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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines Weltuntergangs, der ganz groß enttäuschte

Ein Bibelvers beflügelte vor rund 200 Jahren den US-Amerikaner William Miller, den nahen Weltuntergang zu prophezeien. Unsere Kolumnisten erzählen, wie sich das Ende dann zeigte.
Ein Prediger (Revivalist) tritt in einer Wirtschaft auf. Ölgemälde von Bengt Nordenberg, 1866.

Religiöse Bewegungen kommen und gehen, doch es passiert selten, dass ihr Ende auf den Tag genau dokumentiert ist. Dieses Schicksal widerfährt 1844 den Milleriten, die den Weltuntergang prophezeien – der dann allerdings nicht so eintritt wie erwartet. Was stattdessen geschieht, hat unter anderem der emeritierte Historikerprofessor David Rowe von der Middle Tennessee State University erforscht.

Gründer der Bewegung ist ein Mann namens William Miller. Im Jahr 1782 in Pittsfield, Massachusetts, geboren, durchläuft er die übliche Schulbildung. Dass er anschließend noch eine Berufsausbildung genossen hätte, ist nicht belegt, allerdings liest er von Kindheit an mit großer Begeisterung. Und in seiner Jugend hat er genügend Zugang zu diversen Bibliotheken, die seinen Wissensdurst stillen.

Mit 21 Jahren heiratet Miller, zieht in einen Ort namens Poultney im Bundesstaat Vermont und wird dort zu einem angesehenen Mann. Er ist unter anderem als Friedensrichter tätig. Sein Umgang mit diversen ebenfalls sehr belesenen Männern in der Gemeinde sorgt dafür, dass er seine religiösen Vorstellungen ändert. Ursprünglich als Baptist sozialisiert, wendet er sich in diesen Jahren von dieser Lehre ab und sieht sich nun als Deist, als Anhänger des Deismus. Er bleibt also durchaus gläubig, aber mit der Überzeugung, die Erkenntnis Gottes läge in der Vernunft, nicht in der Offenbarung in Form biblischer Texte. Teil seiner neuen Ansichten ist auch, dass sich Gott niemals durch Wunder zeige. Eine Einstellung, die er sehr bald revidieren muss.

Eine Schlacht, ein Schuss, ein Wunder

Als der Britisch-Amerikanische Krieg 1812 ausbricht, zieht Miller gemeinsam mit einigen Männern des Orts in den Bundesstaat New York, um dort für die Armee der Vereinigten Staaten gegen die Engländer zu kämpfen. Er erlebt die Gräuel des Krieges nun hautnah. Während der Schlacht bei Plattsburgh im Jahr 1814 wird das Fort, in dem sich Miller befindet, mit schwerer Artillerie beschossen. Als eines der Geschosse in unmittelbarer Nähe Millers einschlägt, dabei vier Soldaten teilweise tödlich verletzt, Miller aber völlig unversehrt bleibt, sieht er sein Überleben als Resultat eines Wunders.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« auf ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Als im Jahr 1815 schließlich noch sein Vater und seine Schwester kurz nacheinander sterben, verbringt Miller immer mehr Zeit mit der Frage, was denn nun tatsächlich nach dem Tod passiere. Sein Deismus gerät ins Wanken, und er beginnt, intensiv die Bibel zu studieren.

Der Weltuntergang steht in der Bibel – aufs Jahr genau

Millers Bibelstudium lässt ihn vor allem zu einem Schluss kommen: Das Ende der Welt steht kurz bevor. Denn im Buch Daniel, Kapitel 8, Vers 14 steht geschrieben: »Und er antwortete mir: Bis zweitausend dreihundert Abende und Morgen um sind; dann wird das Heiligtum wieder geweiht werden.«

Miller deutet den im Vers genannten Zeitraum so aus, dass die Tage als Jahre zu verstehen sind. Nach dieser Zeit würde Jesus Christus wieder auf die Erde kommen und sie mit Feuer reinigen. Das Ende der Welt naht also – und würde sich entweder vor 1843 oder im Jahr 1843 ereignen. Mittlerweile ist das Jahr 1822 angebrochen, es war also nicht mehr allzu lange hin.

Trotzdem wartet Miller noch beinah ein Jahrzehnt damit, bis er beginnt, diese Erkenntnis unters Volk zu bringen. 1831 predigt er erstmals den bevorstehenden Weltuntergang vor einem kleinen Publikum, 1832 schickt er dann 16 Artikel an den »Vermont Telegraph«, eine Baptistenzeitung. Naturgemäß wird er mit Anfragen bombardiert, denn ein Weltuntergang ist ja keine alltägliche Sache. Um nicht alle Fragen einzeln beantworten zu müssen, veröffentlicht Miller schließlich im Jahr 1834 ein Traktat, das auf 64 Seiten seine Lehre erklärt.

