Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte der privaten Raumfahrt made in Germany

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Am 17. Mai 1977 um 10.15 Uhr startete in Zaire eine Rakete in den strahlend blauen Himmel. Sie war zwölf Meter lang und stieg mehr als zehn Kilometer auf. Nachdem der Krach der Triebwerke verklungen war, brandeten Jubelschreie der Raketenbauer auf. Schon bald wollte man die ersten Satelliten in den Erdorbit schicken und die Raumfahrt revolutionieren. Was die Ingenieure da noch nicht ahnten: Auf den Jubel folgte bittere Enttäuschung – an der Technik lag es aber nicht.
Dass in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, Ende der 1970er-Jahre Raketen starteten, ging zurück auf Lutz Kayser. Er wurde 1939 in Stuttgart geboren und war schon als Kind von Raketen begeistert. Als 17-Jähriger stieß er an der Universität seiner Heimatstadt auf die Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt. Später begann er dort Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren.
Nach dem Studium gründete Kayser 1970 die Technologieforschungs GmbH – mit dem Ziel, Raketentriebwerke zu bauen. Sein Unternehmen wurde durch das bundesdeutsche Forschungsministerium staatlich gefördert. Auch die ersten Tests verliefen vielversprechend. Doch bald war Schluss mit der staatlichen Unterstützung. Die Bundesrepublik beteiligte sich ab 1974 lieber an der Gründung der European Space Agency (ESA) und der europäischen Trägerrakete Ariane.
Kayser suchte nach Alternativen. Dabei entwickelte er den kühnen Plan, nicht länger von staatlicher Förderung abhängig zu sein, sondern ein privates Raumfahrtunternehmen zu schaffen: eines, das nicht nur Flugkörper entwickelte und baute, sondern auch Betreiber sein sollte. Und im Gründungsjahr der ESA stellte Kayser die Orbital Transport- und Raketen AG vor, kurz OTRAG.
Raketen als Baukastensystem
Was hatte es mit den OTRAG-Raketen auf sich? Sie sollten nach einem Baukastensystem konstruiert werden: Bündelraketen, die sich aus Standardbauteilen modular zusammenfügen ließen und deren Komponenten in Serie produziert werden konnten. Common Rocket Propulsion Unit (CRPU) – auf Deutsch »einheitliches Raketentriebwerksmodul« – hießen die Bauteile, die wenige Arbeiter in kurzer Zeit zusammenstecken konnten. Das machte die OTRAG-Rakete nach Kaysers Kalkulation deutlich günstiger als eine amerikanische Trägerrakete. Damit würden sich dann viele kleine und große Satelliten kostengünstig in die Erdumlaufbahn befördern lassen. So weit jedenfalls das Geschäftsmodell.
Um die Sache zu finanzieren, gründete Kayser eine Aktiengesellschaft und sammelte Geld von zahlreichen Investoren ein. Das war lukrativ, denn OTRAG war eine Abschreibungsgesellschaft: Verluste konnten die Investoren in der Steuererklärung geltend machen.
Die ersten Triebwerkstests verliefen gut, weshalb sich die Frage nach einer Startrampe und einem Raketentestgelände stellte. Im Idealfall sollte der Standort in der Nähe des Äquators liegen, weil dort die Geschwindigkeit der Erdrotation am höchsten ist und man in Richtung der Drehrichtung der Erde, also nach Osten, starten wollte, um Schwung aufzunehmen. Daher sollte auch das Gelände im Umfeld des Startfelds weitgehend unbewohnt sein. Auf einer Erkundungstour lernten Kayser und sein Mitgründer Frank Wukasch einen Unternehmer kennen, der Kontakte zu Zaires Diktator Mobutu Sese Seko (1930–1997) hatte. Die Firmengründer und der Unternehmer hatten sich im Vorfeld des legendären »Rumble in the Jungle« 1974 in Kinshasa getroffen, einem Boxkampf zwischen George Foreman und Muhammad Ali.
»Mit Macheten zu den Sternen«
Kayser und Wukasch sprachen im November 1975 bei Mobutu vor – und der Diktator war begeistert, ein echtes Prestigeprojekt sei das. Mobutu würde damit Zaire stellvertretend für Afrika in den Weltraum führen. Er sagte den Unternehmensgründern ein gigantisches Versuchsgelände zu, das vier Prozent des Staatsgebiets umfasste. Das OTRAG-Testgelände war damit so groß wie die DDR und kostete mehr als 60 Millionen D-Mark Pacht im Jahr. Außerdem erhielten sie weitreichende Vollmachten, etwa Schürfrechte und Zollfreiheit, und sie mussten keine Haftung für Umweltschäden befürchten. Deutsche Medien berichteten bald schon über das »Kayser-Reich«.
Dann machten sich die Gründer an die Arbeit. Mitten in einer abgelegenen Landschaft Zaires sollten ein Kontrollzentrum und eine Testrampe entstehen. Als Standort für das »German Cape Canaveral« war ein Felsplateau namens Kapani Tonneo geplant. Umgeben von Steilhängen war der Ort nahezu unzugänglich, und es gab weder eine Straßenanbindung noch eine Infrastruktur. Mit Macheten schlugen Kayser und seine Mitstreiter Schneisen in das Gelände und schafften Baumaschinen auf das Plateau. Ein absurd hoher Aufwand, wie es Aufnahmen in der Filmdoku »Fly Rocket Fly – Mit Macheten zu den Sternen« von Oliver Schwehm aus dem Jahr 2018 zeigen.
Nach mehr als einem Jahr Vorbereitungszeit war es dann so weit: Am 17. Mai 1977 startete die erste OTRAG-Rakete. Sie stieg wie geplant mehr als zehn Kilometer auf und stürzte dann zurück auf die Erde. Es war eine Sensation: Satelliten ins All schießen, das konnten zu diesem Zeitpunkt nur wenige Großmächte. Und Kayser? Der pries OTRAG als Dienstleistungsunternehmen, das in Zukunft allen Staaten die Möglichkeit bieten würde, Satelliten ins All zu bringen.
Diplomatische Kampfansagen
Die OTRAG-Raketenbauer sahen sich bereits als Weltraumspediteure vor einem gigantischen Milliardengeschäft. Dennoch wurde aus dem ersten Raketentest der Anfang vom Ende des Projekts. Geografisch war der Ort geeignet, technisch verlief der Start wie geplant, aber diplomatisch war es ein Desaster. Man befand sich mitten im Kalten Krieg, und ein Raketenstart in Zaire machte einige Staaten nervös. Die sowjetische Führung in Moskau begann0 Druck auszuüben. Die DDR vermutete hinter OTRAG eine versteckte Rüstungsindustrie, und der Nachbarstaat Angola warnte vor einer militärischen Nutzung der Raketentechnik. Der angolanische Ministerpräsident bezeichnete den Flugkörper in einer Rede vor den Vereinten Nationen als »Gewehrlauf, der auf die Länder Afrikas zielt«.
In Frankreich gab es die Befürchtung, OTRAG wäre eine Konkurrenz für die europäische Trägerrakete Ariane, an der die ESA gerade bastelte. Und auch in den USA schlug der Raketenstart hohe Wellen, nicht zuletzt, weil in einem Artikel über OTRAG im Magazin »Penthouse« die Trägersysteme als Cruise Missiles dargestellt wurden. Der internationale Druck auf Mobutu wuchs.
Im April 1979, nach insgesamt drei Starts, beugte sich Mobutu schließlich und untersagte weitere Raketentests. Es war aber noch nicht das Ende von OTRAG. Denn ein Ersatz für Mobutu stand schon bereit: Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi (1942–2011). Er ließ ein als Obstplantage getarntes Gelände zur neuen OTRAG-Raketenbasis umbauen. Am 1. März 1981 erfolgte der nächste Test, wieder gab es internationalen Protest. Kayser verkaufte nun seine Patente an die OTRAG und gab die Führung ab. Er starb 2017 auf den Marshallinseln.
Das Ende des ersten privaten Raumfahrtunternehmens
Das OTRAG-Ende war besiegelt, auch wenn es noch ein paar Versuche gab, das Unternehmen zu retten. Nach 18 dokumentierten Teststarts war aber endgültig Schluss. 1983 wurde auf dem Raketenstartplatz bei Kiruna in Schweden die letzte OTRAG-Rakete in die Luft geschossen. Der Start war ein Fehlschlag und das Kapital des Unternehmens ohnehin aufgebraucht.
Lange vor SpaceX und anderen privaten Raumfahrtunternehmen versuchte OTRAG, die Raketentechnik zu revolutionieren. Damit zählen Lutz Kayser und die OTRAG-Ingenieure zweifellos zu den Pionieren der nicht staatlichen Raumfahrt – ins All haben es ihre Raketen dennoch nie geschafft.
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