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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte von Galeeren, die über Berge segelten

Im Jahr 1439 eilte Venedig der Stadt Brescia zu Hilfe. Dafür musste die Republik Schiffe über Land befördern. Und wo ein Wille war, war auch ein Weg, berichten unsere Kolumnisten.
Ein historisches Gemälde zeigt eine Seeschlacht mit mehreren Segelschiffen auf stürmischer See. Die Schiffe sind in verschiedenen Formationen angeordnet, einige mit gehissten roten Flaggen.
Venezianische Kriegsschiffe greifen in einer Seeschlacht eine gegnerische Flotte an. Die Szene der Malerei spielt vor Milos und stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.

Alle Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen«

Brescia, im Dezember des Jahres 1438. Seit Monaten lagerte Niccolò Piccinino, ein Condottiere im Dienst des mailändischen Herzogs, vor den Mauern. Als einer der gefürchtetsten Söldnerführer jener Zeit bedeutete seine Präsenz vor einer Stadt vor allem eines: Probleme!

Später erzählte man in Brescia, die Stadtheiligen Faustinus und Giovita seien am 13. Dezember auf den Mauern erschienen und hätten das mailändische Bombardement abgewehrt. Ein Wunder – das allerdings durch sehr irdische Hilfe geschehen konnte: Venedig war Brescia zur Seite gesprungen. Die Stadt am Südrand der Alpen hatte sich in den 1420er-Jahren der Republik Venedig in Form einer »dedizione« unterstellt. Und dieser Unterwerfungsvertrag verlangte Schutz gegen Treue.

Venedig hatte allerdings ein Problem – und zwar ein geografisches: Der Weg, Brescia zu befreien, führte über den Gardasee. Normalerweise wären die venezianischen Schiffe von der Adria aus über den Fluss Po gesegelt und weiter über den Mincio hinauf zum südlichen Ende des Lago. Doch dieser Zugang war blockiert, man hätte mailändisch kontrolliertes Gebiet durchfahren müssen. Am 1. Dezember 1438 fasste der Kleine Rat der Republik daher einen Beschluss: Venedig werde Schiffe schicken, allerdings zum nördlichen Zugang des Gardasees – über die Berge.

Der Plan war gar nicht so abwegig. Denn im frühen 15. Jahrhundert begann die Seemacht ihre Politik der »Terraferma«: Sie wollte auch Festlandsmacht werden. Teil dieser Anstrengungen waren die »dedizioni«, die neben Brescia auch Städte wie Bergamo und Verona unterzeichnet hatten. Was eben auch bedeutete, dass Hilfe suchende Verbündete unterstützt werden mussten – komme, was wolle.

Eine kleine Flotte bahnte sich den Weg zum Gardasee

Die technische Ausführung dieses Mammutprojekts wurde an drei Männer unter der Leitung von Niccolò Sorbolo vergeben. Er war ein erfahrener Seemann aus Candia, dem venezianischen Kreta, und taucht in den Quellen als »architectus« auf. Architekt im modernen Sinn war er aber wohl nicht, sondern eher ein technischer Leiter oder Ingenieur.

Wie der Archäologe Massimo Capulli von der Universität Udine ausführt, verließ im Januar 1439 eine kleine Flotte Venedig: zwei leichte Galeeren, drei Fustas und 25 Beiboote, sogenannte »copani«. Die Schiffe fuhren die Adriaküste entlang nach Süden und bogen in den Adige, die Etsch, ein. Dann begann der erste Kraftakt: Flussaufwärts wurden die Schiffe gezogen, doch bei Verona führte die Etsch zu wenig Wasser, sodass zusätzliche Schwimmkörper aus Holz den Tiefgang verringern mussten.

Bei Rovereto schließlich war der Fluss nicht mehr schiffbar, und der zweite, eigentliche Kraftakt begann. Die Schiffe wurden ans Ufer gebracht, auf Transportgestelle montiert, und die Prozession setzte ihren Weg über Land fort.

Eine wandernde Baustelle

Zuerst marschierte der Zug durch Mori ins Loppiotal. Gräben wurden zugeschüttet, Felsen beseitigt, Bäume gefällt. Selbst zwei Häuser mussten abgerissen werden, um Platz für die 40 Meter langen und fünf Meter breiten Galeeren sowie die vielen zusätzlichen Boote zu machen.

Der Transport glich weniger einem Marsch als einer beweglichen Baustelle: Zugtiere, Zimmermänner, Seeleute und Soldaten wuchteten, zerrten und reparierten. Der Lago di Loppio, damals noch ein See, verschaffte eine kurze Erleichterung. Noch mal wurden die Boote und Schiffe zu Wasser gelassen. Es war eine kleine Verschnaufpause vor dem eigentlichen Anstieg über den San-Giovanni-Pass. Dieser liegt bei 287 Metern, was bescheiden klingt, aber auch nur, solange keine Galeeren dort hinaufgewuchtet werden müssen.

Die Schiffe über den Berg zu ziehen, war nur die halbe Miete. Als der logistisch noch weitaus schwierigere Abschnitt stellte sich der Abstieg nach Torbole am Gardasee heraus. Bergauf entschied Kraft, bergab die Kontrolle. Um zu verhindern, dass die Schiffe der Schwerkraft folgten und sich ungebremst in Richtung Gardasee verabschiedeten, vertäuten die Venezianer die Masten an großen Felsbrocken und regulierten die Seile dann über Winden. Die Schiffe hingen buchstäblich am Berg.

Außerdem setzten die Männer Segel; nicht um die Schiffe zu bewegen, sondern um sie zu bremsen. Dazu nutzten sie die Ora, einen kräftigen Wind, der nachmittags häufig vom Gardasee her bläst. Nach etwa 15 Tagen lag die Flotte dann endlich bei Torbole im Wasser.

Vor der Bergüberquerung

So spektakulär diese technische Meisterleistung war, sie liefert nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte schrieb Erasmo da Narni (1370–1443), besser bekannt als Gattamelata. Er war ebenfalls Condottiere, ein Söldnerführer, der seit 1437 als Oberbefehlshaber der venezianischen Truppen diente und hauptverantwortlich für die Verteidigung des venezianischen Einflussgebiets war.

Im Sommer 1438 hatte Mailands Niccolò Piccinino (1386–1444) das Umland Brescias erobert. Gattamelata wurde bei den nahe gelegenen Orten Gavardo und Rovato geschlagen und musste sich in die Stadt zurückziehen. Venedig befahl ihm daraufhin einen riskanten Ausbruch, denn ein festgesetztes Heer nützte wenig. Am 24. September verließ er mit dem Großteil seiner Truppen Brescia und erreichte schließlich das verbündete Verona.

Dort, in Konferenz mit venezianischen Vertretern, wurde die Idee der »galeas per montes« geboren. Und es war das Heer Gattamelatas, das die Region vor Aufbruch des Schiffstransports gesichert hatte, sodass man relativ unbehelligt von mailändischen Truppen oder ihren Verbündeten den Weg zu den Bergen einschlagen konnte.

Venedig errang einen späten Triumph

Nachdem die Flotte 1439 bei Torbole zu Wasser gelassen worden war, sah es für einige Monate so aus, als hätte Venedig das Problem gelöst. Dann schlug Piccinino zurück, nahm einen Hafen am Gardasee ein und drängte die venezianische Flotte zurück. Am 26. September kam es zur Schlacht. Die venezianischen Schiffe unter Pietro Zen wurden vernichtend geschlagen. Der Großteil der Flotte fiel Piccinino in die Hände, viele Offiziere wurden gefangen genommen. Nur zwei Schiffe entkamen nach Torbole.

An diesem Punkt hätte die Geschichte als absurde Episode enden können: Eine Republik zog Galeeren über Berge, nur damit sie wenige Monate später auf dem Gardasee verloren gingen. Venedig brach das Unternehmen aber nicht ab. Die zwei geretteten Schiffe in Torbole wurden zum Kern einer Basis. Dort richtete die Republik eine Werft ein und ließ noch im selben Jahr eine zweite Flotte bauen. Die Teile dafür kamen über die bewährte Route zu Wasser und zu Land.

Damit stellte sich schließlich ein Erfolg für die Republik ein: Am 10. April 1440 besiegte Venedig die mailändische Flotte beim Ponale am Gardasee. Das Gewässer wurde venezianisch beherrschter Raum, Brescia war befreit. Im Frieden von Cremona 1441 fiel die Stadt endgültig an Venedig.

Die »galeas per montes« klingen heute wie eine verrückte Idee; die Aktion war aber mehr. Im mittelalterlichen Italien war Loyalität immer an Gegenleistungen gebunden – wie im Fall der Condottieri: Sowohl Gattamelata als auch Piccinino ließen sich ihre Loyalität teuer erkaufen. Hätte Venedig seine Verantwortung gegenüber Brescia nicht ernst genommen, wären die anderen Städte, die sich durch »dedizioni« an die Seemacht gebunden hatten, womöglich bald abgesprungen. Die Politik der »Terraferma« wäre zum Scheitern verurteilt gewesen.

Die Galeeren über die Berge zu ziehen, war darum vor allem Ausdruck dieser Politik: teuer, riskant, technisch einfallsreich, abhängig von Verträgen und letzten Endes erstaunlich wirksam.

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  • Quellen
Capulli, M., Heritage 10.3390/heritage6020085, 2023

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