Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte einer Prinzessin, die England den Kampf ansagte

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Es war der 25. Juli 1911, ein Auktionssaal in der kleinen englischen Stadt Ashford in Kent. Ein Ring stand zum Verkauf. Und an sich unterschied sich die Auktion in nichts von anderen Versteigerungen. Wäre da nicht das eher ungewöhnliche Publikum gewesen. Es bestand beinahe vollständig aus Suffragetten – also Frauen, die darum kämpften, im Vereinigten Königreich das Wahlrecht zu erhalten. Nicht weniger außergewöhnlich war allerdings auch der zur Auktion stehende Schmuckring. Er gehörte einer Prinzessin, die selbst im Publikum saß: Sophia Alexandrovna Duleep Singh, der Enkelin des großen Sikh-Herrschers Ranjit Singh (1780–1839) und Tochter des letzten Sikh-Maharadschas Duleep Singh (1838–1893).
Warum nur lockte der Ring einer indischen Prinzessin so viele Suffragetten und die Eigentümerin selbst nach Ashford? Die Geschichte nahm lange davor ihren Anfang, genauer gesagt am 29. März 1849.
Im nordindischen Lahore, der prächtigen und reichen Hauptstadt des Sikh-Reichs, trat an jenem Tag der zehnjährige Duleep Singh vor britische Beamte. Vor ihm lag ein Dokument mit fünf Bedingungen. Er sollte für sich und seine Erben auf jeglichen Anspruch im Pandschab, dem Gebiet des Sikh-Reichs, verzichten. Ebenso musste er fortan dem Willen der britischen Regierung gehorchen und an einem von der Regierung bestimmten Ort leben. Außerdem sollte er den legendären Diamanten Koh-i-Noor, den »Berg des Lichts«, an Queen Victoria übergeben. Im Gegenzug würde Duleep Singh sein Leben lang eine Pension erhalten.
Es war der Endpunkt eines jahrzehntelangen Ringens der Briten um jenen Teil des indischen Subkontinents, dessen Annexion sie de facto zu den Herrschern über Indien machte.
Einige Jahre später, nachdem die Briten die Kontrolle über das Pandschab übernommen hatten, reiste Duleep Singh nach England – wohl auf eigenen Wunsch. Königin Victoria (1819–1901), so heißt es, fand sehr bald Gefallen an dem jungen Ex-Maharadscha, der charmant und gut aussehend gewesen sein soll. Er ging an ihrem Hof ein und aus und genoss zumindest eine Zeit lang das Ansehen eines britischen Landedelmanns. Im Lauf seines Lebens wurde der letzte Maharadscha des Sikh-Reichs Vater von neun Kindern aus zwei Ehen. Eines davon war Sophia Duleep Singh, die am 8. August 1876 zur Welt kam.
Prinzessin im englischen Exil
Doch schon in der Kindheit und Jugend bekam ihre behütete Welt erste Risse. Ihr Vater, der mittlerweile realisiert hatte, was ihm und dem Sikh-Reich angetan worden war, geriet immer öfter mit der Regierungsbehörde für Indien, dem India Office in London, in Konflikt. Schließlich verließ er Großbritannien und verstarb 1893 in Paris.
Dennoch fehlte es Sophia und ihren Geschwistern weiterhin an nichts. Darum kümmerte sich die Königin persönlich. Sophia war ihre Patentochter – daher auch deren Vorname Alexandrovna, angelehnt an Königin Victorias ersten Vornamen Alexandrina. Die Kinder zogen in das Faraday House ein. Dabei handelte es sich um eine Grace-and-Favour-Residenz, eine vom Königshaus gewährte Unterkunft.
Eine Zeit lang lebte auch Sophia so, wie es ihr Vater anfangs getan hatte. Sie trug elegante Kleidung, hielt Hunde und Pferde, ließ sich immer wieder für Illustrierte fotografieren. Ganz im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Bamba, die recht bald offen aussprach, welches Unrecht ihrer Familie widerfahren war. Damit löste sie bei ihrer Schwester Sophia wohl einen Sinneswandel aus, der sich bei zwei Besuchen in Indien verstärkte.
Unrecht blieb Unrecht – ob in Indien oder England
1903 und 1907 reisten die Schwestern in das Pandschab und merkten dort vor allem eines: Die Kolonialverwaltung im ehemaligen Reich ihres Vaters und Großvaters behandelte die Bevölkerung miserabel. Gleichzeitig merkten sie, dass ihr Name in Indien noch immer Gewicht hatte. Obwohl es übertrieben wäre, zu behaupten, Sophia sei in dieser Zeit zu einer glühenden indischen Nationalistin geworden, verraten ihre Tagebuchnotizen, dass die Erfahrungen mit Repression und Verfolgung durch die britische Regierung ihr Bewusstsein für diese Dinge geschärft hatten.
Genau diese Einsicht trieb sie, zurück in England, in die Arme der Suffragettenbewegung, die demselben Staat und seinen Kontrollmechanismen ausgesetzt war.
Über ihre Freundin und prominente Suffragette Una Dugdale (1879–1975) kam sie in Kontakt mit der Women’s Social and Political Union. Gründungsmitglieder der Bewegung waren Emmeline Pankhurst und ihre Töchter Christabel und Sylvia sowie weitere Frauen. Ihr Motto lautete: »deeds not words« (Taten statt Worte). Und Sophia, die ohnehin nie großes Interesse daran gehabt hatte, Reden zu schwingen, widmete sich den Taten.
