbrauch von Straussenfedern« aus dem Jahr 1912 verdeutlicht: »Leider ist der wilde Strauss schon so dezimiert, dass die Federausbeute nur noch gering ist. Wie in Berlin und Wien, so wird auch in Paris als Hauptmasse das gezüchtete Material aus Südafrika benutzt.«
Doch nicht nur massenhaft Strauße wurden für die Hutmode getötet. Manche Arten wie den Schneesichler (Eudocimus albus), Silber- (Ardea alba) oder Seidenreiher (Egretta garzetta) bejagte man derart stark, dass ihre Bestände teilweise um mehr als 90 Prozent einbrachen. Als Harriet Hemenway (1858–1960), eine angesehene Frau aus der Bostoner Gesellschaft, die gern üppig geschmückte Federhüte trug, einen Bericht über das grausame Vorgehen der Jäger las, berichtete sie davon empört ihrer Cousine Minna Hall (1859–1951). Beide begannen nun, sich für den Vogelschutz zu engagieren, organisierten Veranstaltungen, klärten über den Federhandel auf und riefen zum Federboykott auf. 1896 gründeten sie die Massachusetts Audubon Society, auf deren Drängen 1897 der Handel mit Wildvogelfedern in Massachusetts verboten wurde.
Die ersten Gesetze für den Artenschutz
Parallel dazu entstand die National Audubon Society, für die sich der bereits genannte Frank Chapman engagierte. Mit seinen Veröffentlichungen trug er dazu bei, den Silber- und den Schmuckreiher (Egretta thula) vor der Ausrottung zu bewahren, deren Federn auf den Hutmärkten hohe Preise erzielten. Der Protest zeigte Wirkung: Der Kampf um das Federverbot war eine der ersten Umwelt- und Naturschutzbewegungen in den USA, denen die gesetzliche Verankerung des Artenschutzes gelang.
Der »Migratory Bird Treaty Act« von 1918 war ein echter Meilenstein: Das Gesetz verbot ohne Ausnahme das Verfolgen, Jagen, Fangen, Töten oder Verkaufen von fast 1100 Vogelarten. Dabei unterschied das Gesetz nicht zwischen lebenden und toten Vögeln, und es betraf alle Partien der Tiere, einschließlich Federn, Eiern und Nestern. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wurde damit ein landesweiter Vogelschutz in den USA umgesetzt, dem sich auch zahlreiche Staaten in Europa anschlossen. Wer heute beim Wandern – egal, ob in den USA oder Deutschland – eine Vogelfeder findet, sollte sie lieber liegenlassen. Denn ohne eine behördliche Genehmigung dürfen Federn von Wildvögeln nicht gesammelt werden.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs brach der gesamte internationale Federhandel zusammen. Es war das Ende des Federbooms. Und zwar das endgültige Ende. Auch nach dem Krieg entstand nie wieder ein vergleichbarer Bedarf. Die Vogelfedern verschwanden aus der Hutmode. Federhändler, Straußenfarmer und Hutmacher gingen reihenweise bankrott. Und so ist es heute unvorstellbar, in einer Fußgängerzone mehr Vogelarten zu entdecken als im Zoo.
Schreiben Sie uns!
1 Beitrag anzeigen