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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte vom Lieblingsgetränk eines Papstes – Wein mit Kokain

Im 19. Jahrhundert lernte Europa Kokablätter kennen – und lieben. Ein findiger Apotheker bröselte sie in Wein, der zum Lieblingsgetränk der Promis avancierte, wie unsere Kolumnisten erzählen.
Eine farbenfrohe Illustration zeigt eine fröhliche Person in einem gelben Kleid mit roten Blumen im Haar, die eine Flasche Wein hält und in ein Glas einschenkt. Der Hintergrund ist in kräftigem Blau gehalten, was die dynamische und festliche Stimmung des Bildes unterstreicht. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Feierlichkeit und Lebensfreude.
»Stärkt und erfrischt Körper und Gehirn«, lautete ein Werbeslogan für Vin Mariani, der auch Plakate wie diese Farb­li­tho­gra­fie von Jules Chéret aus dem Jahr 1894 ziert. Einen belebenden Effekt dürfte der Wein durchaus gehabt haben. Er enthielt Kokain.
Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Paolo Mantegazza war Arzt und Selbstversuchen nicht abgeneigt. Nach seinem Medizinstudium in Pavia reiste der Italiener ab 1854 in die Welt – erst nach Indien, später nach Südamerika. Einige Jahre verbrachte er in Argentinien und Paraguay, wo er beobachtete, wie die Einheimischen Kokablätter kauten, um Hunger oder Müdigkeit zu unterdrücken.

In manchen Gegenden Südamerikas reicht die Tradition, Kokablätter zu kauen, mindestens 8000 Jahre zurück. Europa erfuhr von dem stimulierenden Gewächs erstmals im 16. Jahrhundert aus den Berichten spanischer Konquistadoren. Aber probiert haben die Europäer die Kokablätter wohl nur sehr zaghaft.

Die Kokapflanze ist ein strauchartiger Busch mit ovalen Blättern, die das psychoaktive Alkaloid Kokain enthalten. Beim Kauen der Blätter wirkt das Kokain als Stimulans und lindert Hunger, Durst, Schmerzen und Müdigkeit. Doch im Unterschied zu Tomaten, Kartoffeln, Tabak oder Mais verbreitete sich die Kokapflanze zunächst nicht in Europa.

Ein neues Trendgetränk: Kokawein

Paolo Mantegazza (1831–1910) änderte das. Ungefähr zwei Jahre lang konsumierte er täglich Kokablätter im Selbstversuch. Sein 1859 veröffentlichter Bericht führte in Europa zu einem gesteigerten Interesse an den Pflanzen, fiel sein Fazit doch äußerst positiv aus: Einen moderaten Konsum hielt er für bedenkenlos, wie die Historikerin Kim Embrey in ihrem Buch »Coca and the Victorians« schreibt.

Seine blumigen Beschreibungen vom Kokarausch inspirierten den Korsen Angelo Mariani (1838–1914). Statt Kauen hielt der Apotheker das Trinken für die bessere Darreichungsform. Und so fügte er gemahlene Kokablätter in Bordeauxwein. Als Mischungsverhältnis, das in den Folgejahren aber nicht immer gleich ausfiel, wählte er rund sechs Milligramm Koka auf eine Flüssigunze Wein. Das entspricht ungefähr 0,2 Gramm auf einen Liter Rotwein, was an sich wenig war. Allerdings löste der Alkohol das Kokain aus den Blättern und machte das Getränk so zu einem potenten Wachmacher. Das Ergebnis nannte der Apotheker: »Vin Tonique Mariani à la Coca du Pérou«, besser bekannt als Vin Mariani.

Der 1838 auf Korsika geborene Mariani kam in den frühen 1860er-Jahren nach Paris, wo er als Apotheker arbeitete. 1863 hatte er die Idee vom Kokawein. In seinem Beruf war er mit allerhand Kräutertonika und Allheilmitteln in Kontakt gekommen; die sogenannte Patentmedizin war allgegenwärtig: Zeitungen und Zeitschriften waren voll mit Werbeanzeigen für Elixiere, Tinkturen und Wundermittel, die Heilung gegen alles Mögliche versprachen – ohne nachgewiesene Wirksamkeit.

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Dem Papst tat’s gut, deshalb gab’s eine Goldmedaille von Seiner Heiligkeit für den Vin Mariani. Der Erfinder des Weins nutzte seine Ehrung in dieser Werbeanzeige aus dem Jahr 1899.

Vin Mariani bildete da keine Ausnahme. Dem Getränk wurden zahlreiche gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben, und es sollte gegen alle möglichen Beschwerden helfen: Magenschmerzen, Unwohlsein, Nervosität. »Für Körper, Geist und Nerven« lautete einer der Werbeslogans. Die empfohlene Dosis für Erwachsene war zwei bis drei Gläser täglich, vor oder nach den Mahlzeiten – für Kinder die halbe Menge.