Während des Ersten Weltkriegs engagierte sich Sophia Duleep Singh als freiwillige Krankenschwester. Das Foto entstand im Jahr 1918.
Am 18. November 1910 zog sie gemeinsam mit ungefähr 300 anderen Frauen in kleinen Gruppen zum Parlament – mit dem Ansinnen, gegen Premierminister Herbert Asquith zu protestieren, der kurz zuvor ein geplantes Gesetz zum Frauenwahlrecht abgewürgt hatte. Die Polizei war angehalten, die Frauen vom Parlament fernzuhalten, gleichzeitig sollten möglichst wenige von ihnen verhaftet werden. Das würde sonst nur Prozesse, Gefängnisstrafen und Hungerstreiks nach sich ziehen, die wiederum für schlechte Presse sorgten. Die Folge: Es kam zu stundenlanger Gewalt. Frauen wurden geschlagen, zu Boden geworfen, bedrängt und sexuell angegriffen. Sophia war mittendrin. Der Tag sollte als »Schwarzer Freitag« in die Geschichte der britischen Frauenbewegung eingehen.
In den Wochen und Monaten danach ließ Sophia ihre Beziehungen spielen. Zumindest versuchte sie es. Sie schrieb Briefe an den Polizeichef und den Innenminister, einen gewissen Winston Churchill (1874–1965). Darin beschwerte sie sich über die Brutalität der Polizei, vor allem gegenüber anderen Frauen, nicht darüber, wie mit ihr umgegangen wurde. Churchill ließ schließlich in ihrer Akte vermerken: »Send no further reply to her«, man solle ihr nicht mehr antworten.
Protest durch zivilen Ungehorsam
Neben dem aktiven Protest auf der Straße verlegte sich Sophia auch auf zivilen Ungehorsam, wie sie es in der Suffragettenbewegung gelernt hatte: Sie weigerte sich, Steuern zu zahlen, und folgte damit dem Aufruf der Women’s Tax Resistance League. Vor allem privilegierte Frauen, die zu jener Zeit ohnehin schon einen großen Teil der Bewegung ausmachten, sollten einfach keine Steuern entrichten, vor allem für ihre Hunde, Bediensteten oder Kutschen.
Als im Mai 1911 eine gewisse Emma Sproson aufgrund nicht bezahlter Steuern eine Gefängnisstrafe antreten musste, beschloss Sophia, es ihr nachzutun – und selbst keine Abgaben mehr zu zahlen. Das Resultat waren Gerichtstermine, weitere Weigerungen und schließlich eine Pfändung: Sophias Ring, der in Ashford versteigert wurde.
Gerichtsvollzieher hatten den Ring aus einem Schmuckkästchen in ihrer Wohnung in Faraday House entnommen. Wie die Journalistin Anita Anand in ihrer Biografie über Duleep Singh beschreibt, erhielt den Zuschlag schließlich die Malerin und Suffragette Louise Jopling, die den Ring ihrer Besitzerin noch im Auktionssaal unter Applaus zurückgab. Danach entfalteten die Suffragetten ihre Banner. Das Ganze war zu einer hervorragenden Protestaktion der Bewegung geworden.
Noch bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs nahm Sophia an diversen Aktionen teil. Nicht zuletzt verkaufte sie die Zeitschrift »The Suffragette«, und zwar direkt vor ihrer Wohnung am Hampton Court Palace. Eine Peinlichkeit für die Regierung, die sich aber keine weitere Blöße mehr geben wollte und sie gewähren ließ. Man nahm auch Abstand davon, ihr die Unterkunft zu entziehen. Der nunmehrige König George V. (1865–1936) hatte wenig Interesse an schlechter Presse.
Aktivistin und Krankenschwester
Während des Ersten Weltkriegs nahm Sophia, so wie viele andere Suffragetten, an keinen Aktionen teil. Sie begann als Krankenschwester im Süden Englands zu arbeiten. Vor allem war sie in Krankenhäusern tätig, in die verletzte indische Soldaten gebracht wurden.
Ganz zum Missfallen der Regierung, die die Rolle der Prinzessin eher klein halten wollte, organisierte Sophia auch den »India Day«, an dem sie Geld und Kleidung für indische Soldaten sammelte. Die Veranstaltung wurde ein Riesenerfolg – wahrscheinlich zum noch größeren Missfallen der Regierung.
Als im Jahr 1918 schließlich das Frauenwahlrecht in Etappen eingeführt wurde, war Sophia aufgrund ihrer finanziellen Stellung eine der ersten Frauen, die dieses Recht zugesprochen bekamen. Ihr lautes politisches Jahrzehnt ging allmählich zu Ende, aber sie widmete sich weiterhin dem Frauenwahlrecht und indischen Anliegen. 1947 erlebte sie die Unabhängigkeit Indiens, aber auch die Teilung des Pandschabs und die Gewalt, die damit einherging.
Am 22. August 1948 starb Sophia Alexandrovna Duleep Singh in Buckinghamshire. Ihre Asche sollte, wie von Sophia verfügt, ihre Schwester Bamba ein Jahr später in Lahore verstreuen.
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