Direkt zum Inhalt

Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte des Artischockenkriegs von New York

Bürgermeister Fiorello LaGuardia von New York bekämpfte in den 1930er Jahren die Mafia. Indem er den Verkauf von Artischocken untersagte, wie unsere Geschichtskolumnisten erzählen.
Gemüse- und Obstmarkt in New York in den 1930er Jahren.

Am 21. Dezember 1935 fuhr Fiorello LaGuardia in die Bronx zu einem der größten Gemüsemärkte der Stadt. 25 Polizisten begleiteten den Mann, als er sich auf die Ladefläche eines Lkw stellte und verkündete: Ab dem 26. Dezember sei es in New York untersagt, Artischocken zu verkaufen, anzubieten oder zu besitzen. Das Verbot war der Höhepunkt eines Konflikts, der als Artischockenkrieg in die Geschichte einging.

Die Artischocke, ein Distelgewächs, von dem wir uns die faustgroßen Blütenköpfe schmecken lassen, stammt aus dem Mittelmeerraum. Und die meisten Artischocken weltweit werden in Italien angebaut. Nachdem sich damals viele italienische Migrierende in den USA niedergelassen hatten, kultivierten einige von ihnen dort Cynara scolymus. Um 1900 hatte sich ein reger Handel entwickelt, doch im Vergleich zu anderen Gemüsesorten fristete die Artischocke eher ein Nischendasein.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« auf ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Beliebt war das Gemüse vor allem bei den italienischen Auswanderern, von denen die meisten an der Ostküste etwa in New York oder New Jersey lebten. Angebaut wurden Artischocken aber mehr als 4000 Kilometer entfernt an der Westküste in Kalifornien, wo deutlich bessere klimatische Bedingungen dafür herrschten. Der Anbau konzentrierte sich dort in einer Gegend: der Küstenstadt Half Moon Bay, die ungefähr 40 Kilometer südlich von San Francisco liegt.

Der Aufstieg des Artischockenkönigs

Ab 1917 taten sich die kalifornischen Artischockenfarmer zusammen und organisierten den Vertrieb gemeinsam über die Half Moon Bay Artichoke Association. Sie dominierten so fast den gesamten Handel mit Artischocken in den USA – was sich auch auf den Preis auswirkte. Die Gewinnspanne war sensationell. Kostete eine Artischocke in San Francisco nur fünf Cent, lag der Preis in New York bei einem Dollar. Mit dem Gemüse ließ sich also gutes Geschäft machen. Das fiel auch der Mafia auf. Vor allem einem Mann, der später als Artischockenkönig bekannt wurde: Ciro Terranova (1888–1938).

Ciro Terranova (1888–1938) | Der Mann aus Sizilien kontrollierte in den 1920er und 1930er Jahren den Artischockenhandel in den USA – mit den Mitteln der Mafia.

Terranova gehörte zur Morello-Familie, die heute als Genovese-Clan bekannt ist. Mit vier weiteren Familien dominieren sie immer noch die US-amerikanische Cosa Nostra. In den 1920er Jahren erkannte Ciro Terranova das Geschäftspotenzial des Artischockenhandels und versuchte zunächst, den Verkauf in New York und an der Ostküste zu übernehmen – indem er Schutzgeld bei den Gemüsehändlern erpresste. Schon bald wollte er den gesamten Artischockenhandel an der Ostküste unter seine Kontrolle bekommen. Dazu gründete er Firmen wie die Union Pacific Produce Company. Zudem ließ Terranova die Importeure bedrohen und zwang sie, ihre Artischocken nur noch an sein Unternehmen zu verkaufen. Ebenso terrorisierte er die Gemüsehändler an der Ostküste, ihre Artischocken nur noch bei ihm zu beziehen. Wer sich weigerte, musste damit rechnen, verprügelt oder entführt zu werden, wie der Historiker Robert Weldon Whalen in seinem Buch »Murder, Inc., and the Moral Life« über die New Yorker Mafia der 1930er Jahre erläutert.