Der Papst als Werbebotschafter für Kokawein

Dank geschickter Vermarktungskampagnen verbreitete sich der Kokawein in den kommenden Jahren rasant in Europa und den USA. Vin Mariani wurde zum Modegetränk der Belle Époque. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, Intellektuelle und prominente Persönlichkeiten konsumierten das stimulierende Getränk. Mariani publizierte mehrere Bücher mit Zitaten zeitgenössischer Berühmtheiten, die seinen Kokawein liebten, darunter Queen Victoria, Jules Verne, Thomas Edison und Émile Zola.

Der bekannteste Konsument war vermutlich Papst Leo XIII. (1810–1903). Sein Gesicht druckte Mariani nicht nur auf Werbeplakate. Der Papst verlieh Mariani sogar eine Auszeichnung, eine ehrende Goldmedaille des Vatikans für seine Verdienste. Es ist die Anekdote überliefert, dass Leo XIII. regelmäßig einen Flachmann, gefüllt mit Vin Mariani, bei sich trug – um sich in solchen Momenten zu stärken, wenn das Gebet nicht ausreichte.

Bis ins 19. Jahrhundert kannte kaum jemand in Europa Kokablätter. Doch dank Vin Mariani war Koka plötzlich in aller Munde – buchstäblich. Die Forschung hat die Kokablätter ebenfalls lange ignoriert. Die erste wissenschaftliche Beschreibung über ihre Wirkung auf den Menschen stammt von Eduard Friedrich Poeppig. Im Jahr 1836 berichtete er über die typischen Symptome nach dem Konsum: Aktivitätssteigerung, Euphorisierung sowie Unterdrückung von Hunger- und Durstgefühl. Zehn Jahre lang sammelte Poeppig auf seiner Forschungsreise in Südamerika insgesamt rund 17 000 getrocknete Pflanzen und lieferte 3000 botanische Beschreibungen.

Aber noch immer waren keine nennenswerten Mengen an Kokapflanzen nach Europa gelangt, um sie wissenschaftlich zu untersuchen. Das änderte sich nach der ersten Weltumsegelung der österreichischen Marine: 1857 schickte Erzherzog Ferdinand Maximilian eine Fregatte um den Globus. Bei einem Halt in Südamerika sammelte das Wissenschaftsteam 30 Pfund Kokasträucher, die sie 1859 beim Göttinger Chemiker Friedrich Wöhler ablieferten. Sein Student Albert Niemann (1834–1861) untersuchte die Pflanze und isolierte das Alkaloid der Kokapflanze, das er Kokain nannte.

Bald danach verbreitete sich der Stoff in Europa. Im Jahr 1862 begann der Arzneimittelhersteller Merck in Darmstadt mit der kommerziellen Kokainproduktion; 1884 stellte der österreichische Augenarzt Carl Koller Kokain als Narkosemittel für Augen-OPs her und erfand damit das erste Lokalanästhetikum.

Vom Kokawein zum meistgetrunkenen Erfrischungsgetränk der Welt

Der riesige Erfolg, den Mariani vor allem seinen Marketingkampagnen zu verdanken hatte, führte zu etlichen Nachahmern. Von 1880 bis 1920 fanden sich fast 100 unterschiedliche Kokaweine auf dem Markt. Einer der Plagiatoren sollte bald Geschichte schreiben, aber erst nachdem er auf den Wein verzichtet hatte: der Apotheker John Pemberton (1831–1888).

Pemberton wurde im Amerikanischen Bürgerkrieg durch einen Säbel verwundet. Die Schmerzen führten ihn in eine Morphiumsucht. Auf der Suche nach einer Ersatzdroge stieß er bald auf Kokablätter und kreierte seinen eigenen Kokawein. Ab 1885 verkaufte er erstmals »Pemberton’s French Wine Coca«. Ein Nerventonikum und Mittel gegen Kopfschmerzen, das eindeutig von Vin Mariani inspiriert war.

Neben Koka enthielt der Wein auch Kolanuss und Damiana, eine Pflanze, die in Nordamerika verbreitet ist und wie die Kolanuss ebenfalls Koffein enthält. Doch kurz nach dem Verkaufsstart drohte bereits das Ende von Pembertons French Wine: Die Abstinenzbewegung sorgte 1886 in seinem Wohnort, Fulton County in Georgia, für ein Alkoholverbot.

Im Winter 1885 experimentierte Pemberton daher mit verschiedenen Rezepturen. Er versuchte, eine alkoholfreie Variante seines Nervenwundermittels zu entwickeln, und testete einige Varianten in der Sodabar von Jacobs’ Pharmacy in Atlanta. Am 8. Mai 1886 wurde dort die weltweit erste Coca-Cola ausgeschenkt. Noch hieß sie aber nicht so, und geschmacklich entsprach sie ebenfalls noch nicht dem heute weltweit verbreiteten Erfrischungsgetränk. Es war ohnehin nicht Pemberton, der die Marke zum großen Erfolg führen konnte – er starb bereits im August 1888, als das Getränk noch Kokain enthielt und sein Siegeszug um den Globus erst bevorstand.

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  • Quellen

Embrey, K., Coca and the Victorians, 2025

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