Überkonsum: Nobel geht die Welt zugrunde

Popstars, Sportler, Unternehmer und Staatschefs – sie alle legen im Jahr mehrere Zehn- oder sogar Hunderttausend Kilometer in ihren Privatjets zurück und stoßen dabei zusammengenommen Millionen Tonnen CO2 aus. Sie wohnen in riesigen Villen mit Pool, urlauben in Luxusresorts und feiern exklusive Partys mit Gästen aus der ganzen Welt. Solche Extremfälle stehen exemplarisch für ein strukturelles Muster: Eine kleine, wohlhabende Minderheit verursacht einen überproportional großen Anteil der Umweltverschmutzung. In einer Studie beziffert ein Forschungsteam um Inge Schrijver von der Universität Leiden in den Niederlanden nun erstmals, welche Schäden an Umwelt und Klima die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung mit ihrem Lebensstil jährlich verursachen – und kommt auf Summen in Billionenhöhe. Je besser es den Menschen geht, desto stärker richten sie unseren Planeten zugrunde.
Die Klimakrise ist also kein Menschheitsproblem, sie ist ein Wohlstandsproblem. Entsprechend tragen auch nicht alle gleichermaßen die Verantwortung dafür, das Problem zu lösen, sondern vor allem die, die es verursachen. Schon aus Gründen der Gerechtigkeit.
Es ist dabei zwar nicht falsch, mit dem Finger auf die Superreichen zu zeigen. Ihr Luxusleben verbraucht überproportional viele Ressourcen. Allerdings macht man es sich damit fast etwas zu leicht: Bereits mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von 40 000 Euro beziehungsweise einem Vermögen von rund 120 000 Euro gehört man zu ebenjenen reichsten zehn Prozent. Und schon müssen sich vermutlich viele, die diesen Text lesen, an die eigene Nase fassen.
Bislang hieß es immer: Wenn wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau begrenzen wollen, dürfen wir nur noch eine gewisse CO₂-Menge ausstoßen – zurzeit noch etwa 130 Milliarden Tonnen. Allerdings verbraucht eine kleine Elite in rücksichtsloser Weise große Teile des Budgets, während alle anderen unter den Folgen leiden. Die ärmsten Menschen dieser Erde sind stärker von Naturkatastrophen und Extremwetter betroffen als die reichsten, weil sie in verwundbareren Regionen leben. Oft können sie sich weder Klimaanlagen noch Versicherungen leisten. Und viele sind als Kleinbauern direkt von den Leistungen der Natur abhängig.
Schrijver und ihre beiden Kollegen haben versucht, die Schäden, die durch CO₂-Emissionen, durch den Verlust der Artenvielfalt, durch Stickstoff- und Phosphorbelastung und durch Süßwasserverbrauch entstehen, in einen Geldwert umzurechnen. Sie kommen mit ihren Schätzungen darauf, dass die zehn Prozent der Weltbevölkerung, die am meisten konsumieren, Umweltschäden in Höhe von zusammen zwischen 1,7 und 5,7 Billionen Dollar pro Jahr verursachen. Die Folgen sind Dürre, Hitzestress, Überdüngung von Gewässern, Vernichtung von Ökosystemen und letztlich Leid für Mensch und Tier. Zwar geben die Forschenden zu, dass es sich bei einer solchen Rechnung stets nur um ein abstraktes Konstrukt handelt – doch sie beziffert die Dimension des Problems.
Es braucht Steuern auf Luxus- statt auf Grundgüter – und die eingenommenen Gelder müssen konsequent in den Klima- und Artenschutz investiert werden
Überraschend ist dabei, dass der größte Teil der Schäden nicht auf den Klimawandel entfällt, sondern auf den Verlust der Biodiversität. Laut Studie sind 47 bis 56 Prozent der Gesamtkosten auf das Artensterben zurückzuführen, insbesondere weil natürliche Lebensräume zerstört werden. Der Klimawandel folgt mit 36 bis 45 Prozent erst an zweiter Stelle. Das zeigt, dass Umweltpolitik den Schutz der biologischen Vielfalt deutlich stärker in den Fokus nehmen sollte, als dies bislang getan wird.
Zur Wahrheit gehört auch: Die von den Forschenden errechnete Schadenssumme beträgt ein Vielfaches dessen, was die internationale Gemeinschaft an Mitteln für den Klima- und Artenschutz zugesagt hat. Um diese Lücke zu stopfen, ist die einzig faire Lösung, diejenigen stärker zur Kasse zu bitten, die die Verschmutzung verursachen. Es braucht Steuern auf Luxusprodukte statt auf Grundgüter – und die eingenommenen Gelder müssen konsequent in den Klima- und Artenschutz investiert werden. So ließen sich möglicherweise nicht nur Emissionen senken, sondern auch soziale Ungleichheiten verringern, schreiben die Autoren.
Und noch aus einem anderen Grund ist es wichtig, die reichsten zehn Prozent zur Verantwortung zu ziehen: Sie seien nicht nur diejenigen, die den größten Schaden verursachen, sondern auch diejenigen, die den größten Hebel besitzen, ihn zu verringern, betont Co-Autor und Umweltwissenschaftler Paul Behrens. »Das Kapital, das sie investieren, entscheidet darüber, welche Branchen wachsen. Die Unternehmen, die sie führen, bestimmen die Perspektiven für alle anderen. Und die Lebensstile, die sie vorleben, prägen, was als normal gilt. Sie verfügen häufig über eine überproportionale Gestaltungsmacht.« Es hängt also vor allem an den Reichen, die Klimakrise zu bewältigen. Sie müssen ihren Einfluss nutzen – und zum Wohle aller bei sich selbst anfangen.
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