Die Geburt des Millerismus

Ab diesem Zeitpunkt werden die Lehren Millers mit einer groß angelegten Kampagne verkündet. Angeführt von Joshua Vaughan Himes (1805–1895), einem Bostoner Priester, machen die Anhänger Miller über diverse neu gegründete Publikationen bekannt. Nicht nur in den USA wie etwa in New York City, sondern auch in Kanada werden neue Zeitschriften aufgelegt, die sich an unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen wenden. Viele der insgesamt 48 Publikationen haben zwar nur eine kurze Lebensdauer, tragen aber trotzdem dazu bei, dass sich Millers Lehre von einer eher obskuren zu einer nationalen religiösen Bewegung wandelt.

William Miller (1782–1849) | Der US-Amerikaner sagte mehrmals vorher, dass die Welt an einem bestimmten Tag untergehen würde. Doch das Ende wollte sich nicht einstellen.

Das genaue Datum für den Weltuntergang bleibt Miller seiner Anhängerschaft vorerst schuldig. Einzig einen Zeitraum ist er gewillt zu nennen: Er soll zwischen dem 21. März 1843 und dem 21. März 1844 stattfinden.

Es bleibt nichts als eine »Große Enttäuschung«

Am 21. März 1843 passiert allerdings: nichts. Keine Wiederkehr Jesu, kein Jüngstes Gericht. Doch der Großteil der Anhängerschaft stört sich noch nicht daran, schließlich hat der Weltuntergang ja noch ein ganzes Jahr Zeit sich einzustellen. Nach einigen weiteren Berechnungen wird schließlich ein definitives Datum festgelegt: der 18. April 1844.

Doch auch dieser Tag kommt und geht.

Himes, der Bostoner Prediger und ein Jünger Millers, räumt daher in einem Text im »Advent Herald« vom 24. April ein, dass er sich wohl etwas verrechnet hätte – das Ende aber tatsächlich noch eintreten würde. Zur Seite steht ihm dabei ein gewisser Samuel S. Snow. Eigentlich Skeptiker, mittlerweile jedoch zum Millerismus übergetreten, verkündet dieser im August 1844 die »Seventh Month Message« oder »True Midnight Cry«. Darin wird ein neues, absolut definitives Datum genannt: der 22. Oktober 1844.

Als dieser Tag kommt – es ist ein Dienstag –, ist der größte Teil der millerschen Anhängerschaft noch immer der Meinung, nun endlich das Ende der Welt erleben zu dürfen. Doch das Einzige, das an jenem Tag untergeht, ist die Sonne, die allerdings am nächsten Tag, entgegen der Ankündigungen Millers, Himes' und Snows wieder aufgeht.

Ernüchterung und Enttäuschung bei der Anhängerschaft

Für viele aus der Anhängerschaft Millers ist die Tatsache, dass das Ende der Welt nicht kam, mehr als ernüchternd. Die meisten haben, in Erwartung des Untergangs, ihr weltliches Hab und Gut veräußert oder verschenkt. Nicht wenige Farmer haben ihre Felder brach liegen lassen, weil sie glaubten, ohnehin keine Ernte mehr einzufahren. Sie stehen nun vor dem Ruin. Die »Große Enttäuschung« – mit diesem Namen ging das Ereignis in die Geschichte ein – sorgt dafür, dass sich der Großteil der Anhängerschaft Millers von ihm und seiner Lehre abwendet.

Doch auch für den Rest der Welt bleibt der Millerismus nicht ohne Folgen. Der harte Kern der Bewegung – angeführt von Himes und Miller selbst – kommt schließlich am 29. April 1845 zur »Albany Conference« zusammen. Dort werden die Lehren Millers nochmals präzisiert und dogmatisiert. Aus der Konferenz gehen die Evangelical Adventists hervor, die nun eine eigene Kirche gründen: die Advent Christian Church. Eine Glaubensgemeinschaft, die heute in den USA mehr als 25 000 Mitglieder zählt. Eine weitere Glaubensgruppe, die nach der »Großen Enttäuschung« entstand, verschriftlichte ihre Grundsätze in der »Seventh-Day Adventist Doctrine«. Sie umfasst heute über 19 Millionen Mitglieder weltweit.

Miller selbst starb am 20. Dezember 1849. Und bis zu seinem Ende blieb er davon überzeugt, dass jenes der Welt ganz kurz bevorstand.

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