Der Kampf um die amerikanische Artischocke

Der Artischockenkönig machte Ende der 1920er ein sehr lukratives Geschäft. Doch die gigantischen Gewinne genügten ihm nicht, schließlich saß er an der Ostküste und war abhängig von den Lieferungen der kalifornischen Artischockenfarmer der Half Moon Bay Artichoke Association. Deshalb schickte er seine Leute nach Kalifornien, die nun den Bauern damit drohten, ihre Felder zu zerstören, wenn sie ihre Artischocken nicht an Terranova verkaufen würden.

Im Jahr 1930 brach dann der eigentliche Artischockenkrieg aus. Einige kalifornische Farmer weigerten sich, mit Terranova und der Union Pacific Produce Company zusammenzuarbeiten. Daraufhin begannen Terranovas Mobster, mit Macheten Felder zu zerstören, mit Artischocken beladene Lkw zu plündern und ihre Fahrer zusammenzuschlagen. Fast täglich soll es damals Angriffe auf die kalifornischen Artischockenfarmer gegeben haben.

Der Sheriff von Half Moon Bay ließ zwar die Straßen rund um die Felder bewachen, doch auf Dauer war die Mafia stärker. 1935 gab die Half Moon Bay Artichoke Association schließlich ihren Widerstand auf und verkaufte alle Artischocken an Terranova – der nun den kompletten Markt in der Hand hatte.

Ein Verbot sollte den Krieg beenden

Dann kam der New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia (1882–1947) ins Spiel: Seit 1934 war er im Amt und machte es sich zur Aufgabe, die organisierte Kriminalität in der Stadt zu bekämpfen. Und er wusste sich zu inszenieren und viel Aufmerksamkeit zu erregen. Wie im Fall des Artischockenverbots, das er medienwirksam am 21. Dezember 1935 von der Ladefläche eines Lkw auf dem New Yorker Gemüsemarkt aussprach. Mit dabei waren zwei Trompeten spielende Polizisten, die seine Ansprache mit Fanfaren ankündigten.

Fiorello LaGuardia (1882–1947) | Im Jahr 1934 wurde LaGuardia zum Bürgermeister von New York gewählt. Er bekleidete das Amt bis 1945.

Mit dem Verbot beendete LaGuardia nicht nur Terranovas lukratives Artischockengeschäft, sondern setzte auch ein Zeichen, dass er der Mafia die Stirn bieten würde. Zeitgleich wurden einige Handlanger Terranovas verhaftet und von Staatsanwalt Thomas Dewey angeklagt. Gemeinsam mit Dewey als Sonderankläger von New York versuchte LaGuardia, die Geldquellen der Mafia trockenzulegen. Was beim Artischockengeschäft auch gelang. Außerdem wurde gegen die Union Pacific Produce Company erfolgreich eine Kartellklage eingereicht.

Allerdings war das zerschlagene Artischockengeschäft nur ein Punktsieg LaGuardias im Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Es brachte ihm zwar viel Aufmerksamkeit und Respekt ein und war ein Signal an die Öffentlichkeit, doch auf Dauer veränderte es die mafiösen Strukturen nicht.

Schon drei Tage später ließ LaGuardia das Verbot wieder aufheben. Er sicherte den Händlern zu, nun frei ihr Gemüse beziehen zu können, und versprach, sie vor Schlägern und Zerstörungen zu schützen. Damit endete der Artischockenkrieg, auch weil der womöglich entmachtete Terranova und die Morello-Familie keinen Versuch unternahmen, die Kontrolle über den Verkauf wiederzubekommen. Der Mafiahandel mit den Artischocken brach zusammen.

Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach dem Gemüse in New York massiv an. War es zuvor vor allem bei den italienischsprachigen Gruppen beliebt, änderte sich das schlagartig. Denn fast jeder in New York kannte nun Artischocken und wollte welche haben. Die Zeitungen waren voll von Rezepten und Tipps für die Zubereitung. Selbst der Bürgermeister arbeite an einem Rezeptbuch mit – er aß die Artischocken am liebsten mit Sauce Hollandaise.

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte