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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichten gescheiterter Großprojekte

Der Glaube an die Technik versetzt wenn nicht Berge, dann jedenfalls Schiffe über die Alpen. Unsere Geschichtskolumnisten über drei waghalsige Projekte, die nie realisiert wurden.
Staudamm

Normalerweise versuchen wir in dieser Kolumne zu zeigen, wie unsere Welt geworden ist, wie sie heute ist. Wir stellen Personen, Ereignisse oder Projekte vor, die unsere Gesellschaft geprägt haben oder deren Auswirkungen wir noch heute spüren. Diesmal ist es anders. Denn in dieser Folge geht es um historische Pläne, die allesamt – und vielfach auch: zum Glück – gescheitert sind.

Ein neuer Superkontinent: Das Mittelmeer austrocknen

Da sind zum Beispiel die Pläne des bayerischen Architekten Herman Sörgel, dem gewaltige Staudämme bei der Straße von Gibraltar und bei den Dardanellen vorschwebten. Das Mittelmeer wäre von seinen wichtigsten Zuflüssen abgeriegelt und sollte so teilweise trockenfallen. Sörgel, der 1885 in Regensburg geboren wurde und in München als Regierungsbaumeister arbeitete, legte Ende der 1920er Jahre das Megaprojekt vor. »Atlantropa« hätte es ermöglicht, trockenen Fußes von Europa aus nach Afrika zu gelangen.

Sörgel verstand sich als Pazifist, der mit seinem Projekt einen Beitrag zu einer friedlichen Weltordnung leisten wollte. Seine Idee trägt kolonialistische Züge, denn er hatte nicht zuletzt die Bodenschätze und Rohstoffe in Afrika für die europäische Wirtschaft im Blick. Mit der Absenkung des Meeresspiegels um 100 bis 200 Meter wäre entlang der Küsten eine neue bewohnbare Fläche in der Größe Spaniens entstanden. Außerdem versprach sich der Visionär von den gigantischen Staudämmen riesige Mengen an Energie, nämlich so viel, um damit den ganzen neuen Superkontinent versorgen zu können. Dafür sollte ein Wasserkraftwerk im gewaltigen Staudamm vor Gibraltar sorgen, der eine Länge von 30 Kilometer gehabt hätte.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« auf ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Die Nationalsozialisten lehnten seine Entwürfe ab und belegten ihn mit einem Publikationsverbot. Nach dem Zweiten Weltkrieg schöpfte Sörgel neue Hoffnung, dass Atlantropa nun doch realisiert werden könnte. Allerdings blieb es bei der Utopie. Und das ist nach heutigem Wissensstand auch gut so. Die Auswirkungen auf Mensch und Natur wären enorm gewesen: Sämtliche Mittelmeerhäfen hätten ihren Zugang zum Meer verloren – mit Ausnahme der Stadt Venedig, die Sörgel mit einem Kanal ans Meer anschließen wollte. Weltweit wäre der Meeresspiegel um einen Meter gestiegen, die Folgen für das Klima und die Ökologie kaum absehbar.

Am Ende stellt sich die Frage, ob Atlantropa in dieser Form überhaupt umsetzbar gewesen wäre. Es gibt nämlich berechtigte Zweifel, ob ein Staudamm mit den notwendigen Ausmaßen dauerhaft gehalten hätte. Wir werden es nie erfahren. Nach dem Tod von Herman Sörgel im Jahr 1952 wurde das Projekt nicht mehr weiterverfolgt.

Mit dem Schiff über die Alpen: Die Schweiz am Mittelmeer

Nicht so dramatisch wären die Auswirkungen eines anderen Projekts gewesen, das nie realisiert wurde, aber ebenfalls unglaublich klingt: eine Wasserstraße über die Alpen, vom Mittelmeer zum Bodensee. Der italienische Ingenieur Pietro Caminada plante Anfang des 20. Jahrhunderts eine fast 600 Kilometer lange »Via d'acqua transalpina« von Basel nach Genua.

Um die Höhenmeter auszugleichen, entwarf Caminada eine neuartige Röhrenanlage mit einem komplexen System an Schleusen, in der Schiffe mit einer Länge von 50 Metern Platz gefunden hätten. Von Experten wurden die Pläne sogar als durchführbar eingestuft, und Caminada wartete nur darauf, mit dem Bau loszulegen. Aber seine Ideen kamen wohl zu spät: Als Transportmittel der Zukunft galt die Eisenbahn mit ihren transalpinen Strecken, und spätestens mit Beginn des Ersten Weltkriegs lagen derartige Großprojekte auf Eis.

Klimawandel per Computer steuern

Ein weiteres Feld, in dem Eingriffe in Natur und Umwelt im Großmaßstab geplant wurden und werden, ist das Geoengineering – definiert als das vorsätzliche Eingreifen in das Klimasystem der Erde. Schon lange bevor der Begriff verwendet wurde, gab es konkrete Ideen, die uns heute den Kopf schütteln lassen.

Vladimir Zworykin etwa, Miterfinder des Fernsehapparats, verbreitete bereits 1945 in dem wegweisenden Beitrag »Outline of Weather Proposal« die Vorstellung, dass das Klima und die Wetterphänomene auf der Erde durch den Einsatz von Computermodellen prinzipiell planbar und manipulierbar wären. Dabei nahm er bereits viele Pläne vorweg, die später tatsächlich umgesetzt wurden, wie die Modifikation von Wolken. Doch in seinem Artikel gab er sich damit nicht zufrieden. Ihm schwebte vor, die Ozeanströmungen zu lenken und überhaupt den Energiehaushalt der Erde zu steuern. Seine Ideen präsentierte Zworykin auch John von Neumann, dem Wegbereiter der Informatik, der davon überzeugt war, dass das strategische Eingreifen durch Computermodelle in das Klimasystem die Zukunft wäre.

Das klingt nach Hybris oder einfach nach übersteigertem Vertrauen in Technik und Fortschritt. Denn heute sind wir froh, durch komplexe, von Computern errechnete Modelle zumindest Vorhersagen treffen zu können, wie sich das Klima auf der Erde verändern wird – von Eingriffen und Änderungen im globalen Maßstab sind wir hingegen weit entfernt.

Und so müssen wir doch einen anderen Weg finden, die Klimakrise zu lösen, müssen mit der Bahn durch den Gotthardtunnel fahren statt mit dem Schiff über die Alpen und können nicht unseren Energiebedarf mit einem einzigen Kraftwerk decken.

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