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Hirschhausens Hirnschmalz: Lasst Profis ran

Warum die meisten Maßnahmen gegen den Klimawandel nicht nur dem Planeten guttun, sondern vor allem unserer eigenen Gesundheit
Dr. Eckart von HirschhausenLaden...

2017 hatte Christian Lindner noch auf FDP-Wahlplakate drucken lassen: »Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer.« Jetzt findet er, die sollen erst mal etwas Ordentliches lernen und nach Schulschluss streiken oder es noch besser »den Profis« überlassen. Ich versuche mich gerade zu erinnern, ob je ein Streik in der Freizeit stattgefunden hat. Piloten oder Lokführer streiken auch immer während der Arbeitszeit. Warum soll das bei Schülern anders sein? Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht der internationalen »Fridays for Future«-Bewegung, erwiderte auf Lindners Rat: »Die Profis sitzen anscheinend gerade nicht in unseren Parlamenten. Und sicher nicht in der FDP.«

Wer sind überhaupt die Profis? Na, Wissenschaftler! Und die haben sich jetzt zusammengetan für »Scientists for Future«. In deren Stellungnahme heißt es: »Die Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen sind ­berechtigt!« Die Forscher erklären auf Grundlage ge­sicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse: Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei Weitem nicht aus. Und auch eine Wortmeldung von 40 Akademien – von der Leopoldina bis zum Institute of Medicine in den USA – unterstreicht: Wir machen das nicht für eine abstrakte Umwelt, sondern für unsere eigene Gesundheit.

Kann das so einen Riesenunterschied machen, ob es ein paar Grad wärmer wird? Als Arzt weiß ich: Von 41 zu 43 Grad Körpertemperatur führt ein großer Sprung. Der über die Klinge. Doch wenn sich die Menschheit selbst abzuschaffen droht durch Überhitzung, lässt uns das seltsam kalt. Auch Politiker wie Verkehrsminis­ter Scheuer tragen nicht gerade zum Ansehen der Wissenschaft bei, wenn er alle Evidenz seiner Profis wegwischt mit dem »gesunden Menschenverstand«.

Wissenschaft ist eine Methode, gerade nicht aufs Bauchgefühl oder die eigene Anschauung zu setzen. Dennoch braucht es Emotionen, damit aus Erkenntnissen und Botschaften Taten werden. Und das Thema Gesundheit ist dafür wunderbar geeignet, denn wir suchen uns die Luft zum Atmen nicht aus. Ein Feinstaubteilchen fragt auch nicht danach, wie du krankenversichert bist. Den meisten Feinstaub machen global betrachtet offene Feuer. Würde man Menschen weltweit zu einer effizienteren Energienutzung beim Kochen verhelfen, würde das Essen trotzdem warm, aber die Lungen litten weniger.

Wenn so viele Politiker immer noch in eine Verteidigungshaltung verfallen, sobald es um notwendige Schritte zu einer nachhaltigen Welt geht, hilft es, sich die Vorteile so einer Umstellung klarzumachen. Wer das Auto stehen lässt und per Rad zur Arbeit fährt, tut primär nicht der Umwelt, sondern sich selbst einen Gefallen. Autofahren ist Stress, Radfahren gut für Seele und Körper. Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um zu verstehen: Ich atme immer noch lieber die Abgase von zehn Radfahrern ein als die von einem Auto.


5/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 5/2019

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