Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines (nahezu) unknackbaren Codes

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Frühjahr 1626, Réalmont im Südwesten Frankreichs war eingekesselt. Königliche Truppen belagerten die Stadt, in die sich die Hugenotten zurückgezogen hatten. Es war nicht das erste Aufeinandertreffen der zwei Lager: In den 1620er-Jahren kam es immer wieder zu Aufständen der calvinistischen Protestanten gegen den katholischen König Ludwig XIII. (1601–1643). Er und allen voran sein leitender Minister Kardinal Richelieu (1585–1642) gingen mit aller Macht gegen die Hugenotten vor.
Die Belagerten in Réalmont versuchten, eine Nachricht aus der Stadt zu schmuggeln. Doch ihr Brief wurde abgefangen und fiel in die Hände des königlichen Befehlshabers Henri II. de Bourbon-Condé. Um den Inhalt vor feindlichen Lesern zu schützen, war der Text jedoch verschlüsselt worden. Bourbon-Condé holte den jungen Mathematiker Antoine Rossignol (1600–1682) hinzu, der den Brief entziffern sollte. Innerhalb weniger Stunden gelang es diesem, den Code zu knacken.
Der Brief war ein verzweifelter Hilferuf. Man benötige dringend Proviant, sonst könne man die Belagerung nicht mehr lange durchhalten, stand dort zu lesen. Rossignol übergab den Brief an Bourbon-Condé, der das dechiffrierte Schreiben zurück an die Hugenotten in die Stadt schickte – die daraufhin kapitulierten.
Systematische Postüberwachung
Das Ende der Belagerung war gleichzeitig der Beginn der kryptografischen Karriere Rossignols. Premierminister Kardinal Richelieu wurde auf den Mann aufmerksam und erkannte schnell, wie bedeutsam es war, die Kommunikationswege zu kontrollieren. Und so verfügte Richelieu um das Jahr 1628, dass Rossignol die Überwachung der Post organisierte. Er sollte in den Briefen nach Informationen fahnden, die für den König und seine Minister von Bedeutung sein könnten.
Es folgte die Gründung einer geheimen Postloge. Derartige Institutionen dürfte es in ähnlicher Form bereits zuvor gegeben haben, aber nun etablierte sich das »Cabinet noir«, das Schwarze Kabinett oder die Schwarze Kammer, als feste Institution. Es war der Beginn der systematischen Briefkontrolle. Eine Schwarze Kammer bezeichnet allgemein eine Einrichtung bei Postämtern, die Briefe im Verborgenen öffnet, abschreibt und weiterschickt, wie der Journalist Tom Hillenbrand in seinem Buch »Des Königs NSA – 1684 statt 1984« erklärt.
Die Schwarze Kammer in Paris wurde bald zum Vorbild für andere Monarchen. Der Habsburger Kaiser Karl VI. (1685–1740) etwa wies den Generalpostmeister von Thurn und Taxis an, eine entsprechende Loge für die Kaiserliche Reichspost einzurichten, die spätestens ab den 1730er-Jahren auf allen Knotenpunkten der Postrouten zu finden war.
Im Absolutismus entstand die staatliche Bürokratie
Die staatliche massenhafte und systematische Überwachung von Kommunikation im modernen Verständnis begann im 17. Jahrhundert. Natürlich wurden auch schon in den Jahrhunderten zuvor Briefe und Nachrichten abgefangen, Spione eingesetzt oder Feinde bespitzelt. Doch im 17. Jahrhundert kam es zu einer entscheidenden Veränderung: Die Machthaber des Absolutismus bauten die staatliche Bürokratie aus.
Beginnend in Frankreich, entwickelten sich in ganz Europa aus Feudalstaaten moderne Verwaltungsstaaten mit Behörden, Institutionen und Abteilungen samt zahlreichen Bediensteten und Beamten. Und einige davon sollten sich um die Überwachung des Briefverkehrs kümmern. Kardinal Richelieu wollte nach der Niederschlagung der Hugenotten mit allen Mitteln die königliche Zentralmacht in Paris stärken.
Rossignols Aufgabe bestand darin, Briefe und Schriften mit aufrührerischem Inhalt zu finden. König Ludwig XIII. plagte die Sorge vor einem Umsturz, einer Rebellion oder Revolution. Und die Gefahr, als Monarch vom Thron gestoßen zu werden oder gar den Kopf zu verlieren, war real. Spätestens 1649, sechs Jahre nach Ludwigs Tod, wurde ein solches Schicksal den europäischen Machthabern vor Augen geführt, als König Karl I., im englischen Bürgerkrieg verhaftet, zum Tode verurteilt und enthauptet wurde.
Die Kunst des unbemerkten Öffnens und Verschließens
Stellt sich die Frage: Was wurde mit den Briefen eigentlich gemacht? Und waren die meisten nicht mit Wachsstempeln sicher versiegelt? Briefe steckten noch nicht in Umschlägen – die kamen erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf –, sondern wurden gefaltet. Aber oftmals auf eine besondere Art und Weise: Seit dem 13. Jahrhundert etablierte sich die Tradition des Letterlockings. Man faltete und steckte Briefe derart kunstvoll, dass es unmöglich war, sie zu öffnen, ohne die Faltung zu zerreißen.
Einfacher war es, mit den Wachssiegeln umzugehen, mit denen die Briefe verschlossen wurden. Die Postspione versuchten zum Beispiel, das Siegel mithilfe eines heißen Drahts abzulösen – was nicht immer funktionierte. Daher stellten sie in der Regel vor dem Öffnen einen Abdruck des Siegels her. Das war bei den bedeutendsten Adelshäusern allerdings gar nicht nötig, weil deren Siegelstempel in den Postlogen schon bereitlagen.
Die geöffneten Briefe wurden umgehend kopiert. Alois Cobelli, der ab 1822 im Schwarzen Kabinett unter Fürst Metternich in Wien arbeitete, berichtete, dass Briefe in Vierergruppen bearbeitet wurden. Zwei Beamte lasen vor und zwei schrieben mit. Die Abschrift wurde als Interzept bezeichnet.
Nun war es so, dass Briefschreibern durchaus bewusst war, dass ihre Post vielleicht abgefangen und gelesen wurde. Der französische Philosoph Voltaire (1694–1778) schrieb etwa leicht ironisch über die Schwarzen Kammern: »Es wird behauptet, dass in Deutschland eure Briefe, die fünf oder sechs verschiedene Herrschaftsgebiete durchqueren, fünf- oder sechsmal gelesen werden und dass am Ende das Siegel so abgenutzt ist, dass ein neues angebracht werden muss.«
Rossignol entwickelte die Große Chiffre
Und so verwundert es nicht, dass Briefschreiber zu Abwehrmaßnahmen griffen, indem sie wichtige Botschaften verschlüsselten. Allerdings war das mit einem hohen Aufwand verbunden, denn je komplexer das Chiffrieren, desto länger dauerte das Ver- und Entschlüsseln.
Der Mann, dessen Aufgabe es war, den Briefverkehr in Frankreich zu überwachen, wurde schließlich auch von Ludwig XIV. (1638–1715) beauftragt, dafür zu sorgen, dass königliche Nachrichten nicht von Dritten mitgelesen werden konnten. Das Ergebnis war »le Grand Chiffre«, die Große Chiffre. Sie galt lange Zeit als unknackbar und war selbst 100 Jahre später unter Napoleon noch im Einsatz. Dann entschlüsselte sie der britische Offizier George Scovell (1774–1861). Die Große Chiffre ist ein Nomenklator, bei dem einzelne Silben einem Zahlencode zugeordnet wurden; außerdem verwendete man bestimmte Zahlencodes für wiederkehrende Wörter wie Namen oder Orte.
Nach dem Tod von Rossignols Enkel, Antoine-Bonaventure Rossignol, gingen die Entschlüsselungshilfen der Korrespondenzen von Ludwig XIV. verloren, weshalb viele der Geheimdokumente aus der Zeit nicht mehr gelesen werden konnten. Erst in den 1890er-Jahren gelang es dem französischen Offizier Étienne Bazeries, den Code zu knacken.
Eingerichtet aus Furcht vor Umsturzversuchen, ist die Ironie der Geschichte, dass es die Revolutionen von 1848 waren, die das Ende der Schwarzen Kammern im Habsburger Reich und Frankreich einläuteten. Ihre Zeit war damit vorbei. Aber irgendwie auch nicht. Denn staatliche Behörden überwachen weiterhin die Kommunikation, nur die Medien haben sich geändert und mit ihnen die Methoden der Überwachung.
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